Dem Improvisateur ist nichts zu schwör. Was tun, wenn die Musiker rundum plötzlich seltsame Klangfarben aus ihren Instrumenten kitzeln? Marc Ribot greift kurzerhand in seine Tasche, zieht etwas hervor, das aussieht wie ein Hausschlüssel, und traktiert damit die Gitarre. Nicht, dass dieser unverhoffte Metall-Einsatz wirklich hörbar geworden wäre im allgemeinen Klangbad. Aber allein, wie der Mann mit der Weitsichtbrille und dem Sakko, professoral und leutselig zugleich anzusehen, in den Tiefen seiner Tasche wühlt, ist ein Bild für Götter.

Anschlag auf die Glückshormone

Überhaupt ist es der US-Amerikaner, der das Jazzfestival Saalfelden im heurigen Krisenjahr aufwertet. Am Samstag frönt der Freistil-E-Gitarrist seiner Lust an der Rockmusik, natürlich mit launigen Beigaben: Im robusten Rahmen seines Trios Ceramic Dog setzt es ein Wechselbad aus eigenbrötlerischen Instrumentalen und, Überraschung!, fast so etwas wie Ohrwürmer aus der Feder des Jazz-Intellektuellen. Besser noch der Sonntag: Da liefert Ribot im Verbund mit dem Avram Fefer Quartet ein Exempel, wozu Jazz in Bestform imstande ist. Nämlich nicht bloß Kennerreflexe der Marke "Klingt wie" auszulösen, sondern gleichermaßen in Hirn, Bauch und Bein zu fahren. Auf der Basis tonaler Grooves, klangschön und geschmeidig von Nick Dunstons Kontrabass gereicht und von Drummer Chad Taylor federnd vorangetrieben, lässt der Saxofonist Fefer seiner Fantasie die Zügel schießen: Scharfe Zickzacklinien, immer heftiger in den Luftraum gemalt, gipfeln in herben Spalttönen. Und Ribot? Sprengt genüsslich die Grenzen der Tonalität und setzt Fefers Gebirgspanorama der Spannungsbögen ebenbürtig fort: ein Anschlag auf die Glückshormone.

Ein solcher hat gut getan am Ende dieses Festivaljahrgangs - denn der war auf der Hauptbühne leider von schwankender Qualität geprägt. Was nicht zuletzt an einer höheren Gewalt namens Corona lag. Die Entscheidung zum Vollprogramm ist erst im April gefallen, die Pandemie hat dann auch die Programmauswahl mitgeprägt: Welche Länder würden im Sommer einen ungehinderten Reiseverkehr gestatten? Eine Rechnung mit mehreren Unbekannten, auch in Hinblick auf das zahlende Publikum. Das strömte dann auch tatsächlich nicht im gewohnten Ausmaß herbei und ließ manche Lücke im Kongresshaus aufblitzen. Wobei anzumerken ist: Die Entscheidung, die Main Stage heuer mit einem besonders prallen Angebot an Gratiskonzerten zu umzingeln, hat dem Festivalzentrum auch nicht gerade einen Dienst erwiesen.

Bleiben dennoch einige Glanzlichter vom Festival für fortgeschrittene Improvisationskunst zu vermelden: Das Trio von US-Tastenmann Craig Taborn etwa, das dem stadtbekannten Free Jazz huldigt, der Bühne aber auch einen schillernden Mix aus Hip-Hop-Beats und freitonalem Spiel beschert. Oder die Afroamerikanerin Camae Ayewa, in Zeiten der Black-Lives-Matter-Parole Künstlerin der Stunde: Die aktivistische Rapperin mit dem Künstlernamen Moor Mother Goddess ("maurische Muttergöttin") ergeht sich mit ihrem Quintett erst in rituellem Trommeln, dann beginnt das Saxofon zu quäken, röhrt die Trompete, nehmen Schlagzeug und Bass grimmig Fahrt auf: Ein freejazziger Wutsturm bricht los und bereitet die Bühne für die Mantra-haften Klagen der Frontfrau. "Zu viele Waffen!", zürnt sie. Oder auch: "So viel Gewalt!" Eine Zornespredigt, die ihre Kraft vor allem aus einem brennheißen Klangbild bezieht.

Umso subtiler die Erstbegegnung zwischen den US-Pianistinnen Sylvie Courvoisier und Kris Davis: Wolkig bis Cluster-stürmisch, konkretisiert sich ihr Zusammenspiel immer wieder zu kantigen Unisono-Abschnitten; Grooves aus einem Niemandsland zwischen Gil Evans und György Ligeti setzen Magie frei. Und dann wäre da, stellvertretend für manchen charmanten Act, noch das heimische Quintett Chuffdrone zu erwähnen, das ein Amalgam aus akustischen Groove-Passagen und komplexem Kammerjazz kultiviert - und mit einem 19/8-Takt die wohl gefinkeltste Metrik des Festivaljahrgangs liefert. Bleibt zu hoffen, dass der nächste Saalfelden-Sommer wieder ganz vom Taktgeber Corona befreit ist.