Die Highhead. Das Schnippen. Zwei Akkorde am Klavier. Und diese Basslinie, die sich vom ersten Moment an und für alle Ewigkeiten in das Hirn schraubt. Dumdumdumdadadumdum. Dumdumdumdadadumdum.

Dann erst setzt die unve rzerrte Gitarre ein. Ton für Ton und Freddie Mercury schmeichelt ein "Umbabeh" ins Mikrofon. Dann geht’s los.

"Da wär ich gern dabei gewesen" ist ein frommer wie etwas kindischer Wunsch. Die einen hätten gerne zugehört, was auf der Konferenz von Jalta zwischen Stalin, Churchill und Roosevelt besprochen wurde. Andere wären gern Mäuschen gewesen beim ersten Treffen von Schiller und Goethe. Dritte wiederum mögen davon träumen, bei den Koalitionsverhandlungen von Kurz und Strache 2017 in Klosterneuburg Getränke serviert haben zu dürfen, um den - möglicherweise - hochphilosophischen Gesprächen zweier Staatsmänner von herausragendem Charakter und einzigartiger Integrität lauschen zu können. Die Geschmäcker sind sehr verschieden.

1981 liegen all diese Ereignisse in der Vergangenheit oder ferner Zukunft.

Ronald Reagan hat gerade sein Amt als US-Präsident angetreten und kurz darauf ein Attentat überlebt, auch Papst Johannes Paul II. entgeht nur knapp den tödlichen Folgen der Schüsse von Ali Agca, Ägyptens Präsident Sadat dagegen wird vor laufenden Fernsehkameras von seinen eigenen Militärs erschossen. In Deutschland demonstriert man gegen das Atomkraftwerk Brokdorf, in Frankreich wird mit Mitterand erstmals ein Sozialist Staatspräsident und Österreich wird erstes assoziiertes Mitglied der Europäischen Raumfahrtkommission. Und während am Golf der Krieg zwischen Irak und Iran tobt und es in London zu Straßenschlachten zwischen Rechtsradikalen und Einwanderern kommt, treffen in Montreux in der Schweiz fünf Musiker zusammen.

"Under Pressure" donnert Bowie ins Mikrofon "Pushing down on me, pressing down on you!". Mercury kontert "burns a building down, splits a family in two". Dann beide einig "puts people on streets".

Etwas Neues hat angefangen. Und es ist vielleicht nicht so gemütlich. Nach den hoffnungsvollen 60er Jahren, die Aufbruch, "Love, Peace & Happiness" oder - wenigstens - freie Liebe versprochen haben, nach den wütenden 70ern, in denen es sowohl Terrorismus, als auch die Helsinki-Schlußakte gibt, und die Glamrock, Funk, Disco und Punk hervorgebracht haben, sind jetzt die 80er Jahre da. Gerade erst hat Falco dem deutschsprachigen Publikum erklärt, was Rap ist und noch kann sich keiner vorstellen, dass das der Stil ist, der die nächsten Jahrzehnte prägen wird. Davor werden wir alle noch ein Tal der Tränen und Schulterpolster durchschreiten müssen. Ein Jahrzehnt, das sich in Dunkelgrau mit Neonstreifen ankündigt.

Der Schrecken des Wissens

David Bowie sagte, das Lied entstand in einer Improvisation an einem Nachmittag. 
- © AFP / Martin Bureau

David Bowie sagte, das Lied entstand in einer Improvisation an einem Nachmittag.

- © AFP / Martin Bureau

Am Genfer See 1981 weiß man davon so wenig wie anderswo. Aber vielleicht spürt man ja was. Schließlich sind in diesem Raum lauter Engländer versammelt und Großbritannien hat seit zwei Jahren eine Ministerpräsidentin, die als Iron Lady den zentralen Glaubenssatz des Neoliberalismus formulieren wird: "There is no such thing as society".

"It’s the terror of knowing what this world is about / Watching some good friends screaming: Let me out!" orakelt David Bowie dem Zuhörer ins Ohr.

Den Nacherzählungen zufolge soll Bowie das Gerüst eines halbfertigen Queen-Songs übernommen haben. Bassist John Deacon lieferte die Bass-Linie dazu. Nach einer Essenspause soll er sie aber als erster - und letzter - Mensch dieser Welt wieder vergessen (!) haben. Dumdumdumdadadumdum - Wie kann man das vergessen?

