Mikis Theodorakis ist am 2. September auf der Insel Chios gestorben, die am 29. Juli 1925 auf sein Geburtsort gewesen war. Der Kreis schloss sich.

Griechenland wird weiter Griechenland sein ohne ihn, aber es wird ein anderes Griechenland sein. In der Antike hätten seine Landsleute Mikis Theodorakis unter die Sterne versetzt. Für die modernen Griechen wird er zu einem der Mythen des an Mythen reichen Landes werden.

Um Mikis Theodorakis gerecht zu werden, genügt es nicht, Lebensdaten aufzuzählen. Und es genügt nicht, das Kuriosum zu erwähnen, dass er, der von Olivier Messiaen ausgebildete zeitgenössische Komponist, einen veritablen Volkstanz erfunden hat, den Tanz ausgerechnet, den alle Welt für den griechischsten aller griechischen Tänze hält: den Sirtaki. Um Mikis Theodorakis gerecht zu werden, muss man versuchen, ihn mit griechischen Augen zu sehen, seine Musik mit griechischen Ohren zu hören, ihn mit griechischem Herzen zu verstehen. Seit den griechischen Autoren der Antike hat kein Grieche seine Nation dermaßen im Bewusstsein der Welt verankert wie Mikis Theodorakis, Komponist aus Begabung, Freiheitsheld aus Überzeugung, Politiker aus Notwendigkeit.

Mikis Theodorakis auf einem Foto aus dem Jahr 2018. 
- © APA, afp, Angelos Tzortzinis

Mikis Theodorakis auf einem Foto aus dem Jahr 2018.

- © APA, afp, Angelos Tzortzinis

Widerstand leisten

Schon die Jugend verläuft nicht geradlinig in Richtung Musik. Die Begabung manifestiert sich zwar schon im kindlichen Alter. Aber als deutsche, italienische und bulgarische Truppen im Zweiten Weltkrieg Griechenland besetzen, schließt sich Mikis Theodorakis den Partisanen an. Er wird gefangen genommen.

Gefoltert.

Er kommt frei, schließt sich den Kommunisten an, weil er in ihnen die stärkste Kraft gegen den Faschismus zu erkennen glaubt, wird Mitglied der Griechischen Volksbefreiuungsarmee. Im Griechischen Bürgerkrieg, der von 1946 bis 1949 zwischen Konservativen und Kommunisten tobt, wird er in das Konzentrationslager auf der Insel Makronisos verbracht. Zweimal wird er lebendig begraben. Als er 1949 aus der Haft entlassen wird, ist er physisch und psychisch am Ende seiner Kräfte. Seine Leiden enden noch nicht: Auf Kreta wird er abermals gefoltert und psychischen Torturen ausgesetzt.

Nach Ende des Bürgerkriegs erholt sich Theodorakis allmählich. Er absolviert das Musikstudium in Griechenland, heiratet seine Verlobte Myrto Altinoglou, dann geht das junge Paar nach Paris, wo Theodorakis bei Olivier Messiaen studiert.

Erste bedeutende Werke entstehen: eine Symphonie, Vokalwerke, Ballette. Seine Suite Nr. 1 für Klavier und Orchester bekommt 1957 in Moskau eine Goldmedaille. In der Jury sitzen Dmitri Schostakowitsch und das musikalische Aushängeschild der DDR, Hanns Eisler. Eine politisch motivierte Ehrung? – Der französische Komponist Darius Milhaud, der kein radikaler Linker ist, nennt Theodorakis "den besten europäischen Komponisten des Jahres".

Dennoch darf Theodorakis‘ Landsmann, der international renommierte Dirigent Dimitri Mitropoulos, seine Musik nicht in den USA aufführen. Dort nämlich sieht man in Theodorakis nur den Parteigänger der Kommunisten.

Zurück in Griechenland, lässt die Politik lässt Theodorakis nicht los: Nach der Ermordung des links-sozialistischen Parlamentsabgeordneten Grigoris Lambrakis gründet er die Lambrakis-Jugend. 1964 wird er als Abgeordneter der EDA-Partei (Vereinigung der Demokratischen Linken) ins Parlament gewählt.
In dieser Zeit (1964) entsteht 1964 der Film "Alexis Sorbas" unter der Regie von Michael Cacoyannis. Theodorakis schreibt die Musik – und erfindet für eine Szene einen griechischen Volkstanz, den Sirtaki.

Zurück in den Widerstand

Am 21. April 1967 putschen die faschistischen Obristen. Theodorakis geht prompt abermals in den Widerstand, taucht unter, veröffentlich antifaschistische Aufrufe.

