"More than enough / You can take it all, but the Lord on my side / The spirit won’t die / Oh, oh, my life, yeah / Is in His hands, so I don’t stress, I pray and strategize."

Gestresst hat sich Kanye West dann tatsächlich nicht. Sein neues Album "Donda" wurde über Wochen hinweg immer wieder verschoben, während sein Schöpfer in der Umkleidekabine eines eigens angemieteten US-Footballstadions campierte, um es dort angeblich fertigzustellen und zwischendurch absurde "Listening Events" zu veranstalten.

Die Sache mit der Strategie allerdings ging womöglich in die Hose. Kurz nachdem "Donda" dann schließlich und endlich veröffentlicht war, meldete sich der 44-jährige Rapper aus Atlanta, Georgia, mit der Mitteilung zu Wort, dies sei als Entscheidung seiner Plattenfirma Universal Music zu betrachten und gegen seinen Willen geschehen.

27 neueste Kirchenlieder

Korrekterweise und zum Stein des Anstoßes passend, wurde das Album aber auch gar nicht veröffentlicht, sondern "es ist erschienen". Standesgemäß am Tag des Herrn schwebte es aus dem Äther zu den Hip-Hop-Jüngern herab. Die standen wahrscheinlich gerade in den irdischen Niederungen einer Shopping Mall in ihren Sneakers herum und staunten nicht schlecht, als der Gottesdienst diesmal länger ausfiel als sonst üblich: Mit 27 neuesten Kirchenliedern und einer Spielzeit von sage und schreibe einer Stunde und 48 Minuten blieb und bleibt viel Zeit, um den Herrn zu lobpreisen.

Seit seiner womöglich künstlerischen oder auch einfach nur künstlichen Neuerfindung als bipolarster Christ auf Gottes schöner Erde und Gott-Rapper mit Taufnamen Yeezus ist dieser Herr und Gebieter übrigens nicht mehr nur Kanye West selbst, sondern gerne auch der tatsächliche Herr und Gebieter, der für uns am Kreuze starb.

Nach dem mit seinen 27 Spielminuten nicht nur vergleichsweise bescheidenen Album "Jesus Is King" von 2019 heißen auch die neuen Tracks nicht grundlos "God Breathed", "Praise God", "Jesus Lord", "Lord I Need You", "Tell The Vision" oder "New Again". Gemeinsam im mitunter mit Autotune zart weltlich aufgemotzten Andachtsgesang mit dem Sunday Service Choir und bei Einsprengseln ergriffener (TV-)Prediger nach dem Beispiel Steve Martins im Film "Leap of Faith" ("Der Schein-Heilige") von 1992 wird Gott dabei im Gottvertrauen um einen Weg aus dem Sündenpfuhl ersucht, der um uns herum hochzüngelt wie das Höllenfeuer am Tag des Jüngsten Gerichts, nachzuhören in Stücken wie "Heaven And Hell", "Jonah" oder "Jesus Lord", in denen die Teufel und Dämonen nur so umgehen, dass es staubt.

Verlorener Sohn, von Orgel begleitet

Immerhin hat Kanye West neben ungefähr drei ganzen Apostel-Teams um diverse prominente Gastrapper von Jay-Z abwärts ("Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist" - Hebräer 13:5) und 21 Produzenten neben bis zu 12 Co-Autoren pro Song für das Stück "Jail Pt. 2" auch den derzeit aufgrund akuter Homophobie gecancelten Rapper DaBaby sowie den wegen Missbrauchsvorwürfen angeklagten ehemaligen oder nunmehrigen "Schockrocker" Marilyn Manson an Bord geholt. Erster darf unwidersprochen Apologetik betreiben und berichtet im Bereich der Ursachenforschung über eine harte Kindheit unter Drogendealern, Junkies und Killern bei gleichzeitiger Absenz seiner Mama.

Dafür ist wenigstens die Mutter von Kanye West die Beste. Gewissermaßen auch als verspätete Trauerarbeit für die 2007 verstorbene Universitätsprofessorin für Anglistik Donda West angerichtet, erscheint diese dem Titel ihres Buches "Raising Kanye: Life Lessons from the Mother of a Hip-Hop Superstar" entsprechend aber vor allem in ihrer Rolle als Mutter Gottes. Währenddessen verheimlicht Kanye West selbst seinen Glanz und seine Glorie auch heute nicht vor den Jüngern, gesteht aber auch seinen Irrweg als verlorener Sohn, der mitunter vom rechten Weg abkommt: "Dropped out of school, but I’m that one at Yale / Made the best tracks and still went off the rail."

Nach sehr vielen Stoßgebeten und Errettungsrufen mit Orgelbegleitung ist man als Zaungast dieser Messe am Ende erleichtert, doch nur ein Tourist zu sein, der die Kathedrale verlässt, wie er sie betreten hat: staunend, aber in schwerem weltlichem Zweifel. Für Kanye West hofft man indes auf einen Gott, der zu vergeben bereit ist.