Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist natürlich: Wie kommt der Weltraum dazu? Ausgerechnet die für das menschliche Ohr so friedlichen, da absolut stillen unendlichen Weiten werden aktuell nicht nur von Multimilliardären mit kosmischen Eroberungsobsessionen aufgemischt. Gerade hat Jeff Bezos die 90-jährige "Stark Trek"-Ikone William Shatner erfolgreich ins All geschossen und behütet wieder zurückgebracht, schon fünf Monate zuvor waren intergalaktische Störgeräusche durch die britische Band Coldplay entstanden.

Irdische Fakten

Das Quartett um Sänger Chris Martin ist selbst zwar auf dem Boden geblieben (keine beabsichtigte Doppeldeutigkeit an dieser Stelle!), hat seine Single "Higher Power" unter Mithilfe des französischen Astronauten Thomas Pesquet aber auf der internationalen Raumstation ISS vorgestellt. Im dazugehörigen Musikvideo sind nicht von ungefähr tanzende Alienhologramme zu sehen. Immerhin präsentiert sich nun auch das neue und mittlerweile neunte Album der 1996 gegründeten Band zumindest laut Konzept völlig losgelöst von der Erde. Ganz abgesehen vom Titel selbst, soll jedes der zwölf Stücke auf "Music Of The Spheres" einen Himmelskörper darstellen, den die Band in ihr eigens dafür erfundenes Planetensystem eingemeindet.

Die durchwegs mit dem irdischen Boden der Realität verbundenen Fakten zuerst: Trotz der theoretischen Grundlage vom Zuschnitt längst vergessener alter Konzeptalben aus der Progrock- und Dinosaurierszene klingt die Mehrheit der Songs dann aber eh wieder nach dem üblichen Lalelu-Sie-liebt-mich-nicht-sie-liebt-mich-doch-Universum, für das man Coldplay auch bisher schon kannte.

Auch wenn im zehnminütigen Abschlussstück, der letztlich an Elton "Rocket Man" John geschulten Outerspaceballade "Coloratura", ordentlich namegedroppt wird, Galileo Galilei also wahrscheinlich im Grab rotiert und Coldplay-Fans auf dem Heimatplaneten gerade eifrig nachgoogeln dürften, worum es sich bei Kallisto, Kalliope und Betelgeuse handelt - Popmusik bildet! -, regieren etwa in Songs wie der Herzschmerzballade "Let Somebody Go" im Duett mit Selena Gomez nur allzu menschliche Gefühle. Zur Untermauerung des Überbaus werden davor, dazwischen und danach aber wenigstens "sphärische" Sounds, sprechende Bordcomputer und ein sogenannter "Alien Choir" eingespielt.

Wer sich vor Aliens übrigens fürchten sollte: Leute, es geht noch wesentlich schlimmer! Coldplay haben für ihre jüngste Arbeit ausgerechnet auf die schwedische Hitkanone Max Martin gesetzt. Die Allzweckwaffe unter den Problembärproduzenten hat sich auch als Co-Autor eingebracht und schreckt diesmal selbst vor flachen "Olé-olé-olé-olé"-Fußballchören nicht zurück. Als würde das noch nicht reichen, konnte man sich offenkundig aber auch nicht so recht entscheiden, ob die käsigen Keyboards des Albums nun eher an alte Haar-Hardrocker wie Europe ("The Final Countdown") oder historische Schlagergrößen wie Roger Whittaker erinnern sollen. Im beinahe "rockigen" Song "People Of The Pride" wird Chris Martin irgendwann noch den Satz "It’s just work" von sich geben, der irgendwie seltsam, aber auch ziemlich stimmig ist.

Ein Irrflug

"Human Heart" beschäftigt sich als hübsches Rührstück mit je einem Männer- und einem Frauengesangsverein a cappella mit Geschlechterstereotypen, im Song "Biutyful" (sic!) wiederum verbreitet Chris Martin als singender Heliumluftballon heiße Luft. Zufällig oder nicht, die gemeinsam mit der immens erfolgreichen südkoreanischen Boyband BTS aufgenommene Single "My Universe" schrammt wie ein abstürzender Meteorit im Irrflug durch den Orbit nur ganz knapp an einem Plagiat von Katy Perrys Song "Teenage Dream" aus dem Jahr 2010 vorbei - eine künstlerische Bankrotterklärung.

Für das Jahr 2022 haben Coldplay, die aus Klimaschutzbedenken zuletzt nicht mehr touren wollten, übrigens eine groß angelegte Konzertreise angekündigt. Als Feigenblatt wird dafür eine Kooperation mit einem süddeutschen Autohersteller ins Feld geführt, die den CO2-Fußabdruck der Band über eine "mobile Batterielösung" reduzieren soll. Wer aus Rücksicht auf die Umwelt oder anderen Gründen lieber zu Hause bleibt: Das Album "Music Of The Spheres" liefert zahlreiche Argumente.