Lange genug hatte die Welt Zeit, um sich an ein Leben ohne ABBA zu gewöhnen. Das war nicht schwer, leicht aber auch nicht. Trotz physischer Abwesenheit und exakt keiner neuen Songs waren die alten Hits auch nach einer formal nie erfolgten Trennung im Jahr 1982 allgegenwärtig. Thank you for the music, for giving it to me: Über den Funkbereich des globalen Lokalradios oder der einschlägigen, fast immer von Peter Rapp moderierten Nostalgieshows hinaus gab es an der guten alten "Dancing Queen" von seinerzeit schlicht kein Vorbeikommen.

Gestreamter Quassel-Event

Außerdem sorgten diverse Zweitverwertungen aus dem Musical- und Musicalfilmmilieu ("Mamma Mia!", die Hölle) sowie auch durch nachfolgende Popfachkräfte wie etwa die sehr hart um ein Sample bettelnde Madonna ("Hung Up", wir erinnern uns) für diverse Revivals, bei denen immer alles gleich blieb, obwohl sich neben den amtierenden US-Präsidenten, dem Ozonloch und unserem Kommunikationsverhalten - in den 1970er Jahren hatten Telefone statt einer Kamera noch ein Kabel und wurden nicht in die Hosentasche gesteckt! - nicht nur die Popwelt um ABBA bereits mehrmals drastisch verändert hatte.

Von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid hingegen hörte man immer nur die größten Hits der 70er Jahre, mangels rezenter Auftritte vor dem geistigen Auge oder später auch auf YouTube in grobkörnigen Bildern ohne High Definition konserviert. Man sah paillettenbesetzte Schlaghosen, kriminelle Bodysuits und einen an den schwedischen Wald (die Holzhacker kommen!) erinnernden Vollbart, der sich stimmig in die wechselhaft-zweifelhaften Frisurentrends fügte.

Der berechtigten Hoffnung auf späte Veränderung wurde nun eher speziell Einhalt geboten. Ein weltweit übertragener Streaming-Event anlässlich eines tatsächlich sensationellen Comebacks nach sage und schreibe 40 Jahren in bester auch vom Eurovision Song Contest bekannter Quasselmanier mit einer streng vom Zettel ablesenden Influencerin als Moderatorin und einer Kollegin, für die alles "huge" und "amazing" war, zog sich am Donnerstagabend affektiert, aber ereignisarm in die Länge, bevor mit der zeitlosen neuen Single "I Still Have Faith In You" schließlich doch noch ein neuer Song präsentiert wurde, mit dem fast alles beim Alten bleibt. Die erste Auskopplung aus dem am 5. November erscheinenden Album "Voyage" knüpft im klassischen ABBA-Stil an die Vergangenheit an, erteilt der goldenen Showbusinessregel von der Rückkehr mit einem Paukenschlag allerdings eine Absage.

Zugeschalteter Applaus

Auch wenn sich die getragene Klavierballade mit Streichern und Flöte im nach Dose klingenden Finale mit etwas Schmalz und reichlich Pathos noch steigert, ist es nicht zuletzt die hübsch gealterte und außer tiefer und dunkler auch müder gewordene Stimme von Sängerin Anni-Frid, die davon in erster Linie in Erinnerung bleibt.

Leider ist die Band der im Song beschworenen Gemeinschaftlichkeit zum Trotz ("We need one another / Like fighters in a ring") aber nicht auf die eigentlich recht naheliegende Idee gekommen, die anschließende Pressekonferenz auch gemeinsam abzuhalten. In Abwesenheit ihrer Sängerinnen und Ex-Frauen Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad durften sich Björn Ulvaeus und Benny Andersson allein den aus New York, Berlin, Wien oder Rio zugeschalteten Applaus abholen und als rüstige Best Ager Mitte 70 in einem Londoner Studio vom Krieg erzählen. Wenigstens erwiesen sich die Masterminds einer der kommerziell erfolgreichsten Bands der Geschichte dabei als ehrlich. Auf die Frage, was das Beste daran wäre, ein Mitglied von ABBA zu sein, folgte als Antwort ein schnelles "Das Geld!".

Die eigentliche Nachricht aber bestand wenig später in der Ankündigung einer "Konzerttour", bei der sich die Protagonisten nicht viel bewegen müssen. Für die ab 27. Mai 2022 ausgetragenen Events in einer eigens dafür gebauten Konzerthalle (davon gibt es in London bekanntlich zu wenig ...) darf das Publikum selbst in die britische Hauptstadt reisen, um ABBA dort erst recht nicht zu sehen. Neben zehn Musikern werden die mit neuen Songs ergänzten Best-of-Auftritte von Avataren bestritten.

Ewige Jugend

Die digitalen Stellvertreter basieren auf dem Konzept von Hologramm-Shows, das bisher verstorbenen Künstlern vorbehalten war und nun von einem 850-köpfigen Team mit strengen Geheimhaltungsverträgen auf den KI-basierten letzten Stand der Dinge gebracht wurde. Wer ist schon so blöd und will nach 40-jähriger Frühpension wieder täglich in die Arbeit?

Geld benötigen ABBA keines mehr, das Argument der Tuchfühlung mit dem Publikum fällt auch weg. Tatsächlich dürfte der Sinn der Unternehmung eher darin bestehen, sich als Upload in die Cloud für die Nachwelt zu rüsten. Die sogenannten "ABBAtare" nach den Vorbildern von 1979 altern übrigens nicht und erfreuen sich paillettenbesetzt in Schlaghose stattdessen für immer ewiger Jugend.

Während Madonna rotiert und sich andere Kollegen die Frage stellen, ob all das Abrackern auf der Bühne in Zukunft wirklich noch nötig sein wird, dürfte es vor allem auch spannend sein, wie das Publikum auf die algorithmusgesteuerte Verjüngungskur reagiert. In einem weiteren neuen Song mit dem Titel "Don’t Shut Me Down" heißt es auf Basis eines zart reggaebeeinflussten Funk-Grooves zu Harfe und Glockenspiel womöglich für beide Parteien: "I believe it would be fair to say / You look bewildered."