Es war einer dieser Überraschungserfolge, die vor der trüben Corona-Zeit das Universum des Indie-Pop sporadisch mit hübschen kleinen Schlaglichtern erhellten: 2012 verblüffte der Südstaatler Matthew E. White mit seinem (Solo-)Debüt "Big Inner" die Fachwelt - und, weil deren Jubelarien über besagtes Indie-Universum hinaus Gehör fanden, sogar ein breiteres Publikum: große Worte über große Gefühle ("Big Love"!), eingekleidet in große Soul-, Pop- und Rock-Arrangements.

Man mag das, wie die "New York Times", als "dramatischen Pop-Gospel, der Extreme des Stimmungsspektrums anschlägt" benennen, man mag es trocken als eine gelungene Synthese schwarzer und weißer Musik im Geiste von Sly & The Family Stone bezeichnen.

Kooperationen

Danach hat White unter eigenem Namen bis jetzt nur noch eine Platte veröffentlicht: das ziemlich gedämpfte, bisweilen fast wie schockgefroren klingende "Fresh Blood" von 2015. Nun wird in einer Woche Whites drittes Album, "K Bay", erscheinen. Drei LPs in neun Jahren - das scheint selbst nach heutigen, wegen bekanntermaßen limitierter Absatzmöglichkeiten in die Weite gezogener Veröffentlichungsfrequenzen ziemlich mickrig. Zumal White trotz seiner 39 Jahre Lebensweisheit immer noch als eine Art Newcomer gilt.

White war natürlich in all den Jahren weit davon entfernt gewesen, sich im heimatlichen Richmond, Virginia, die Sonne auf den etwas ausgebuchteten Wanst scheinen zu lassen und seinem Bart beim Wachsen zuzuhören. Er produzierte auf seinem eigenen Label Spacebomb Records die in Insiderkreisen gefeierte Singer-Songwriterin Natalie Prass oder duettierte 2017 mit der englischen Singer-Songwriterin Flo Morrissey für ein Album mit Coverversionen aus dem Indie- und Soul-Kosmos. Aus Whites Bekanntschaft mit dem ebenfalls aus den US-Südstaaten stammenden bildenden Künstler Lonnie Holley erwuchs eine bemerkenswerte Kooperation, deren vom Sprechgesang Holleys dominiertes, ziemlich improvisiert klingendes Ergebnis, die LP "Broken Mirror: A Selfie Reflection", gerade erst vor ein paar Monaten erschienen ist.

White, der um 2010 als Gitarrist des Jazz-Fusion-Ensembles Fight The Big Bull erste bescheidene Aufmerksamkeit erlangt hatte, ist also umfangreich geübt in der Fähigkeit der künstlerischen Zusammenarbeit. Obwohl seine Platten unter eigener Flagge - anders als etwa David-Bowie-Alben aus den frühen 70ern, die auch als Bandwerke durchgehen könnten - unverkennbar Erzeugnisse eines Solisten sind, sind seine Begleitmusiker, allen voran der fantastische Gitarrist Alan Parker, unabdingbar für deren Gelingen. Ganz besonders für "K Bay". Wenn White bei "Fresh Blood" gegenüber "Big Inner" Dynamik und Intensität scheinbar bewusst gezügelt hat, so geht er demgegenüber auf seinem neuen Album in die Vollen.

Gleich der Opener "Genuine Hesitation" geht, seinem Titel Hohn sprechend, befeuert von einem rapiden elektronischen Rhythmus und Parkers halsbrecherischer Gitarre, ab wie eine Rakete. Das nachfolgende "Electric", laut White inspiriert durch "Me, My Baby And My Cadillac" von Sleepy Brown, gibt es keineswegs billiger: Über rollendem Bass, verwirbelten Drums und einem insistenten Piano-Motiv baut sich ein mitreißender Dancefloor-Knaller auf, dessen Text man eher nicht für eine Diplomarbeit zitieren muss. Erst ab dem mittleren Bereich des elf Songs umfassenden, phänomenal nuancenreich und üppig mit Streichern und Bläsern dekorierten Albums wird die Gangart hin und wieder etwas zurückgenommen.

Inhaltlich gibt sich White, dessen irgendwo zwischen M. Ward und Frank Zappa liegende Stimme schnell einmal eine sarkastische Anmutung annimmt, wenn sie lauter wird, etwas klarer als früher: Es geht nicht mehr so stark um Zustände und philosophische Befindlichkeiten, sondern mehr um konkrete Lebensabschnitte und die von ihnen verursachten Widersprüche. Und viel um "Judy" - ein Alias für Whites Frau Merry.

Einen bitteren Blick auf die noch immer aktuelle Geschichte des US-amerikanischen Rassismus wirft das so bombastische wie elegische "Only In America / When The Curtains Of The Night Are Peeled Back". Der Song, eine Hommage an Rassismus-Opfer von Emmett Till bis Martin Luther King, war noch vor dem Mord an George Floyd geschrieben worden.