Er wird verhaftet.

Wieder wird er gefoltert.

Dann in ein Konzentrationslager verschleppt. Dort erkrankt er an Tuberkulose. Künstler aller Nationen und aller Sparten plädieren für ihn: Dmitri Schostakowitsch, Leonard Bernstein, Harry Belafonte, Arthur Miller, Sir Laurence Olivier und andere erbitten seine Freilassung.

1970 darf er ins Exil nach Frankreich ausreisen. Er gründet den Nationalen Widerstandsrat (EAS) und beginnt seine Welttourneen, die zugleich musikalische Ereignisse und Kampf gegen die Diktatur in Griechenland sind. Bis zum Sturz der Faschisten am 23. Juli 1974 setzt Theodorakis sein kräfteraubendes Engagement fort. Allerdings war er 1972 aus der euro-kommunistisch ausgerichteten Kommunistischen Partei Griechenlands ausgetreten. Er wird nie wieder einer Partei angehören.

1974 kehrt Theodorakis in seine Heimat zurück. Die Griechen feiern ihn als Volkshelden. Eigentlich will er jetzt, da Griechenland frei ist, die politische Arbeit ablegen und sich dem Komponieren widmen. Es entstehen Opern ("Medea", 1981; "Elektra", 1995; "Antigone", 1999), Kantaten, Orchesterwerke.

Minister unter Mitsotakis

Wieder Politik: Er ruft zum Zusammenschluss der Linksparteien auf, ist (erfolgloser) Kandidat der KKE, der marxistisch-leninistisch ausgerichteten kommunistischen Partei, bei den Athener Bürgermeisterwahlen. 1983 wird ihm der Lenin-Friedenspreis zuerkannt, eine Auszeichnung der Sowjetunion und rein politisch konnotiert.

Dann freiwilliges Exil in Paris; endlich lossagen von der Politik, nur noch komponieren. Doch Konstantinos Mitsotakis, griechischer Ministerpräsident holt, obwohl konservativ, den Freiheitshelden Theodorakis als Minister ohne Aufgabenbereich in seine Regierung. Bis 1992 gehört er ihr an, kümmert sich um Reformen im Bereich Kunst und Kultur.

Jetzt endlich zieht sich Theodorakis zurück, komponiert. Aufsehen erregt er vor allem aber mit seinen politischen Statements. Man wirft ihm Antisemitismus vor, weil er sich auf die Seite der Palästinenser stellt, auch deren Hymne komponiert, und Israel klischeehafte Vorwürfe macht. Dann wieder steht er im Balkankrieg auf der Seite Serbiens, später unterstützt er den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras von der Partei SYRIZA, der "Koalition der radikalen Linken". Noch im Rollstuhl absolviert Theodorakis öffentliche Auftritte, wenn es darum geht, für Freiheit und ein selbstbestimmtes Griechenland zu werben.

Schließlich kehrt er heim nach Chios. Zeichensetzung bis zuletzt.

Die Volkslieder des Volkshelden

Wie die Musik eines solchen Menschen beurteilen? – Die angestrebte Volkstümlichkeit: Sie gelingt. Viele von Theodorakis‘ Liedern sind Chansons und Songs, scheinbar simpel und doch so raffiniert, dass sie mit- und nachsingbar sind, ohne in Banalitäten zu verfallen. Seine Kantaten und Orchesterwerke: schwierigere Fälle. "Axion Esti" nach Odysseas Elytis und "Canto General" nach Pablo Neruda besitzen den hinreißenden Schwung orchestral aufgepulverter, rhythmisch geschärfter Folklore – aber es ist in hohem Maß "musica impura", Musik, die Funktion einer übergeordneten, hier politischen, Aussage ist. Theodorakis will mit diesen Werken Volksmengen ansprechen. Immerhin: Es funktioniert. Wenn sich Theodorakis indessen wegbewegt vom Massenlied, wird es problematisch: Seine Symphonien wirken planlos, seine Opern sind viel zu lange Ströme mäandernder Melodik in viel zu einheitlich dichtem Satz und viel zu einheitlich voluminöser Instrumentierung. Zu nachdrücklich ist das höhere Niveau angestrebt.

Aber welch ein Melodiker war dieser Mikis Theodorakis in seinen Songs! Welches Feuer entfachte er, wenn er die Freiheit besang, die Gemeinschaft der Menschen, wenn er eine neue griechische Folklore schuf! Darin kam ihm niemand gleich.

Und so muss man ihn sehen und verstehen: Als einen Freiheitshelden, der auch Musiker war. Als einen Griechen, der die Welt humaner machen wollte mit der Kraft seiner Kunst.