In achtzehn Karrierejahren hat es der 43-jährige Sänger, Gitarrist und Songautor José González gerade einmal auf vier Solo-LPs gebracht, deren jüngste nun vorliegt. Zwei Alben hat er mit seiner Band Junip zu Buche stehen. Sieht nicht nach einem fleißigen Zeitgenossen aus.

Aber Musik ist für den hochgebildeten, äußerst belesenen, religionsskeptischen Künstler, der sich intensiv mit säkularem Humanismus, Öko-Modernismus und der Philosophie des Effektiven Altruismus auseinandersetzt, zwar der Lebenserwerb, den er sehr erfolgreich mit Millionen verkaufter Tonträger und Streams und Gold- und Platinplatten als Trophäen bestreitet, nicht aber der einzige Lebensinhalt.

Existenzielle Fragen

Zum anderen ist solche Zurückhaltung vielleicht gut und nützlich: Seine Musik, die auf akustischer, gleichwohl rhythmusbetonter Basis Folk unter Einbeziehung etlicher regionaler, afrikanischer, nord- und vor allem südamerikanischer Idiome adaptiert, hat zwar stilistisch eine gewisse Spannweite, glänzt aber nicht wirklich durch Abwechslungsreichtum und ein Übermaß an Überraschungsmomenten. Da könnte Übereifer eventuell Ermüdung bei der p.t. Hörerschaft hervorrufen.

Selbst wenn González Songs von so unterschiedlichen Künstlern wie Massive Attack, Joy Division, Bruce Springsteen oder seinen schwedischen Landsmännern The Knife interpretiert, klingt es - nach José González. Dabei hat der Musiker mit Junip vor allem auf deren unbetiteltem zweiten Album von 2013 recht eindrucksvoll vorgeführt, wie gut seinem Sound dezente Power-Schübe durch Rockgitarren, verstärktes Rhythmus-Backing und Soundwände anstehen. Aber Junip lassen noch seltener von sich hören als González solo. Ein wenig leidet die Band, wie der Frontmann vor Jahren im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" einräumte, unter González’ öffentlicher Dominanz, weil naheliegenderweise dessen prominenter Name für Promotionsaktivitäten herausgestrichen wird.

Musik von José González klingt freundlich und zugänglich, ist aber alles andere als simpel und "heile Welt". Denn die existenziellen Fragen, die ihn umtreiben, finden sich auch in seinen Texten, auf deren Wechselspiel mit der Musik er viel Wert legt. So steht der Titel seines neuen Albums, "Local Valley", für die Erde als Platz für die Menschen inmitten eines weiten, unwirtlichen Universums wie auch für zwei dogmatische Stämme, die sich als Metapher für unversöhnliche Standpunkte gegenüberstehen.

Ohne falschen Genierer bekennt González, dass sich "Local Valley", sieht man vom sporadischen Einsatz eines Drumcomputers ab, in Sound und Haltung nicht dramatisch von seinen Vorgängern unterscheidet. Etwas mehr nach außen gerichtet sei es, aber um nichts weniger persönlich. "Im Gegenteil, ich kann mit mehr Berechtigung denn je sagen, dass dieses Album mich und meine Gedanken reflektiert."

Wie ein Bekannter

Erstmals singt González in allen drei Sprachen, die er kann: Das sind neben seinem weichen Englisch Spanisch, die Sprache seiner argentinischen Eltern, die 1976 nach der Machtergreifung der rechten Militärjunta nach Schweden flüchteten und sich in Göteborg ansiedelten, und eben seine Muttersprache Schwedisch.

"Local Valley"-Albumcover.

"Local Valley"-Albumcover.

"El Invento", der Opener und erste Song, den er je auf Spanisch aufgenommen hat, mutet bereits an wie ein alter Bekannter. Auf gewisse Weise ist er das auch, denn González hat die Ballade, die nach den Ursprüngen des Menschen fragt, bereits im Dezember 2020 im Rahmen der Nobelpreis-Feierlichkeiten und im Februar dieses Jahres auch als Single veröffentlicht. Von Junip borgte er sich "Line Of Fire", eine der Glanznummern von deren letzter LP - hier, seinem Solowerk entsprechend, in Reduktionsvariante. Ähnlich verfährt González beim sonatenartigen, mit Vogelgezwitscher behübschten "Honey Honey", das von "Music On My Teeth", seinem Beitrag zu DJ Kozes berühmtem Album "Knock Knock", abgeleitet ist.

Das wunderschöne "En Stund Pa Jorden", einer der zwei schwedischsprachigen Songs, ist ein Cover der iranisch-schwedischen Sängerin Laleh. "Valle Local", der Titelsong auf Spanisch, kommt mit seiner agitierten Gitarre wiederum der Ausstrahlung nordafrikanischer Wüsten-Blues-Bands wie Imarhan nahe. Und unterstreicht, dass "intensiv" nicht notwendigerweise "laut" bedeuten muss.