Vor einem halben Jahrhundert entstand in Deutschland nicht weniger als die Musik der Zukunft vulgo Krautrock. Kraftwerk, Tangerine Dream, Can, Amon Düül oder Neu! entwickelten in Abgrenzung vom Modell des anglo-amerikanischen Rock innovative, neuartige Soundästhetiken, die die Pop-Musik für immer veränderten. Zu den wenigen bedeutenden Bands, die noch heute aktiv sind, zählt Faust. Das Label Bureau B ehrt sie nun mit einer Box, die neben den grandiosen ersten vier Alben auch die legendäre fünfte Platte enthält, die lange Jahre verschollen war.

Der querköpfige Sound von Faust, für den nicht zuletzt der Mühlviertler Werner "Zappi" Diermaier an den Drums verantwortlich zeichnete, hatte nichts zu tun mit der Motorik von Neu!, den kosmischen Klangwelten von Tangerine Dream oder dem technoiden Synthie-Pop von Kraftwerk. Vielmehr war Fausts Musik auf den Alben "Faust" (1971) und "The Faust Tapes" (1973) stark geprägt von avantgardistischen Cut-up-Methoden, die industriellen Lärm, elektronische Dissonanzen, improvisierte Klangelemente und experimentellen Unfug vereinten.

Beide Platten waren im bandeigenen Studio entstanden, das der umtriebige Manager Uwe Nettelbeck in einem ehemaligen Schulgebäude in der Nähe von Hamburg eingerichtet hatte. Zumal das unter den anarchistischen Bedingungen des Kommunenlebens entstandene, selbstbetitelte Debüt war ein akustisches Manifest des Dilettantismus - und stieß gerade deshalb auch in England auf offene, begeisterte Ohren.

Insofern war es nur konsequent, dass Faust von Richard Branson und seinem neugegründeten Virgin Label abgeworben wurden. Auf den in England entstandenen Alben "So Far" (1972) und "Faust IV" (1974) gelang der Band die nahezu perfekte Gratwanderung zwischen Experiment und Pop, etwa auf Hits wie "It’s A Rainy Day, Sunshine Girl" oder dem programmatischen "Krautrock".

Faust haben Musik gemacht, die ihrer Zeit so weit voraus war, dass sie immer noch frisch klingt.