Den Arsch von Mick Jagger hat keiner so oft gesehen wie er. Allerdings ging Charlie Watts diese umgekehrte Pole Position selbst eher am Allerwertesten vorbei. Bei der Arbeit auf der Bühne machte der Mann mit dem sympathisch-verschmitzten Lächeln ohnehin gerne den Eindruck, als wäre er gedanklich gar nicht in der Mehrzweckhalle oder im Stadion, sondern viel eher bei den von ihm gezüchteten Vollblutarabern auf seinem Gestüt Halsdon oder im Lehnstuhl daheim im südwestenglischen Devon.

Doch der Rhythmus stimmte. Während Mick Jagger Grimassen schnitt und Keith Richards vorne rechts gerade auf Rauchpause war – oder wieder danebengriff –, fiel sein Spiel ähnlich trocken, schnörkellos und geradlinig aus wie seine fast sechs Jahrzehnte währende Rolle als Sir im Hintergrund einer Ausschweifungskapelle. Charlie Watts hielt seine Band nicht nur als Metronom, sondern auch als Mediator und Ruhepol zusammen.

Zum Glück waren nicht nur bei "(I Can’t Get No) Satisfaction" als notorischer letzter Zugabe die Augen immer auf den exaltierten Kollegen mit der dicken Lippe und der engen Hose gerichtet, der sich an der Bühnenkante an die Eier griff und das "Fit mach mit"-Programm im Ausdruckstanzmodus vorexerzierte. Exakt niemand hätte Charlie Watts diesen Songtext – und ähnliche Posen – abgekauft. Nicht einmal und vor allem nicht er selbst.

Im Gegensatz zu seinen Bandkollegen Mick Jagger und Keith Richards kam der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Watts ursprünglich vom Jazz, den er gemeinsam mit seinem Nachbarn, dem Bassisten Dave Green, zunächst auf Platten von Jelly Roll Morton, Duke Ellington, Charlie Parker und Miles Davis konsumierte. Der Wunsch, selbst zu den Drumsticks zu greifen, kam aber bei einer Aufnahme des US-amerikanischen Baritonsaxofonisten Gerry Mulligan auf, bei der Chico Hamilton am Schlagzeug saß. Seiner Jazz-Leidenschaft ging Watts als Ausgleich zur Stammband mit Auftritten und Alben des Charlie Watts Orchestra oder des Charlie Watts Quintet sowie als Gastschlagzeuger zu seinem Vergnügen quer durch die Jahrzehnte nach. Seine ursprüngliche Annäherung an den Rhythm and Blues beschrieb der gelernte Grafikdesigner einmal so: "Als sie mich baten, ihn zu spielen, wusste ich nicht, was das war. Ich dachte, es bedeutet Charlie Parker, nur langsam gespielt."

Nach Anfängen in Gruppen wie den Jo Jones All Stars und Blues Incorporated trat der am 2. Juni 1941 in London geborene Autodidakt, der sich seine erste Trommel aus einem alten Banjo baute und sein erstes Schlagzeug im Alter von 14 Jahren geschenkt bekam, seiner lebenslangen späteren Band auch aufgrund eines soliden Einkommens aus dem Brotjob nicht unmittelbar bei. Nach anfänglichen Treffen ab Mitte 1962 ist als gemeinsamer öffentlicher Debütauftritt ein Konzert im Ealing Jazz Club vom 2. Februar 1963 verbrieft.

Mit der Cover-Gestaltung des Albums "Between The Buttons" von 1967 bewegte sich Charlie Watts noch zwischen den Welten. Später lebte er den Rock ’n’ Roll mit all seinen Begleiterscheinungen auf seine eigene Weise: aus der Distanz. Bis auf eine kurze Phase des standesgemäß übermäßigen Alkohol- und Drogenmissbrauchs (hey, Rockmusik!) in den 1980er Jahren verbrachte er sein (Berufs-)Leben ebenso skandalfrei wie privat strikt abseits des Rampenlichts. Selbst als Hugh Hefner die Rolling Stones 1972 sehr zu deren Freude auf seine Playboy Mansion einlud, verzog sich Watts in den Spielsalon. Seine Ehe hielt seit 1964 und bis zum Schluss als 80-jähriger Vater und Großvater, der immer noch bei einer der größten Bands der Geschichte aktiv war. Nein, von den großen Schlachten und Heldentaten von seinerzeit musste der Mann nie im reinen Rückblick erzählen. Er befand sich trotz zeitweiliger Fluchtreflexe bis zuletzt mittendrin.

Aussparung und Reduktion in Technik und Spiel – und Stil in der Erscheinung: Mit dem herkömmlichen Klischee des verrückten Rock-Schlagzeugers als Ebenbild des Drummers Animal aus der "Muppet Show" hatte Watts überhaupt nichts zu tun. Kein Fill-In zu viel, kein überzogenes Geklöppel auf Tomtoms, keine auf Dominanz abzielende Bassdrum, die unter dem Wellblech eines typischen Open-Air-Konzertes alles mit ihrer wummernden Schwere erdrückt. Und dazu ein Auftreten, das Lackschuhen und Maßanzügen abseits der Bühne selbstverständlich den Vorzug vor Jeansgilets und Turnschuhen gab – so kannte man ihn, der nach einer überstandenen Kehlkopfkrebserkrankung im Jahr 2004 zuletzt erneut gesundheitlich angeschlagen war.

Für den nächsten Teil der "No Filter Tour", die eigentlich am 26. September in St. Louis starten sollte, ließ sich Watts vorab entschuldigen und von Steve Jordan vertreten. Eine Rückkehr ist nun nicht mehr möglich. Am Dienstag starb der eleganteste Rolling Stone im Kreis seiner Familie in einem Krankenhaus in London. Die Zukunft seiner Band bleibt indes ungewiss. Die Stones ohne ihren Taktgeber und Gentleman auf dem Rücksitz, das erscheint nach sage und schreibe 58 gemeinsamen Jahren infam, unmöglich, schlicht nicht vorstellbar.