"Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter betäubt werde, ohne zu schlafen; daher der Genuss im Tabakrauchen, Branntweintrinken, Opiaten." Schon der alte Weinfeinspitz Johann Wolfgang von Goethe wusste über die Tatsache Bescheid, dass man das Leben nicht nur nüchtern betrachten und es substanzlos schon gar nicht ertragen kann. Ob er sich aber auch ausdenken konnte, dass die neue deutsche Volksdichtung in Gestalt von Helene Fischer im Jahr 2021 ein Album vorlegen würde, das den Titel "Rausch" trägt, obwohl sich darauf exakt niemand niederbügelt?

Nicht nur wird in diesen zur an sich besten Wiesn-Zeit veröffentlichten Liedern nicht getrunken und schon gar nicht gebechert, gesoffen, gekippt und geext - es kommen außer etwas Schweiß auf der Haut, dem Dunst des Atems in der Hitze der Nacht und eventuell stillen Wassern, die tief sind ("Jetzt oder nie! Morgen kann alles vorbei sein ..."), eigentlich überhaupt keine Flüssigkeiten vor.

Besungenes Schwipsgefühl

Selbstverständlich wird schon gar kein Haschisch gespritzt und es ist auch kein illegales Doping im Spiel, wenn es in Songs wie "Wenn alles durchdreht" zu Zeilen wie "Und all das Rennen im Kreis / auf immer dünneren Eis" mit seinem zum Workout auf dem Laufband oder im Hamsterrad des Lebens gut geeigneten Blitzhüttenbeat um das von Ober-Duracell-Häsin Helene Fischer überraschenderweise sogar sanft kritisch angegangene Thema der Selbstoptimierung geht.

Weil man sich aktuell aber keinen Rausch mehr abholen kann, indem man in ein Bierzelt hineingeht - das Oktoberfest in München ist aus Gründen heuer abermals abgesagt - und auch gefallene Politiker mit dem Satz "Ich gehe jetzt in die Wirtschaft" nicht länger zum Ausdruck bringen, dass sie gleich an der Budl stehen werden, um eine Maß nach der anderen hinunterzustürzen und mit Zwetschgernem nachzuspülen, ist auch der Rausch auf "Rausch" natürlich ein anderer. Wir sprechen vom Rausch der Liebe ("Liebe ist ein Tanz"), vom Rausch der Gefühle ("Ich will diese Spiele nicht mehr!"), des Lebens ("Danke für dich!") und der Zeit ("Du gibst dem Leben seinen Wert"), was zusätzlich ja auch den Vorteil hat, dass sich diese Zustände im Fall einer spontanen Verkehrskontrolle im Blutbild nicht nachweisen lassen. Herr Inspektor!

Es zieht sich

Manchmal ist das besungene Schwipsgefühl wie seinerzeit im Hit "Atemlos durch die Nacht" aber natürlich auch hormonbedingt und sehr sexuell. Insbesondere das von akutem Ethnopop geprägte Titelstück des Albums ("Ich fühl mich wie im Rausch, ein Sturm auf meiner Haut / Du musst nichts sagen / Was du willst, will ich auch") und die Vorabsingle "Vamos A Marte" ("Wir schauen uns an, ein bisschen zu lang") gemeinsam mit Latinolover Luis Fonsi sind zu erwähnen.

Im Falle der letztgenannten Nummer dürften die expliziteren Passagen nicht von ungefähr auf Spanisch gesungen werden. Bei Teilen des Publikums ist die Gefahr eines Rauschs in Verzug, der vom hohen Blutdruck her kommt. Vorsicht! Auch aktuelle Pressefotos mit unserer Heldin in der neuesten Unterwäschekollektion aus dem Universal-Versand tun diesbezüglich ein Übriges. Und sie untermauern außerdem "Helene Fischers geschickte Taktik, ihren Babybauch zu verstecken", die im Boulevard derzeit von Fachexperten diskutiert wird, die ausnahmsweise nicht Peter Filzmaier heißen.

Nach vier Jahren ohne neue Musik und der entsprechenden privaten Vorab-PR jedenfalls handelt es sich bei "Rausch" um das mittlerweile achte Album von Helene Fischer. Mit 24 Liedern auf der "Deluxe Version" und 18 auf der regulären CD ist es deutlich zu lang geraten. Selbst bis zu zwölf (!) Autoren pro Song können beim Hören eines nicht verhindern: Zwischen bekräftigenden Power- und betrübten Klavierballaden sowie den neuesten Schema-F-Elektroschlagern für Mädelsrunden auf Raubzug durch die Ü-40-Szene zieht sich das Ganze mit zunehmender Dauer dann doch erheblich.

Floskelautomat mit Fehlern

Wir hören neben sehr authentischen Emotionen vom Reißbrett und dem Sexfaktor eines dreimal gewischten Sterilraums nicht zuletzt musikalischen Nachschub aus den Bereichen Scheidungshit ("Volle Kraft voraus") und Hochzeitsretorte ("Alles von mir"), mit "Die Erste deiner Art" aber auch ein Lied, das schlau genug ist, zwar als einer dieser beim Song Contest so beliebten LGBTQ*-Durchhaltesongs verstanden werden zu können, dabei aber nur genau so viel zu sagen, um auch als gewöhnlicher Beitrag zum Thema Selbstakzeptanz durchzugehen. Ob sich "Wann wachen wir auf" wiederum mit einer Beziehungskrise oder der Umweltkatastrophe beschäftigt, bleibt unklar, am ehesten hört sich das Ganze aber sowieso an wie ein Song über die gegenwärtige Krise der ÖVP: "Wie können wir uns nur so zerstören? Nichts fühlen und nichts hören? Was muss noch geschehen??"

Gerade noch hat man sich leicht beduselt gefühlt wie nach einem dieser leichten Prosecco-Damenspitze, spätestens nach dem Kinderchor von "Zuhaus" und den fünf nächsten Song gewordenen Augenaufschlägen aber zieht dann doch bereits ein gewaltiger Kater auf. Darüber, dass die neue deutsche Volksdichtung anscheinend auf einem KI-gesteuerten Floskelautomaten mit Programmierfehlern basiert, dann ein andermal mehr.