Es muss wohl das eine oder andere Getränk konsumiert worden sein. Womöglich andere Substanzen. Schlagzeuger Taylor und Gitarrist May erinnern sich an eine anstrengende 24-Stunden-Session, Bowie dagegen an eine Improvisation im Laufe eines Nachmittags. Entweder hatte also Bowie mehr Spaß (wobei die Zeit bekanntlich schneller vergeht) oder mehr intus (was sich ja auch auf die zeitliche Wahrnehmung niederschlägt). Es hat ihn nicht gehindert, seine Handschrift beim Text zu hinterlassen. Ein Glück. Niemand ist Queen-Fan wegen der Lyrics.

Freddie Mercury sang mit Bowie akustisches, shakespearische Welttheater in drei Minuten, 50 Sekunden. 
- © AFP / JEAN-CLAUDE COUTAUSSE

Freddie Mercury sang mit Bowie akustisches, shakespearische Welttheater in drei Minuten, 50 Sekunden.

- © AFP / JEAN-CLAUDE COUTAUSSE

"Turned away from it all like a blind man / Sat on a fence but it don’t work" hauchen Mercury und Bowie gemeinsam im Falsett. Neue Zeiten brechen an, alte Rezepte (wie das von Jagger und Richards auf dem Zaun) funktionieren nicht mehr. Das spürt auch der kleine Zwölfjährige, der im Zimmer seines Freundes sitzt, der ihm diese Single gerade zum ersten Mal vorspielt. Das hier scheppert nicht mehr unbekümmert wie "I feel fine" aus dem Lautsprecher seines großen Bruders. Und es groovt auch nicht wie Stevie Wonders "Happy Birthday" aus dem Jahr zuvor aus dem Radio.

Das Cover der Single ist schwarz. Ganz schwarz. Nur der Titel und die Interpreten stehen in weißen Lettern drauf.

"Insanity laughs under pressure we’re cracking" zürnt Bowie wie ein prophetischer Zauberer. Der Druck steigt. Das liegt in der Luft Anfang der Achtziger Jahre. Die Chemielehrerin wird Monate später erstmals etwas vom Klimawandel erzählen, vom Ölpreis und von Arbeitslosenzahlen. Wenn man das in einer Mittelschule in Wien weiß, wird sich das bis Montreux auch herumgesprochen haben.

"Whyyyyyyyyy" schraubt sich Mercury in ungeahnte Höhen, die Band hat die lässige Zurückhaltung vom Anfang hinter sich gelassen, Taylor trommelt sich das Herz aus dem Leben und May zeigt, dass er (abgesehen von sterbenslangweiligen Soli) ein sehr guter Rhythmusgitarrist ist. Das Ding fährt durch den Kopf des Zwölfjährigen wie ein Kinosaal auf einer Dampflok.

"Give Love, give love, give love" schickt Mercury stoßgebetartig in den Himmel, bevor ihn Bowie mit einem "Cause Love’s such an old-fashionend word" auf den Boden der Tatsachen holt. Das Duett - oder Duell - der beiden Stimmen formt das Drama des Songs. Es ist ein akustisches, shakespearisches Welttheater in 3 Minuten und 50 Sekunden. Und da begreift auch der Zwölfjährige: "This is ourselves."

Nie wieder gemeinsam

Und es ist der letzte glorreiche Moment dieser beiden sehr unterschiedlichen Karrieren für lange Zeit. Bowie wird in den folgenden Jahren in der Schweiz wohnen, viele Leinenanzüge tragen und Dinge machen, die er selbst als seine "Phil-Collins"-Phase bezeichnen wird. Queen dagegen werden viel Zeit mit Dolezal & Rossacher verbringen. Die sind so etwas wie die personifizierte Schweiz.

Die Protagonisten werden das Lied nie wieder gemeinsam spielen. Mercury wird 1991 an AIDS sterben, Bowie 2016 an irgendetwas anderem. Es war nur ein Zufall, der die fünf zusammen geführt hat. Eine Entladung an einem 24-stündigen Nachmittag. Ein Moment, den jemand aufgenommen hat.

Und wir können heute noch dabei sein. "Pressure!" Dumdumdumdadadumdum. Noch ein letztes Mal das Klavier.

Der Druck ist nicht weniger geworden.

Der Rest ist Schnippen.