Wäre es nicht die US-Band Low, würde man eingangs wahrscheinlich von einer Fehlpressung ausgehen. Nach der scheinbaren Vertonung eines Malheurs in der örtlichen Stahlfabrik oder einer Massenkarambolage im Frühverkehr sowie nach einem alsbald einsetzenden digitalen Stottereffekt ist es schließlich der himmelwärts gerichtete Harmoniegesang von Alan Sparhawk und Mimi Parker, der beweist, dass alles in Ordnung ist. Aber ist deshalb auch alles gut? Nein. Niemals!

Disruption und Störgeräusche

Der nur insgeheim mit Ruf- und Fragezeichen auf einmal versehene Albumtitel "Hey What" (Sub Pop) ist ein Ausdruck des Staunens über eine längst aus den Fugen geratene Welt. "When you think you’ve seen everything / ’find we’re living in days like these": Nach ihrer auch live grandios umgesetzten Fahrt durch die schwarze amerikanische Nacht auf dem Album "Double Negative" von 2018 vermitteln die neun neuen Songs auch ohne erkennbares übergeordnetes Narrativ und mit meist minimalistischen Textfragmenten rasch den Eindruck eines Trauergesangs, der die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben will.

Den Verhältnissen muss vielleicht mit letzter Kraft, aber jedenfalls entschieden und vor allem mit Erbauung getrotzt werden. Nach dem Abgang ihres Bassisten Steve Garrington schöpft das Mormonen-Ehepaar Sparhawk/Parker jetzt also als Duo aus dem Glauben der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, die das Ende bereits recht richtungsweisend im Namen trägt.

"Hey What"-Albumcover.

"Hey What"-Albumcover.

"Y’know you’re never gonna feel complete / no, you’re never gonna be released": Auch wenn wir letztlich alle sterben werden und eine finalere Gewissheit von diesem Leben nicht mehr zu erwarten ist, kann, soll und muss zumindest Musik Momente der Transzendenz und Katharsis gewähren. Bevor "Disappearing" mit seiner Metapher vom Schiff draußen am Horizont, sprich auch mit der guten alten Erzählung vom Überqueren des Styx mit dem Fährmann, das aktuelle Angebot Lows für einen Begräbnissong darstellt, und selbst wenn die Momente des Trosts und der Umarmung nicht ganz grundlos im Konjunktiv stehen - "If I could trade, I would trade, I would give you a break, and carry the weight" -, gelingt diese Übung abermals eindrucksvoll.

Von ihren Ursprüngen in der sogenannten Slowcore-Bewegung Anfang der 1990er Jahre in Duluth, Minnesota, hat die Band zwar das zu den Wurzeln der neuen Songs im klassischen Kirchenlied gut passende getragene, mitunter in Richtung Superzeitlupe zerdehnte Tempo ins Heute gerettet - womit auch die eindringliche Wucht dieser Kunst noch mehr Zeit findet, uns Gänsehaut zu bereiten. Von den Anfängen als leises musikalisches Kontrastprogramm in einer zunehmend lauten Welt ist inmitten hochgezogener Noisetürme aber nur mehr wenig zu spüren. Wir hören Lieder, die das Sich-Auflösen gewohnter Sicherheiten und geordneter Bahnen mit Disruption und Störgeräuschen begleiten.

Reiz im Zerfall

Wie aber auch im echten Leben mitunter Schönheit und Wahrhaftigkeit zu finden ist, wo Schmerz und Leid regieren, sorgen Low für Anmut im Chaos und Reiz im Zerfall. Erhaben, radikal, zum Heulen schön: Auf ihrem dritten gemeinsamen Album mit dem Produzenten BJ Burton kommen die sieben biblischen Plagen aus einer alles zerhäckselnden Endzeitmaschine endgültig über die händeringende Andacht in all ihrer lobpreisenden wie gottesfürchtigen Pracht und Herrlichkeit, ehe die Songs abrupt abreißen oder die Stille nach dem Sturm im Schwebezustand einkehrt.

Geschenkt, dass sich die Gitarre dabei nur an einer Stelle als Gitarre und das Schlagzeug nur für einen Song als Schlagzeug zu erkennen gibt. Dazwischen werden Walgesänge aus der Tiefe und Elche zur Brunftzeit aus diffusen Klangerzeugern gewonnen und zur weiteren Verfremdung durch den Rechner geschickt. Nur selten dröhnt etwas Greifbares durch den Hallraum wie eine ferne liturgische Orgel.

Wo andere Bands das harmonische Fundament eines Stückes wie "More" zu einem heimlichen Welthit aufjazzen würden, begeistern Low mit einem mächtigen zweiminütigen Mammutakt der Verweigerung. Bald drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung sind Alan Sparhawk und Mimi Parker nicht wie andere Kollegen langweiliger und müder, sie sind neugieriger und kompromissloser, schlicht zwingender geworden. "Hey What" ist ein Hörerlebnis, das seinesgleichen sucht.