Die Hiobsbotschaft traf die Klassikwelt im Jahr 2012: Thomas Quasthoff zog sich von den Opern- und Konzertpodien zurück. Eine Reihe von Schicksalsschlägen, darunter der Tod seines Bruders, hatte den Bariton getroffen und ihm buchstäblich die Stimme geraubt. Doch der Mann aus Hildesheim kämpfte sich zurück. Auf den Klassikbühnen sang er zwar nicht mehr, nahm aber seine Karriere als Jazzvokalist wieder auf, die er - für viele überraschend - 2007 international begonnen hatte. Am 9. September gastiert Quasthoff nun mit seinem Quartett im Theater im Park.

"Wiener Zeitung":Sie vermissen die Klassikwelt kein bisschen, haben Sie unlängst in einem Interview gesagt. Haben Sie echt keine Lust mehr auf Wagner-Opern und Schubert-Lieder?

Thomas Quasthoff: Es ist immer die Frage, wie man an dieser Welt teilnimmt. Passiv tue ich es immer noch, ich höre wahnsinnig gern klassische Musik, ich nehme auch Anteil daran, welche Sängerinnen und Sänger gerade gepusht werden und welche nicht. Aber die aktive Teilhabe fehlt mir keine Sekunde, null.

Wirklich nicht?

Nein. Alles hat seine Zeit. Ich habe schon als 45-Jähriger zu meiner Frau gesagt, ich werde ein Künstler sein, der hoffentlich rechtzeitig die Reißleine zieht, sodass die Leute sagen: "Schade, dass er nicht mehr singt." Und nicht: "Den hätt’st vor vier Jahren hören sollen!" Es ist aber nicht so, dass meine Stimme völlig weg wäre. Ich kann schon noch singen. Ich hatte nach meiner Krise nur nicht das Gefühl, dass ich stimmlich wieder bei 100 Prozent angekommen war, und ich hatte als Klassiker schon immer einen hohen künstlerischen Anspruch. Bei einem Jazz-Konzert, das ist der Unterschied, kann ich Lieder so transponieren, dass sie für meine Stimme passen.

Ganz Klassik-abstinent sind Sie nicht: In "Ariadne auf Naxos" traten Sie jüngst in der Sprechrolle des Haushofmeisters in Edinburgh auf.

Na, Entschuldigung, mit Sprache kann ich alles machen. Ich habe im Berliner Ensemble vier Jahre Theater gespielt, in "Was ihr wollt" unter der Regie von Katharina Thalbach, ich habe mit ihr auch eine Reihe am Schillertheater. Ich bin weiterhin gern auf der Bühne, ich spreche für Hörbücher. Aber ich muss nicht mehr Schubert-Lieder singen.

Kommen wir zu Ihrer internationalen Karriere als Jazzsänger. Die hat ja schon begonnen, als Sie noch als Bariton unterwegs waren . . .

Der Schlagzeuger Wolfgang Haffner und der Pianist Frank Chastenier kamen damals auf mich zu und sagten: "Mensch, Tommi, du hast doch schon früher mal Jazz gesungen. Schauen wir, ob das geht!" Und wie das ging! Die beiden gehören zu den etabliertesten Jazzkünstlern Europas, es war für mich wie ein Ritterschlag. Dabei wollte ich natürlich, dass mein Gesang nach Jazz klingt. Ich wollte mich nicht wie einer dieser Sänger anhören, die sich mit einer(imitiert einen Opernbariton)Aaah!-Stimme im Crossover versuchen. Unser neues Programm "For You!" besteht übrigens nicht nur aus Jazz, sondern wir haben auch einige Popsongs hineingenommen. Ich will mit meinen Konzerten nicht die Jazzwelt revolutionieren; ich mache das einfach mit drei Freunden, weil wir einen wahnsinnigen Spaß daran haben.

Klassik-Sänger denken gern viel über die Interpretation von Liedern nach. Tun Sie das auch im Jazzfach?

