Gerade erst hat man sich 30 Jahre nach seinem Fund wieder an Ötzi, den "Mann aus dem Eis" erinnert, schon kommt der nächste Untote aus den Bergen daher, um für Schlagzeilen zu sorgen. Sollte man sich bereits darauf geeinigt haben, dass es sich bei Gerry Friedle alias DJ Ötzi vulgo "Anton aus Tirol" eh um einen lässigen Kerl handelt, darf in schwierigen Momenten wie diesen eines allerdings niemals vergessen werden: Hallo, der Mann macht nach wie vor auch Musik!

Trost und Rat

Aktuell heißt es anlässlich des neuen Albums "Sei du selbst - Party 2.0" wieder stark und tapfer sein. Nachdem für das Album ein Veröffentlichungsdatum gefunden wurde, das nicht mit der im Bereich Partyschlager übermächtigen Konkurrenz in Gestalt von Helene Fischer kollidiert - die Vorfreude der Fangemeinde gilt dem am 15. Oktober erscheinenden neuesten Meisterwerk der Sängerin mit dem gut in die Wiesnzeit passenden Titel "Rausch" - und DJ Ötzi in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie jetzt dafür gegen Nachrichten wie "Helene Fischer im Baby-Glück!" abstinkt, hat das aber nicht nur mit der Musik selbst zu tun. Nein.

Der Umstand, dass im Bereich Après-Ski nach wie vor Planungsunsicherheit herrscht, die Polonaise quer durch den Stanglwirt und Sodom und Gomorra im Kitzloch also nicht garantiert werden können, hat neben dem Fokus auf andere Einnahmequellen - schon demnächst etwa wird mit der Biografie "Lebensgefühl" Pensionsvorsorge mit Buchstaben betrieben - auch zu einer kleineren Akzentverschiebung im Konzept geführt. Anstatt der alten immer auch auf den Ballermann gerichteten Coverversionen im Zeichen des Vierviertelbeats mit in den Hintergrund gemischtem Dosenjubel von urigen Seppelhosen-Tirolern und kantigen Texten ("Uuh! Aah!") steht das Album zumindest weitgehend im Zeichen richtiger und beinahe eigener Songs zwischen Trost, Rat und Erbauung.

Alles ziemlich emo

Gerade in Hinsicht auf Gefühle und Pathos haben DJ Ötzi und sein Team keinen Genierer, wobei poprockende Stromgitarrenschlager wie "Das kann uns keiner nehmen" auch nicht unbedingt schlechter ausgefallen sind als die letzten Erzeugnisse von U2 oder Coldplay.

Zum glaubhafteren Durchdringen dieser jetzt also hypersensibel-feinantennig und immer ziemlich emo gestimmten Kunst wurde fast jeder Ansatz von möglicherweise als rabiat wahrgenommenem Tirolertum übrigens vorsorglich entfernt und gegen ein relativ astreines Bundesdeutsch ausgetauscht. Die Gäst’ könnten Ischgl noch schlecht in Erinnerung haben und bei zu viel "kch-kch" negative Gefühle entwickeln. Bis zum Durchbruch einer kleinen Dosis "Lokchalkcholorit" in Form eines vorsichtig eingemischten "Huidijedi" im Song "Der Moment" (der triebgesteuerte Ruf der Eingeborenen ist nicht zu unterbinden!) und etwas Mundart für die urösterreichische Abwehrschlacht gegen zu viel Erwerbsarbeit dauert es jedenfalls ein wenig: "Du muasch’ die Seele wieder bambälä lo!" dürfte im Westen so etwas bedeuten wie "chillen" im Rest der Welt.

Labelseitig verkauft wird "Sei du selbst - Party 2.0" wie bereits der Vorgänger "Von Herzen" für ein Publikum mit hoffentlich schlechtem Gedächtnis übrigens als "das bisher persönlichste Werk von DJ Ötzi". Diesmal hat sich der heute 50-jährige ehemalige Club-Animateur und spätere Garant für Hüttengaudi auf Hütten zwischen Mayerhofen, Saalbach-Hinterglemm und Cortina d’Ampezzo - und Florian Silbereisen sei Dank auch in Wohnzimmern bis hinauf nach Brömsenknöll und Siezbüttel - selbst als Co-Autor von acht der insgesamt 14 Stücke verdingt. Die Ergebnisse sind laut Begleittext "offen, ehrlich" und "authentisch", worüber man aber noch diskutieren müsste. Bekanntlich ist die Schlagerbranche ungefähr so ehrlich wie die Gesamtheit der Werbeindustrie und Teile der Hütchenspielerszene. So authentisch wie eine Plastikpalme auf dem Patscherkofel ist sie sowieso.

Bud-Light-Russendisko

Ein typischer Song von DJ Ötzi folgt im Regelfall nach wie vor der Formel Strophe, Refrain, Strophe, Refrain - "und jetzt alle!" - (Rückung), Refrain, Refrain. Es gibt aviciihaft davidguetternde Gebrauchsbeats, eine Coverversion von Bob Marley & The Wailers ohne dafür Notwendiges wie Reggae und Drogen sowie die trotzdem verstrahlte Durchsage "Wir kommen zu euch und bringen euch das Licht". Eine auf ein Blasmusikkapellensample basierende Bud-Light-Variante von Russendisko trägt den Titel "Der hellste Stern (Böhmischer Traum)" - und mit "Nach all den Jahren" hat DJ Ötzi jetzt auch sein persönliches "Amoi seg’ ma uns wieder".

Dank seines Covers von "Can’t Take My Eyes Off You" kann DJ Ötzi die Zukunft des Après-Ski entspannt betrachten. Auf dem Land gibt es immer jemanden, der gerade eine Stadlparty für seine 500 besten Freunde schmeißt. Der große, diesmal Ratgeberlyrik und Krisenintervention auf Schlagergrundlage vereinende Rest sollte mit Songs wie "Leb!", "Fang nie an aufzuhören" oder "Sei du selbst!" ohnehin ein Selbstläufer sein. Einfache Botschaften haben in schwierigen Zeiten immer Saison.