Am Anfang ist Trennungsschmerz, der mit Dutzenden Bellinis und Whiskeys betäubt wird: "Hab und Gut und Bösendorfer steh’n in der Allee / hundert Hornbach-Handschuh-Hände haun’s in LKW." Man kann sich die elterliche Villa (vermutlich in Oberdöbling) nicht mehr leisten und muss mit Sack und Pack umziehen. Von den wertvollen Statussymbolen, die wir von früher kennen, ist nur mehr der Bösendorfer übergeblieben. Den Biedermeierschrank hat man bereits letztes Jahr veräußert; der von der Mutter geschenkte Kokoschka und der Perserteppich, früher Kulisse zügelloser Ausschweifungen, sind wohl schon vorher verscherbelt worden.

Fortsetzungserzählung

Es ist, so vermittelt Kahlenbergs zweite LP "Wiener Zucker" (Affluenza), ein bisserl bergab gegangen mit den verzogenen Berufssöhnen aus dem sprichwörtlichen guten Hause, das sie nicht mehr länger als Wohnstatt nutzen können. Kahlenbergs Debüt "Dirty Penzing" von Anfang 2019 war ein insofern aufsehenerregendes Unterfangen, als es sich eben nicht an den Prolo-/Unterschichten-Kult anhängte, den der Wiener Pop sehr gerne bedient, sondern im Gegenteil buchstäblich (Bandname!) von oben herab kam: Natürlich nicht ohne satirische Schlagseite, mittelbar sogar denunzierend wurde die Welt derer ausgebreitet, die sich alles richten können, die sich nicht sorgen müssen, wie sie morgen die Miete zahlen.

Die "Wiener Zeitung" äußerte damals leise Sorge um die längerfristige Belastbarkeit dieses per se erfrischenden Konzepts. Album Nr. 2 ist nun die erste Probe aufs Exempel. Kurz und schmerzlos gesagt, bestehen sie Kahlenberg als "unsere Botschafter aus der Welt der Schnösel" bravourös. Man kann ihr Werk als Fortsetzungserzählung "lesen", auf deren neue Episoden man mit Spannung warten darf: Wie werden die Schnösel mit dem Alter(n) fertig werden? Mit Kinderglück etc.? Wir vertrauen auf Kahlenberg, dass sie uns nicht mit Geschichten von Reifung und Läuterung langweilen.

Fast ergreifend

Anlass zu solcher Zuversicht gibt die subtile Beiläufigkeit, mit der sich von der ersten zur zweiten LP der Charakter der Inhalte geändert hat. Noch wird ja weiter ordentlich geprotzt und auf den Putz gehaut: Mit 190 Sachen im Aston Martin über das Deutsche Eck nach Kitzbühel. Mit Papas Cabriolet Kreise im Schnee ziehen. Feiern, als würd’s kein Morgen geben - "gibt’s wahrscheinlich eh nicht, schenk uns noch an Schampus ein". Aber es zeigen sich auch Risse in der coolen Fassade.

Nicht nur, dass man die Nobelbehausung aufgeben muss, enden Abenteuer auch einmal mit dem Klicken von Handschellen, und es ist sehr fraglich, ob’s der Papa auch diesmal richten kann. Und im Extremfall führt das Gefühl von Sinnlosigkeit, das die Protagonisten auf Schritt und Tritt begleitet, zu Lebensüberdruss: "Ich hätt’ sollen mich z’ammenreißen und ned auf ganz Döbling scheißen / Ich hätt’ sollen Bücher schreiben und net vors Salettl speiben", räsoniert ein Mann, der sich vor die S45 werfen will. Am Ende wird es sogar fast ergreifend: "Es war sehr schön, doch jetzt is’ guat", wird, in erstaunlich fragiler Intonation, in der Ballade "Luv und Lee" ein Schlussstrich gezogen.

Musikalisch überrascht neuerlich die Vielseitigkeit und Wendigkeit der fünf Akteure, sei es in Form von vertrackten Tempovariationen, Intensitätsverlagerungen oder recht souveränem Changieren zwischen härterem Rock, Pop und lockeren Folk-Einflüssen. Mit der doch etwas nachdenklicheren Anmutung der Inhalte korrespondiert, dass der bisweilen fast stürmische Gestus des Debüts grosso modo ziemlich zurückgenommen wurde. Passiert bei Zweitlingen öfters.

Granada wiederum sind zu einem Zeitpunkt aufgetaucht, als der Hype um österreichischen Pop seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte. Das war auf gewisse Weise ihr Glück, denn so konnten sie ohne Erwartungsüberdruck vernünftig wachsen. Und für sie war es auch günstig, als Grazer auch geographisch einen Konterpunkt zur Hypehochburg Wien setzen zu können.

Galgenhumorig

In Kürze bringt die Band um Sänger und (Haupt-)Songschreiber Thomas Petritsch, der zuvor mit Effi ein englischsprachiges Projekt betrieben hatte, ihre formidable dritte LP "Unter Umständen" (Sony Music) heraus. Auf dieser haben Granada ihren fließenden Folk-Rock kräftig modifiziert und zugespitzt. Dynamik und rhythmische Akzente wurden verstärkt, latente Einflüsse heimischer Volksmusiken um multiregionale (vor allem mittel- und südamerikanische) Ansätze erweitert - und öfters einmal zieht es den Mann, der auf der vorigen LP "Ge bitte" noch den übellaunigen Tanzmuffel gegeben hatte, diesmal Richtung Dancefloor.

Auffällig ist auch ein ungewöhnlicher Umgang mit vertrauten Idiomen. Das intensive "Liebe deines Lebens" ist eine Art Folk-Blues, den das Akkordeon - der wichtigste Verstärker von Stimmungen von melancholisch bis sonnig - mit einem eigentümlich sumpfigen Unterton infiltriert. Als vertrautes Element bleibt Petritschs galgenhumoriger, bisweilen in quälende Selbstzweifel ausufernder Sarkasmus: "Oh, mei Gott, was ham ma trieb’n, dass statt Erinnerungen nur Schmerzen blieb’n?"

Melodische Grandezza

Schon im Sommer erschienen ist "Butter & Stress" (Numavi), das Debüt von Blasser Kyren, dem Projekt des Wiener Musikers Theobald Hazod. Mit Ausnahme des exzellenten Titelsongs englisch intoniert, passt es allerdings in seiner latent schwermütigen Grundstimmung mit Texten über kleinere und größere Lebenswidersprüche perfekt in den Herbst. Diese Musik, ein meist gedämpftes, hin und wieder aber auch durchaus energetisches Wechselspiel aus versatiler Rhythmik, temperierten Keyboards, situationselastischen Gitarren und sonorem Gesang, muss viel Zeit zum Reifen gehabt haben, so kompakt sie rüberkommt.

Keine guten Nachrichten hörte man zuletzt von Sophie Lindinger: Die Songwriterin von My Ugly Clementine leidet an Depressionen und thematisiert diese Krankheit nun auch mit ihrer Stammformation Leyya auf der EP "Longest Day Of My Life" (Ink Music). Je nach Sichtweise glücklicher- oder bedauerlicherweise bestätigt diese die Erkenntnis, dass Pop und Depression seit jeher gut harmonieren: Herausgekommen ist ein großes Werk, dessen melodische Grandezza und vielschichtigen Arrangements zwischen auffällig leichtfüßigem Gitarren-Pop und eher sphärischer Elektronik die "negativen" Texte (über Kraftlosigkeit als Grundthema) gewissermaßen desinfizieren.