Nach nunmehr 47-jähriger Berufserfahrung können Sie mir zutrauen, dass ich einen Weg finde, dass die Stücke zu meinen eigenen werden. Wenn ich zum Beispiel "I Can’t Stand The Rain" singe, kann ich Tina Turner nicht kopieren, will es auch gar nicht; ich singe es auf meine Weise.

Klassiksänger versuchen oft, eine tiefere Textbedeutung herauszuarbeiten. Ist das auch für Pop und Jazz interessant?

Ich glaube, dann wären wir dort, was ich Crossover nenne. Nehmen wir als Beispiel den Text von "Imagine". Aktueller geht’s gar nicht! Da sprechen die Worte für sich, da muss ich nicht dran rumwursteln. Über jedes Wort nachdenken, nach dieser Methode hätte ich auch in der Klassik nicht gearbeitet. Ich gehe entspannt mit dem Material um und versuche, meinen eigenen Weg zu finden. Für mich war es immer der Tod, wenn ich Kolleginnen oder Kollegen erlebt habe, die jede Mini-Nuance eines Wortes geprobt haben, und dann hörst du in 28 Liederabenden immer dasselbe.

2018 haben Sie ein Album mit der NDR-Bigband herausgebracht. Wird es wieder eines geben oder lassen Sie die Finger vom Tonträgermarkt, der Künstlern ja kaum mehr Geld einbringt?

Wir sind am Überlegen, ob wir unser jetziges Programm mit Ergänzungen als Eigenproduktion auf CD veröffentlichen wollen. Aber ehrlich - du verkaufst ja nix. Keiner macht heute noch CDs, außer vielleicht Anna Netrebko oder Jonas Kaufmann, um daran echt Geld zu verdienen. Das habe ich früher mit meinen CDs geschafft, für die ich einen Grammy bekam.

Die CD ist zur teuren Visitenkarte geworden, heißt es.

Ich will jetzt nicht mit einer Tirade anfangen, aber schauen Sie sich den CD-Markt an. Die Deutsche Grammophon nimmt für einen Hype eine US-Sopranistin exklusiv unter Vertrag. Die macht dann eine CD - und die Verkaufsraten sind angeblich ein Witz. Ich denke mir, warum macht man nicht ein langfristiges Konzept für den guten deutschen Nachwuchs, den es ja gibt? Das ist so typisch dieses Denken heute. Die glauben, man nimmt jemanden unter Vertrag und riecht das große Geld. Dummes Zeug. Der CD-Markt ist für meinen Begriff seit Jahren ohnehin im Sterben, heute wird gestreamt.

Themenwechsel: War Ihnen langweilig während der Lockdowns? Ich nehme an, Sie haben als Gesangsprofessor der Berliner Hanns Eisler Hochschule über das Internet weiterunterrichtet.

Ja, wobei: Ich weiß nicht, ob Sie so einen Unterricht per Zoom einmal gesehen haben. Die hohen Töne der Sängerinnen brechen oben weg, man hat Bildausfälle . . . wenn Sie sechs Leute pro Tag unterrichten, sind Sie reif fürs Erholungsheim. Langweilig war mir nicht, eigentlich überhaupt nie in meinem Leben. Ich kenne das gar nicht. Ich bin ein Mensch, der - ich meine das nicht arrogant - sich selbst genügt. Außerdem habe ich eine unglaublich liebenswerte Frau, eine tolle Stieftochter und außerdem einen Zwergrauhaardackel daheim.

Fielen Ihnen durch Corona Auftritte aus?

Ja. Ich wäre kein Künstler, wenn es mir nicht wehtäte. Wobei: Ich hoffe, dass wir endlich von einem reinen Inzidenzdenken in der Coronakrise wegkommen. Stattdessen sollte es heißen: Wer geimpft oder geheilt ist, darf ins Theater. Wer am Kulturleben teilhaben will, das hat auch mit einer Solidargemeinschaft zu tun, soll sich halt impfen lassen, verdammt noch mal.