Wynton Marsalis ist nicht nur als Trompeter ein Sprachrohr des Jazz: Der Virtuose, der neun Grammys und den Pulitzerpreis sein Eigen nennt, bricht auch mit seiner Eloquenz gern eine Lanze für das Fach - bei Galas, Vorträgen und als Chef des renommierten Jazz at Lincoln Center in New York, dessen Orchester er zudem leitet. Seine Verehrung für die Schätze der Jazz-Tradition und so mancher bissige Satz über die Popwelt haben den Anzugträger aber auch zu einem Reibbaum der Szene gemacht. Im Interview zeigt sich Marsalis konziliant gegenüber anderen Genres und schwärmt von der Oper seines Jazz-Kollegen Terence Blanchard.

"Wiener Zeitung": Die New Yorker Met hat nun erstmals die Oper eines schwarzen Komponisten aufgeführt, "Fire Shut Up In My Bones" von Terence Blanchard. Ist das ein bedeutender Schritt?

Wynton Marsalis: Inwiefern?

Für afroamerikanische Musiker.

So sehe ich das nicht. Ich denke, dieses Stück ist eine Errungenschaft, weil es so gut geschrieben ist. Ich betrachte es aber nicht als "schwarze", sondern amerikanische Leistung.

Sie haben schon ein Oratorium und Symphonien verfasst. Würden Sie auch eine Oper schreiben?

Vielleicht. Ich habe schon vor Jahren mit Peter Gelb (Intendant der Met, Anm.) darüber geredet. Aber ich war jetzt so beeindruckt von Terence, dass ich mich nicht genötigt fühle, es auch zu tun.

Sie sind global oft auf Tour. Wo sind die Arbeitsbedingungen für Jazzer besser, in den USA oder in Europa?

Ich kenne mich damit in Europa zu wenig aus, um das klug zu kommentieren. Ich kann nur sagen, in den USA ist es schwer.

In Europa fließen für die Kunst Subventionen, in den USA bestreiten Mäzene einen starken Anteil...

Ja, wir haben das Glück, dass es viele Donatoren gibt - es ist ein gutes System. Aber ich würde gerne mehr ökonomische Wertschätzung von staatlicher Seite für die Kunst sehen.

Ist der Bestand von Institutionen wie Jazz at Lincoln Center garantiert?

Nichts im Leben ist garantiert! Auch unsere Zukunft ist es nicht. Das ist ein Teil der Schönheit des Lebens. Es ist der Tod, der das Leben süß macht.

Aber ist ein Leben mit weniger Kämpfen nicht süßer?

Das kommt darauf an, wie man zum Risiko steht. Die Geschichte zeigt jedenfalls: Ganze Zivilisationen können zerfallen. Die Behauptung, irgendwas würde mit Sicherheit überleben, wäre arrogant.

Der Jazz ist heute reich an verschiedenen Stilen und Spielarten. Wohin könnte er sich in den nächsten Jahren entwickeln?

Auch das ist unmöglich zu wissen. In unserer Zeit verwandeln sich die meisten Dinge zu einer Imitation dessen, was populär ist, oder zu einer Nachahmung von Kunstmusik. Jazz muss einen Weg dazwischen finden, wie er es immer tat. Es wird stets Leute geben, die das tun. Auch wenn das nicht die Mehrheit ist.

In Ihren Interviews entsteht der Eindruck, Sie trennen sehr strikt zwischen Pop- und Kunstmusik.

Wynton Marsalis (59) betrachtet Terence Blanchards Opernerfolg nicht als schwarze, sondern als amerikanische Leistung. 
- © Clay McBride

Wynton Marsalis (59) betrachtet Terence Blanchards Opernerfolg nicht als schwarze, sondern als amerikanische Leistung.

- © Clay McBride

Diese Trennung muss ich nicht selber machen, das erledigt schon der Markt. Es würde ja niemand die Musik von Thomas Adès (Komponist, Anm.) und die von Migos (Hip-Hop-Trio) verwechseln.

Verdeckt eine solche Trennung aber nicht gewisse Dinge? Gibt es im Popbereich nicht auch Künstler mit starkem Kreativpotenzial?

Sicher. Kreativität steckt in jeder Form von menschlicher Musik, sie ist überall. Es wäre falsch, das Gegenteil zu behaupten.

Sie selbst mögen Stile wie den Jazzrock allerdings nicht.

Bin ich dazu verpflichtet?

Natürlich nicht.

Eben. Es gibt Stile, die sind weniger Jazz als andere. Zum Vergleich: Es gibt ein gewisses Verhältnis zwischen Zitrone und Wasser, das Limonade erzeugt. Wenn ich Ihnen aber eine Limonade mit einer Zitrone pro Gallone Wasser (knapp vier Liter, Anm.) mache und Sie sagen "verdammt" - dann bedeutet Ihre Reaktion nicht, dass Sie kein Wasser mit Zitrone mögen. Es bedeutet nur: Das ist keine Limonade.

Ein anderes Thema: Werden Frauen im Jazz bedeutender?

Ja, und das ist wichtig. Je mehr Praktiker mit verschiedenen Perspektiven wir haben, desto besser wird die Musik.

Bei Konzerten überwiegen weiterhin die männlichen Spieler.

Es braucht Zeit, bis solche Übergänge abgeschlossen sind.

Im Vorjahr ist Ihr Vater, der Pianist Ellis Marsalis, verstorben. Sie haben ihn verehrt, mit ihm gespielt, von ihm gelernt. Hat er Ihnen auch ein gewisses Ethos vermittelt?

Ja, universellen Humanismus. Du bist nur ein Teil eines viel größeren Gefüges. Sei nicht sektiererisch, nicht tribalistisch.

Was meinen Sie mit "tribalistisch"?

Ich meine Gruppen, die durch ihre Personenanzahl Macht zu gewinnen versuchen. Mein Vater tat das nie. Er schrieb keiner Gruppe magische Kräfte zu. Nicht den Schwarzen, nicht weißen Intellektuellen, nicht deutschen oder französischen Expressionisten.

Sind Soziale Medien in diesem Kontext nicht ein Problem? Dort spitzen sich solche Gruppenkonflikte zu.

Was befreien kann, kann auch versklaven. Ich denke, die Welt ist mit Sozialen Medien besser als ohne. Es sind jetzt mehr Meinungen verfügbar, mehr Auswahl, es ist leichter, an gute Informationen ranzukommen, auch wenn man sich durch schlechte arbeiten muss. Um es mit dem Verkehr zu vergleichen: Ich würde sagen, man braucht Tempolimits und Gebote wie "Trink nicht, wenn du fährst". Ich würde aber nicht sagen: Autos sind schlecht, die Leute sollten nicht fahren.