Dies ist das richtige Album, und es kommt zur richtigen Zeit: Bevor man sich schon demnächst stockstarr auf dem Friedhof zwar nicht an diverse Heilige, sehr wohl aber an die eigene Verwandtschaft erinnern will und es etwa in Mexiko im Rahmen der Feierlichkeiten zum Día de los Muertos nicht nur vergleichsweise ausgelassen und bunt zugehen wird - der Tod weniger als das Ende, sondern als Teil unseres Da- und Wieder-weg-Seins auf und von der Erde -, hat auch der österreichische Musiker Paul Plut erneut etwas Gewichtiges zum Thema zu sagen.

Der Tod ist vielleicht faszinierend und in jedem Fall schrecklich, himmelschreiend ungerecht, eine Zumutung und auch deshalb buchstäblich das Letzte. Allerdings gilt es gerade auch deswegen, ihn zurück in den Alltag zu holen. Annäherung, Begegnung, Konfrontation, womöglich Versöhnung: Sprechen wir vom einzigen noch verbliebenen Tabu einer Gesellschaft, die permanent mit sich selbst beschäftigt ist, die Endlichkeit dabei aber nicht nur konsequent ausklammert, sondern nicht einmal ignoriert.

Das Ende von allem

Der 1988 in Schladming geborene Musiker Paul Plut (Marta, Viech) hat mit seinem Solodebüt "Lieder vom Tanzen und Sterben" vor vier Jahren ein Meisterwerk im Fachbereich der menschlichen Sinn- und Existenzfragen vorgelegt. Mit seiner Folgearbeit geht er den eingeschlagenen Weg noch kompromissloser weiter. Immerhin wurde für das Video des Songs "Schwarze Finger" nicht von ungefähr eine Totenmaske des Musikers angefertigt, die nun auch das Cover von "Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse" (Abgesang) ziert.

Mit dem bereits seinerzeit im Song "Klatsch" angedeuteten Ende von allem im Zentrum des als Meditation am Hallklavier angerichteten Titelstücks, in dem die Heimat des Sängers, Songwriters, Produzenten und Multiinstrumentalisten nach einem nicht näher definierten Untergangsereignis bereits aus der postirdischen Perspektive erkundet wird ("In da Raika wohnt da Fuchs ..."), hört man darauf neben dunkelgrauen sehr gerne auch raben- bis kohlrabenschwarze Lieder.

Manchmal verliert man seinen Glauben und die Hoffnung dabei ausgerechnet auf einer knarrenden Kirchenbank inmitten einer herüberwehenden Weihrauchwolke zu Orgel, Kontrabass und Akkordeon bei etwas, das eigentlich als Andacht geplant war. Gelegentlich tritt eine der sieben biblischen Plagen in Form einer Gitarre mit aufbrausendem Furor die Hölle los.

Totentanz mit Twang-Gitarre

Es braut sich etwas zusammen: Inmitten der zwar prächtigen, aber auch dräuenden und beengenden Berglandschaft als omnipräsente Kulisse gehen die skelettierten Schladminger Dialektsongs mit knorrigen Bluesgitarren und knochiger Percussion von persönlichen Befindlichkeiten und individuellen Ängsten bald auch zum großen Ganzen über. Zum Tod der Landjugend auf der Straße ("B320") und den Wunden, die bleiben, gesellt sich mit dem beklemmenden Trauergesang von "Kinder vom Meer" als Thema zur Zeit heute auch die sogenannte "Flüchtlingskrise" mit all ihren Schicksalen und Opfern.

Anderswo geht es näher an alten Lärmheiligen und Untergangspropheten wie Michael Gira und seinen Swans zur Geisterstunde auf die Planai. Dort winkt David Lynch als unheimlicher Hüttenwirt bereits mit der Schnapsflasche herüber. Paul Plut selbst treibt seinen Beitrag zu den seit dem 13. Jahrhundert bekannten "Vado Mori"-Gedichten währenddessen mit der Stompbox in Richtung Totentanz. Zu einer auf die Grube verweisenden Twanggitarre heißt es: "I moch mi auf zum Geh / Den andern hinterher ..." Als um Transzendenz bemühter Geschichtenerzähler bleibt Plut also auch heute der Fährmann aus dem Zwischenreich und wird damit endgültig zum großen Pompfüneberer und Trauergehilfen der heimischen Songwriterszene.

Dass bei "Hinterm Haus" wieder das Licht angeht, hat sich die Hörerschaft am Ende jedenfalls redlich verdient. Immerhin wurde zuvor im Song "Eitelkeit" (fast) jeder Hoffnung ein Ende bereitet: "Der Bam wird foin / Die Mutter wird älter / Die Viecher werdn sterbn / Die Sunn wird koit / Unsa Kind wird sterbn / Und davor, hoff i, triffts mi."