Ein paar gar nicht so kurze Augenblicke lang argwöhnt man, es könne sich, je nach Art des Tonträgers, eine falsche Platte in das erneut von Yannick Riemer gestaltete Cover oder eine falsche Datei in das digitale Package verirrt haben. Romantik à la Element Of Crime scheint aus den ersten Zeilen "Mein Herz hält Winterschlaf / So wie ein altes Tier / Der Frühling kommt bestimmt / Und ich zurück zu dir" in äußerst besinnlicher Intonation zu zart gezupfter Akustikgitarre zu triefen.

Die Parameter sind indes natürlich untrüglich - es ist die Stimme Tobias Bamborschkes, es ist Isolation Berlin. Aber kann das ernsthaft die selbe Band sein, die uns Freundlichkeiten wie "Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben" oder "Die Leute reden so viel Blech, mir wird ganz schlecht" um die Ohren knüppelte? Doch, kann es. Und sie kann es, wie sich im Folgenden zeigen wird, sogar noch besser!

Heillos überreizt

Recht eigentlich sondert ja schon der zunächst irritierende Opener "Am Ende zählst nur du" zarte Dosen von Gift ab: In schiefen Metaphern wie der "fleißigen Straßenbahn" oder Bildern von Hinfälligkeit wie dem vom Mond, der sich vor Altersschwäche kaum gegen die Wolken durchsetzen zu können scheint, nistet der Anhauch schwindsüchtiger Lebensträgheit.

Richtig in die misanthropischen Vollen greift dann schon der nächste Song "Enfant terrible", in dem ein von den Zumutungen des Lebens heillos überreizter Zeitgenosse der Welt seine Frustration entgegenschleudert: "Und bleibt mir vom Leibe mit eurer Kritik / Weil ihr sonst was auf die Schnauze kriegt / Ich will nicht wissen, was ich besser machen kann", keift Bamborschke, dessen lyrisches, 2017 bei einem Kleinverlag erschienenes Buch-Debüt den schönen Titel "Mir platzt gleich der Kotzkragen" trug.

Schon nach ihrem Debütalbum "Und aus den Wolken tropft die Zeit" (2016) bestand wenig Gefahr, Deutschlands zweite kontemporäre Weltklasse-Rockband neben International Music als Quell der Harmonieseligkeit und Zuversicht zu verkennen. Joy Divsion sind bei Isolation Berlin immer wieder als Referenz genannt worden, für das aktuelle, über größere Strecken eher gedämpfte Album "Geheimnis" täte es auch Dakota Suite - zuallererst aber sind Isolation Berlin einfach Isolation Berlin und es gibt keinen Grund, ihnen mit welchem Bezugssystem auch immer ihre Einzigartigkeit abzusprechen.

Dass Tobias Bamborschke, ohne sich gegen seine Rockstar-Pflichten als attraktive Herzeigefigur und Rampensau zu versündigen, mittlerweile als "etablierter" Autor bei Kiepenheuer & Witsch publiziert, hat ebenso seine Richtigkeit wie die stilistische Wegrichtung der Band, die von einem mehr oder weniger breit angelegten Pop-Rock mit Folk-Einsprengseln zu einer zugespitzten Musiksprache mit verschärften Kontrasten geführt hat.

Es gibt zahlreiche von akustischer Gitarre getragene Zeitlupenballaden auf "Geheimnis", und demgegenüber vereinzelte musikalische Amokläufe. "Private Probleme" ist ein grober, bassbasierter Klotz von einem Song, in dem textlicher Minimalismus (der als sarkastische Verarsche des grassierenden Psycho-Exhibitionismus verstanden werden könnte) mit musikalischem Minimalismus (der sie gewissermaßen verstärken würde) korrespondiert.

Frenetisches Aufbrausen

"Stimme Kopf" zelebriert das psychotische Rasen von einem, der kurz vor der ultimativen Explosion steht. Auch "(Ich will so sein wie) Nina Hagen" verdichtet - nach beschaulichem Einstieg - gesellschaftliche Verweigerung und Selbst-Ekel zu frenetischem Aufbrausen. Im Titelsong gibt Bamborschke zu einem Rockabilly-ähnlichen Rhythmus, der durch Synthie-Verstärkung einen leichten Hauch Suicide in sich trägt, den überdrehten Seelensucher.

Zumeist aber entladen sich Verstimmung, Enttäuschung, Verstörung und Desillusion nicht in Aggression, sondern versickern in einer Resignation, die gleichermaßen traurige wie wunderschöne Bilder hervorbringt: "Und wieder geht ein Jahr vorbei / Der Mann im Spiegel, der wird langsam alt / Er fragt sich, ob du wohl in deinem neuen Leben glücklich bist / Du wirst vermisst / Von einem, der hier sitzt / Und Bleistifte spitzt / Mit denen zeichnet er die Träume auf / Die ihn nächtlich quälen / Es hört niemals auf / Doch bringt er seine Träume zu Papier / Kann es passiern / Dass sie ihre Bedrohlichkeit verliern."