Kennen wir sie nicht alle, diese Situation, in der man lebendig auf seinem eigenen Begräbnis herumsteht und dabei in akute Selbstzweifel verfällt? Ich bin weder würdig, noch bin ich recht: Bevor man diese Frage anlässlich des Songs "Funeral" von James Blake tatsächlich beantwortet, hat das Zentrum für Neugierde im Gehirn aber bereits eine wahrscheinlich spannendere Grundsituation vorgefunden.

Immerhin könnte man auch darüber nachdenken, warum und wie diese Musik ausgerechnet im sonnigen Los Angeles entstehen kann, wo der britische Songwriter und Produzent gemeinsam mit der Moderatorin und Schauspielerin Jameela Jamil in den Hollywood Hills residiert. Stichwort "Celebrity Couple": Als solches ließe sich beim entspannten Cocktailschlürfen im hauseigenen Infinitypool ja eigentlich das süße Nichtstun genießen. Allerdings scheint James Blake selbst im klaren Badewasser noch lieber nach trüben Gedanken zu fischen.

Hadern und Zweifeln

Der 33-jährige Musiker ist auch auf seinem neuen und mittlerweile fünften Album "Friends That Break Your Heart" wieder nicht so gut drauf. Nachdem er auf dem im Jahr 2019 erschienenen Vorgänger die Liebe entdeckte und seiner ursprünglich auf Leerstellen fokussierten Kunst dem Albumtitel "Assume Form" entsprechend mit zunehmend manifestem Songwriting Gestalt verlieh, geht es heute um die Disruption von (freundschaftlichen) Beziehungen, während nach Anfängen als Wunderkind und fahrendes Einmannunternehmen stärker denn je die Zusammenarbeit dominiert.

Ausgerechnet auf einem mit neun (!) Co-Produzenten und Gaststimmen um die US-Musikerin SZA oder Rapper wie JID und SwaVay aufgenommenen Album gibt der zwischenmenschliche Hader den Ton an. James Blake widmet sich einer alten Erkenntnis von Neil Young ("Only Love Can Break Your Heart"), reicht diese aber als erschöpfungsdepressiven Remix, an dessen Höhe-, sprich Tiefpunkt der Satz "All that pain and nothing gained in the end" stehen wird.

Bereits die Eröffnungsnummer trägt den programmatischen Titel "Famous Last Words" und beschwört den umgehenden Geist einer längst vergangenen Beziehung mit einem hübsch an die Comedian Harmonists gemahnenden Vokalensemble, das nicht von ungefähr aus der geschichteten Stimme unseres Helden allein besteht. Wenn der Mann wie direkt im Anschluss nicht gerade frisch abserviert wurde oder seiner baldigen Abservierung lethargisch entgegensieht wie im dafür erstaunlich feierlichen "Foot Forward" ("And it’s okay / I know I’ll be replaced / A bitter aftertaste / But it’s not that bad / It’s okay ..."), kann man James Blake im Verlauf der knapp 44 Spielminuten mitunter auch dabei zuhören, wie er sich gewissenhaft darauf vorbereitet, schon demnächst abserviert zu werden: "I hope the person after / Gets all that you held from me."

Das klingt alles so gewohnt weinerlich, wie es sich im larmoyanten Dauermelisma ohne Verschnaufpause mitunter auch anhört. Dafür hat James Blake zuletzt entweder ein paar Trainingseinheiten in Apnoetauchen genommen - oder er dürfte im Studio wiederholt blau angelaufen sein.

Besonders im Song "Say What You Will" wird diesbezüglich nicht gerade Zurückhaltung betrieben. Interessant, ausgerechnet hier ist James Blake inmitten seiner zwölf neuesten Sternstunden des Selbstzweifels und der notorischen Unsicherheit für einen Moment mit sich und den Verhältnissen im Reinen. Mit einer beinahe selbstironischen Betrachtung seiner Karriere und deren Wahrnehmung durch Dritte regiert Selbsttherapie zwischen Gleichmut und Akzeptanz: "Say what you will / Go on / You’re gonna do it anyway." Im Albumbegleittext wird dafür noch der schöne Satz "Vergleiche sind der Dieb der Freude" bemüht.

Zwischen zarten digitalen Kunstliedern, verhalten organischerem Soul und verschlepptem Restgospel mit elektronischen Handclaps und andächtigem Diskantgesang überzeugt James Blake diesmal nicht zuletzt als Produzent, wobei heute vor allem die Ausflüge in Richtung Hip-Hop und Trap begeistern. Stücke wie "Frozen" und "I’m So Blessed You’re Mine" lassen als ästhetische Brückenschläge tatsächlich keinerlei Wünsche offen.

Am Ende kommt der Hader übrigens zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt zurück: Zu den Zeilen "If I’m insecure, how have I been so sure / that I’m gonna care for you / Until I am no more" fährt im Hintergrund eine mächtige Kirchenorgel auf. Das ist ergreifend. Nur auf ein jetzt dringend nötiges "Ja" oder "Nein" warten wir noch immer vergeblich.