It’s the voice! - Es war im Jahr 2008, nach Erscheinen des Debütalbums der Fleet Foxes, als diese wenig sensationelle, aber so eindringliche wie wahre Einschätzung, worin denn das überwältigende Moment (nicht nur) dieser US-Band bestünde, inflationär oft geäußert wurde. Die Stimme war und ist es (im speziellen Fall von Robin Pecknold), die buchstäblich alles übertönt(e). Und damit wurde einmal mehr daran erinnert, was in nahezu jeder Spielart von Popmusik das entscheidende Kriterium ist. Auch 13 Jahre später hat sich daran wenig geändert - it’s the voice that makes the difference.

Und damit sind wir bei helianth, einer jungen, in Innsbruck studierenden Südtirolerin, die heuer unter diesem Namen als Sängerin (und Gitarristin) erstmals hervorgetreten ist. Für mich die Stimme des Jahres. Ein derart kräftiges Organ, wie es 2021 bereits früh im Song "sounds and shapes" erklang, irgendwo - und jetzt greife ich bewusst (zu) hoch - zwischen Joni Mitchell und Janis Joplin angesiedelt, hat man schon lange nicht mehr gehört. Zumindest nicht hierzulande. Die im September veröffentlichte EP "midtide" hat den Eindruck mit drei weiteren Nummern bestätigt und bekräftigt (besonders Track Nr. 4, "idkhtly", aka I don’t know how to love you): Kräftig und zart, melodramatisch und mehrstimmig - ein vokales Wonnebad. Bitte 2022 mehr davon.

Nicht ganz so stark, aber auch überzeugend ist die im Oktober erschienene Debüt-EP der gebürtigen Linzerin Xing ("XING"). Hauptsächlich auf R&B- & Soul-Sounds und Hip-Hop-Beats basierend & pulsierend, präsentiert sich die Oberösterreicherin als stimmlich aufgeweckte, wandlungsfähige und wortgewandte Entertainerin, die von Erfahrungen mit Bodyshaming, Freundschaft, Liebe und sonstigen ambivalenten Selbstfindungsprozessen erzählt. (Die Single "Swallow You" vereint alle Elemente prototypisch und paradigmatisch.)

Von gänzlich anderer Stimm- und Stimmungslage kündet das neue, insgesamt bereits zwölfte Album von Birgit Denk: "Erdbeeren und Musik" heißt es - und ist eine Lockdown-Frucht, wie die Wiener Sängerin offen zugibt. An Offenheit fehlt es der gestandenen Dialektpoetin bekanntlich nicht, genauso wenig wie an hemdsärmeligem Schmäh, was sie im Ranking der Stefanie-Werger-Nachfolge in eine komfortable Position bringt. "Goschert sei und eckig, bockig und verletzlich, nur cool sei wollt i nie", heißt es in einem Song - und diese Selbstbeschreibung trifft voll zu: Nein, cool ist Birgit Denk nicht, aber ehrlich & gut. Und das auf allen 14 Nummern, die das volle emotionale Spektrum dieser Musikerin mit Herz & Mundwerk zeigen: Laut & leise liefert sie verlässlich, was man von ihr erwarten darf. Und vom lautmalerisch schönen "Buglkraxen" im gleichlautenden (und ebenso schönen) Lied lässt man sich gerne huckepack aus dem Album tragen.

Beim Wiener Singer & Songwriter Andreas Lechner, der unter dem Projektnamen The Ghost And The Machine firmiert, ist es weniger die Stimme, die auf seinem neuen (analogen) Doppel-Album, "Alice in Contraland, Part I & II", ins Ohr sticht, als der metallene Klang seiner Resonator-Gitarren, die der Musiker in faszinierend vielfältiger Weise zum Einsatz bringt. Part I und II unterscheiden sich nur im Arrangement: zwölf Songs in hoher, klangsüffig-schwelgerischer Dichte (Part I), oder in roher, akustisch-knochentrockener Fassung (Part II). Ein Reinhören in das Projekt, das Lechner etwas überambitioniert als Dark Academia Pop bezeichnet, lohnt da wie dort, speziell im Vergleich, etwa bei den Songs 2, 5 und 10.

Cover von Christohs "Heavy Heart"

Cover von Christohs "Heavy Heart"

Wiederum ganz andere Sound-Ingredienzien findet man auf "Heavy Heart", dem Debütalbum von Christoh. Dabei handelt es sich um den in Wien lebenden Salzburger Musiker und Produzenten Christoph Ertl (ehemals bei Gospel Dating Service), der allerlei Gaststimmen in seine elektronischen Klangwelten mischt, u.a. jene von Miss Lead oder - da ist sie schon wieder - Xing. Es ist eine abwechslungsreiche Collage geworden, eine Art Tagebuch, in dem sich Christoh in seinem Wiener Studio Erfahrungen aus diversen Lockdown-Tagen von der Seele gemixt hat. Die 13 Nummern pendeln irgendwo zwischen Washed-Out-Entspannung und aufgedrehtem Drangsal-Pathos. Und auf Track Nr. 10, "Now That I’m Here (Feat. Rezar)", gibt es - quasi in Christoh-Verpackung - ein kurzes Supertramp-E-Piano-Zwischenspiel, also was für pophistorische Feinspitze. Super.