Dass die Frau als eine wesentliche Stimme des Trip-Hop gilt, ist trotz ihres schlanken Solo-Outputs bereits seit dem Jahr 1995 in Stein gemeißelt. Immerhin nahm die damals 20-Jährige mit dem geheimnisvollen Timbre auf dem Debütalbum ihres Kollegen und temporären Partners Tricky mehr als die Rolle des bloßen Sidekicks ein.

Ihre fast durch die Bank in nur einem Take aufgenommenen vokalen Beigaben waren ein Anker der zwölf Songs von "Maxinquaye", der in den Abgrund einer fernen Zwischenwelt führte - und diverse Folge-Aufträge als Gastsängerin mit sich brachte. Neben Leihgaben für Acts wie Diplo, Damon Albarns Gorillaz, Massive Attack oder The Prodigy wäre auch ein gewisser Abel Makkonen Tesfaye alias The Weeknd zu nennen, der ein Sample des Songs "Sandpaper Kisses" für sein Mixtape "Thursday" heranzog.

Von Martina Topley-Bird konnte man als angehende Fachkraft am Mikrofon bei alledem lernen, wie man auch bei einer eindeutig als Understatement lesbaren Zurücknahme im Ausdruck wirkungsmächtig agiert. Hauchen, Wispern und Flüstern war angesagt, Emphase und melismatisches Zersingen von gestern.

Neues Selbstverständnis

Trotz eines ersten Hits im Zeichen des Brückenschlags hin zum sogenannten "Alternative Rock" mit Mark Lanegan als Gastsänger und Josh Homme an der Gitarre, der Single "Need One" von ihrem schließlich im Jahr 2003 nachgereichten eigenen ersten Album "Quixotic", verlief die eingeschlagene Karriere als Solokünstlerin aber schleppend - und zum Tempo der meisten Songs passend verschleppt.

Nach dem von Gnarls-Barkley-Kopf Danger Mouse produzierten zweiten Streich "The Blue God" aus dem Jahr 2008 folgten zwei Jahre später auf "Some Place Simple" überwiegend nur mehr reduzierte Neuinterpretationen des bereits Bekannten. Was man damals schon ableiten konnte, nämlich eine gewisse Unzufriedenheit mit dem bis dahin Erreichten, wurde schließlich auch in Interviews bestätigt. Für ihre nicht mehr erwartete Rückkehr nach elfjähriger Veröffentlichungspause wurde daher alles anders gemacht.

Nicht von ungefähr heißt es in "Pure Heart", dem Eröffnungssong des nun also vorliegenden neuen Albums "Forever I Wait", im Refrain etwas pathetisch, aber in jedem Fall programmatisch: "Forever I’ll wait and I’ll die if I must / To be reborn again with the wings that don’t rust."

Die heute 46-jährige Musikerin hat sich in der Zwischenzeit einerseits weitergebildet und andererseits an ihrem Selbstverständnis gearbeitet. Die erstmals selbst produzierten Songs präsentieren Martina Topley-Bird trotz etwas Mithilfe durch Kollegen wie Christoffer Berg (Fever Ray, Depeche Mode) oder Robert "3D" Del Naja von den alten Verbündeten Massive Attack als ihre eigene Kreativdirektorin. "This is my fourth solo album, but the very first album that is truly mine", so die Künstlerin. Eine gute Spieldreiviertelstunde lang wohnt man dabei aber nicht nur dem Comeback von Martina Topley-Bird bei, sondern auch der Rückkehr des Trip-Hop-Genres.

Im Schmerz meditieren

Zwischen tief in den Hallraum abtauchenden Geisterbeschwörungen auf Basis brüchiger Dub-Reggae-Überreste, zum Kopfnicken ladenden elektronischen Beats und sich bleischwer durch die endlose Nacht schleppenden Bässen, die die Magengrube massieren, steht in meistens getragenem Tempo abermals Hauchen, Wispern und Flüstern statt Emphase und melismatisches Zersingen auf dem Programm. Dazwischen wird mit oder ohne sedierende Rauchware aber auch einmal beschlossen, die Decke über den Kopf zu ziehen und gleich lieber den ganzen Tag im Bett zu verbringen.

Neben den mächtigen Atmosphären von Stücken wie dem monoton-minimalistischen "Hunt" sind Martina Topley-Bird mit dem händeringenden "Wanted" und nicht zuletzt dem an vorletzter Stelle versteckten "...Sand", dem heimlichen Hit des Albums, aber auch wieder tolle, dunkel funkelnde Songs gelungen, die nicht selten im Schmerz meditieren.

Um eine realbiografische Trauerarbeit, als die "Forever I Wait" mitunter auch hörbar ist, handelt es sich allerdings nicht: Die Songs waren bereits fertig, als die Musikerin im Jahr 2019 den Tod ihrer gemeinsamen Tochter mit Tricky zu verkraften hatte. Einen künstlerischen und persönlichen Befreiungsschlag dürfte das Album aber auf jeden Fall bedeuten: "I’m not afraid."