"I never kissed a bear, I never kissed a goon / But I can shake a chicken in the middle of the room": Wem bei Erwähnung ihres Namens kein Licht aufgeht, der ist spätestens bei diesen Zeilen oder den ersten Takten ihres Hits von 1958 im Bilde. Mit "Let’s Have A Party" lieferte Wanda Jackson den Soundtrack des anbrechenden Rock-’n’-Roll-Zeitalters und heizte jeder Zusammenkunft ein, bei der sich junge Leute noch mit adretten Pullundern, Hornbrille und Zigarettenspitz vom Nachkriegsmief emanzipierten.

Zwar hatte Elvis den Song bereits im Jahr davor aufgenommen, für die nachhaltigere und schärfere Version aber sorgte die am 20. Oktober 1937 in Oklahoma geborene spätere "Queen of Rockabilly" mit der schrillen Stimme. Elvis konnte ihr nicht böse sein. Immerhin war er es, der der ursprünglich vom Country her kommenden Sängerin empfohlen hatte, sich der Rockmusik zuzuwenden - und sie gleich mit auf Tour nahm.

Sie datete den King bereits während einer gemeinsamen Konzertreise im Jahr 1955 und teilte sich die Bühne später mit Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins. Dem Musikgeschäft im Allgemeinen und dem Rockabilly im Speziellen verlieh sie ein weibliches Gesicht und beanspruchte das Publikum mit sexuell fordernden Texten. Allerdings erwies sich Wanda Jackson, wie 1968 auch ihr Album "The Many Moods Of ..." suggerierte, früh als Wandlerin zwischen den Welten. Während sie schneidenden Rock und biederen Country zeitweise auf einer Platte vereinte, lebte sie Zweiteren an der Mainstreamfront bald auch in Reinkultur.

Und sie feierte zwei absurde Hits im weit entfernten Ausland: In Deutschland und Österreich reüssierte 1965 "Santa Domingo", ein streng nach Lautschrift aufgenommener Schlager für das Kuchlradio, in Japan wurde "Fujiyama Mama" 13 Jahre nach Abwurf der US-Atombomben über Hiroshima und Nagaski zum Bestseller - trotz infamer Zeilen wie "Well you can say I’m crazy, so deaf and dumb! / But I can cause destruction just like the atom bomb ...". Zwischendurch hörte man Wanda Jackson mit Songs wie "Right Or Wrong" aber auch im ans Herz rührenden sanften Duktus des großen Roy Orbison, wofür die Sängerin sogar ihre Samtstimme entdeckte.

Comeback in Kaschemmen

Nach ihrer Hinwendung zum Christentum in den 70er Jahren setzte es Erlösungscountry und Andachtsgospel. Als sie den Kontakt zu ihrem Rock-Publikum längst verloren glaubte, brachen die 80er Jahre an und junge Verrückte wie The Cramps um Sänger Lux Interior, die Wanda Jackson als goldenes Original verehrten, verhalfen ihr zum Comeback. Wenn Gott das so wollte, konnte der Weg kein verkehrter sein - auch wenn dieser nun durch finstere Kaschemmen führte, die der Sängerin Angst einjagten. 44 Studioalben bis hin zum von Jack White produzierten "The Party Ain’t Over" (2011) oder "Unfinished Business" (2012) kündeten neben reger Konzerttätigkeit bis zuletzt von einer rastlosen Seele. Erst im Jahr 2019 gab Wanda Jackson ihren Abschied von der Bühne bekannt, nun erschien mit "Encore" (Big Machine) ihr letztes Album.

Die Arbeitsbeziehung mit Produzentin Joan "I Love Rock ’n’ Roll" Jett bezeugt dabei eine Schwesternschaft im Geiste. Gemeinsam wird deklariert, dass die Frauen hier nach wie vor die Hosen anhaben - und dass man auch im Alter von 83 Jahren noch sexuell Forderndes singen kann ("You Drive Me Wild").

Einmal noch abgebremster Boogie, Rockabilly mit Honkytonk-Klavier und schließlich der Tränen und Whiskey vereinende Sound der letzten Sperrstunde: 67 Jahre nach ihrer ersten Aufnahme geht Wanda Jackson nun in Pension. "Encore" ist ein würdiger Schlussstrich.