Zunächst klingt es, als würden sich Don Henleys "Boys of Summer" wieder auf den Weg machen. Ein bisserl langsamer lassen sie’s angehen, aber die Wegrichtung stimmt: geradeaus in die Vergangenheit. Man erinnert sich an damals, etwa wie man zu Bob Dylan gepilgert ist und zu "Desolation Row" getanzt hat. Im Unterschied zu Henleys Protagonisten trägt aber hier der Erzähler dem Wechsel der Zeiten Rechnung: "I don’t live here anymore."

Selten waren sich Kritiker so einig wie bei "I Don’t Live Here Anymore", dem vorab als Single ausgekoppelten Titeltrack des neuen, fünften Albums der US-Band The War On Drugs: Wenn Stadionrock so klingt, dann pilgern wir gerne in die Arenen. Das geschmackvoll leichte Synthie-Intro ebnet den Weg in einen elastischen Groove, in den sich wie eine ätzende Säure die Lead-Gitarre hineinfräst, ehe Text und Gesangsmelodie den Song den Geistern eines Bruce Springsteen oder Tom Petty zu überantworten scheinen.

Vertrackte Gitarrenarbeit

Aber noch eine große Referenz versteckt sich in dieser Hymne: Der anschwellende, sich wie eine Blüte entfaltende, die Stimme des Sängers gewissermaßen in die Weiten des Universums tragende Gospel-Background-Chor weckt Erinnerungen an Alex Chiltons sarkastisches Spottlied "Thank You Friends" vom bekanntermaßen überirdischen dritten Big-Star-Album "Third / Sister Lovers".

Und das zeigt auch: Ganz so einfach, wie das des Öfteren publizistisch praktiziert wird, ist es bei dieser Formation nicht mit den Zuschreibungen als "Classic-Rock-Band". Außer den oft zitierten Anklängen an Springsteen, Petty und natürlich auch Dylan findet man hier auch die vertrackte Gitarrenarbeit großer Individualisten wie Wilco oder Dinosaur Jr., während manche zurückgenommene Ballade sich durchaus einmal im Roots-Bereich breitmacht. Neuerdings, da den Keyboards mehr Platz eingeräumt wird, gleiten extensive Interaktionen zwischen den verschiedenen Instrumenten gerne einmal in den schönen Fluss längerer Songs von Death Cab For Cutie, mit denen The War On Drugs außer einem Bandnamen mit vier Worten auch ein unerwartetes Ausmaß an Erfolg gemein haben. Und dass auf dem neuen Album der Song "Harmonia’s Dream" nach dem legendären Krautrock-Trio betitelt ist, belegt einen weiteren nicht unwesentlichen Einfluss.

Ohnedies liegt ein gewundener Weg hinter The War On Drugs, seit sie 2008 ihr ziemlich aufgedrehtes, wie eine Kreuzung aus Velvet Underground und Bob Dylans Mitt-60er-Rock-Stil klingendes Debütalbum "Wagonwheel Blues" veröffentlicht haben. Bei diesem war noch Kurt Vile, der sich alsbald in eine respektable Solokarriere verabschiedete, als Gitarrist und Co-Autor einiger Songs an Bord. Beim nächsten, temperierteren, gleichwohl rhythmisch und dynamisch zwingenden Longplayer "Slave Ambient" bestimmte Sänger, Gitarrist und Songschreiber Adam Granduciel schon mehr oder weniger allein die Richtung. Prototypisch ist der Zweitling aber auch insofern, als er Granduciel und seine Begleiter als Favoriten der Kritiker etablierte und somit als fixe Größe in der Indie-Szene verankerte.

Mit Zwischentönen

Mit dem dritten Album "Lost In The Dream" löste Granduciel, der 1979 als Adam Granofsky und Abkömmling russischer Juden in Massachusetts auf die Welt gekommen ist, sein Ticket in das Pantheon des Rock-Universums: Das dicht verwobene, präzise getaktete, vielfältig psychedelisch durchwirkte Opus, das in seiner Intensität auch eine gewisse Unerbittlichkeit ausstrahlt, eroberte 2014 die Jahreslisten so gut wie aller maßgeblichen Musikmagazine und -portale und dazu auch die obersten Drittel der Charts in den USA und im UK, wo es vergoldet wurde. 2017 reproduzierte dann "A Deeper Understanding" die musikalische Dramaturgie seines Vorgängerwerks auf hohem Niveau und in etwas moderaterer Gangart. Ein Grammy in der Kategorie "Best Rock Album" war die Folge.

Granduciels Erfolge als Musiker waren allerdings begleitet von einer Geschichte psychischer und physischer Erkrankungen. Lange litt er an Depressionen - und das Sich-glücklich-Fühlen muss er nach eigener Aussage heute noch lernen. Dazu plagte ihn ein schmerzhaftes Rückenleiden, von dem ihn erst eine Operation befreite. 2019 fand aber mit der Geburt seines Sohnes Bruce ein erfreulicherer Einschnitt in seinem Leben statt. Die Pandemie gewährte ihm sogar das unvermutete Privileg, mehr vom Aufwachsen seines Kindes mitzukriegen, als dies Musikern unter normalen Umständen sonst möglich ist. Auf "I Don’t Live Here Anymore schlägt" sich die Vaterschaft nun dahingehend nieder, dass Granduciel viel über Wandel, familiäre Prägung und Vergänglichkeit räsoniert. Dabei stellt sich heraus, dass er zu jenen Zeitgenossen gehört, die es nach dem Wechsel ihres Wohnsitzes nicht ausstehen können, wenn an ihrem früheren Lebensort gröbere Veränderungen von sich gegangen sind.

Das Album tut indessen nicht so, als hätten sich alte Dämonen wie Selbstzweifel oder Angstgefühle allesamt ins Nirwana zurückgezogen. Aber die Musik stellt sich ihnen, vielfältig wie nie zuvor und mit allen Zwischen- und Untertönen um Energie und Zuversichtlichkeit bemüht, entgegen.