Mangelnden Schaffensdrang kann man der Frau definitiv nicht vorwerfen. Immerhin handelt es sich bei "Blue Banisters" bereits um das dritte Album von Lana Del Rey in nur zwei Jahren - die als Audiobook veröffentlichte Spoken-Word-Arbeit "Violet Bent Backwards Over The Grass" noch nicht mitgerechnet. Und auch zu wenig Kreativität oder das in Zeiten der möglichen Selbst- und manifesten Fremdoptimierung florierende Motto "Quantität statt Qualität" war dabei nicht das Thema.

Ohne Zweifel konnte man die heute 36-Jährige sowohl auf "Norman Fucking Rockwell!" von 2019 als auch auf dem heuer im März nachgereichten "Chemtrails Over The Country Club" trotz diverser sehr wahrscheinlich beabsichtigter Irritationsmomente dabei erleben, wie sie sich zu einer der zentralen Songwriterinnen ihrer Generation entwickelte. Vor allem als Sängerin, Performerin und Persona war sie seit ihrem Durchbruch mit der Single "Video Games" im Jahr 2011 ohnehin schon zumindest interessant.

61 getragene Minuten

Inwieweit es sich bei Lana Del Rey um eine Kunstfigur handelt, blieb währenddessen natürlich ein Rätsel. Ohne dass sich daran am Ende groß etwas ändern würde, spricht die Musikerin von "Blue Banisters" jetzt sinngemäß aber von einem Schlüssel zu ihrem Ich. Zumindest würde sie mit den 15 neuen Songs im Gegensatz zu früher ihre eigene Geschichte erzählen. Das dauert im konkreten Fall 61 im Tempo recht getragene Minuten lang.

"You’ve got a Thunderbird, my daddy had one, too / Let’s rewrite history, I’ll do this dance with you": Kritikerinnen wie Freunde ihrer Kunst werden sich dabei in ihrem Urteil relativ schnell bestätigt fühlen. Und beide irren sich: Frei nach Walt Whitmans Satz "I contain multitudes", auf den sich mit seinem gleichnamigen Song im Vorjahr auch Bob Dylan bezog, existiert die eine, wahre Lana Del Rey einfach nicht. Auch sie ist viele - gerade in Bezug auf das von ihr verkörperte und oft kritisierte Frauenbild trifft das zu. Immerhin sehnt sich die Sängerin gleich im von hübscher Vintage-Patina aus dem Hause Nancy Sinatra überzogenen Auftaktsong "Text Book" nach einem Boyfriend, der sie an ihren Daddy erinnert, und gönnt sich die himmelschreiend unterwürfige Zeile "Do you think if I go blonde, we could get our old love back?" als mittlere Provokation.

Sie schmachtet sich durch Text gewordene Eroberungsfeldzüge ("Don’t say you’re over me / When we both know that you lie") und nach Sponsorenvertrag mit einem Sportartikelhersteller klingende Auf- und Einforderungen ("’Cause if you’re on fire, you’re on fire (Just do it))", lässt sich von ihrer Rolle als entweder freiwilliges Objekt oder aktive Männerfresserin durch Anregungen von außen aber auch abbringen: "She said ,You can’t be a muse and be happy, too / You can’t blacken the pages with Russian poetry and be happy.‘" Im Titelsong des Albums tauscht Lana Del Rey einen Bittsteller aus, der ihr, nun ja, nicht nur bei der Gartenarbeit zur Hand gehen möchte, und ersetzt ihn im Rahmen eines zunehmenden Manifests weiblicher Selbstbestimmung durch ihre zwei besten Freundinnen. Am Ende ist das Geländer auch ohne Mann im Haus vorbildlich gestrichen. Nur blau ist es nicht.

Eine Diva mit Traktor

Blau ist bekanntlich keine warme, aber die das Album bestimmende Farbe, mit der uns Lana Del Rey noch in das weite Universum der Kunstgeschichte entführt. Im Song "Beautiful" wird einem Lover, der ihre Traurigkeit weder verstehen noch akzeptieren will, ein Denkanstoß auf den weiteren Lebensweg mitgegeben: "What if someone had asked Picasso not to be sad? There would be no blue period!" Ob es sich um denselben Kerl wie im Song "Violets For Roses" handelt, ist unbekannt. In seiner Haut stecken möchte man aber jedenfalls nicht: "Ever since I fell out of love with you I fell back in love with me / And, boy, does it feel sweet."

Abgesehen von einem überraschend einfallenden Hip-Hop-Beat und einem Ennio-Morricone-Sample, zart swingenden Bläserspitzen aus dem Ballroom und dem retro-psychedelisch angelegten "Dealer" als grobe Ausreißer kommt "Blue Banisters" zu alledem als lose Sammlung klavierbasierter Lieder daher, die sich musikalisch keine Blöße gibt, die Klasse der Vorgängerwerke allerdings nicht erreicht. Toll auch Lana Del Rey als Resi auf einem John-Deere-Traktor im Musikvideo zum Titelstück und die Zeile "The only thing that still fits me is this black bathing suit" im Quarantänesong des Albums. Endlich wird das Innenleben einer Diva auch uns von diversen Coronakilos gezeichneten Normalos begreifbar.