Der erste Corona-Lockdown hat einiges mit sich gebracht, mit dem man zuvor niemals gerechnet hätte. Unter anderem unerwartete Einblicke in die Lebenswelten von Topstars. Als zum Beispiel ein Arnold Schwarzenegger - sekundiert von zwei Eseln - in seinem kalifornischen Zuhause auf Video vorzeigte, wie man sich richtig die Hände wäscht. Oder, noch ein paar Grad heißer auf dem Bizarrometer: Als der öffentliche Videochat mit Schauspielerin Demi Moore ein Wasserklosett im Hintergrund zeigte - augenscheinlich in ihrem Wohnzimmer.

Von Elton John hätte man sich einen glamourösen Rückzug erwartet, als ihn die Covid-Pause traf. Er hätte einmal Zeit gehabt, seine üppige Sammlung von extravaganten Brillen nach Farben zu sortieren - aber gut, dafür war der Lockdown wahrscheinlich zu kurz. Und so machte Elton John, was viele andere auch machten: Er hing am Computerspiel. Ein tägliches Turnier des Onlinegames "Snakes and ladders" wurde eingeführt, bei dem immer seine Kinder gewannen. Vielleicht ist Elton John ein sehr schlechter Verlierer, aber vielleicht ist er auch ein sehr guter Prokrastinierer: Denn er hätte durchaus auch Musik zu all den Texten von Bernie Taupin, die bei ihm noch herumkugeln, komponieren können. Aber, das kennen ja auch viele: Da kam etwas dazwischen.

Elton John und Bardenkollege Charlie Puth. - © Universal
Elton John und Bardenkollege Charlie Puth. - © Universal

Miley Cyrus und Stevie Nicks

In Elton Johns Fall nicht die Wäsche, der Geschirrspüler, diese eine Pflanze, die genau jetzt umgetopft werden muss, sondern Dua Lipa. Die Popsängerin stellte sich zur Verfügung, in einem Mix des australischen Elektro-Dance-Duos PNAU aus zwei John-Songs einen Part zu übernehmen. Und dieses "Cold Heart" wurde der Opener eines ganzen Albums, in dem Elton John Kooperationen mit anderen, vor allem jüngeren Künstlern versammelt. "Cold Heart" kombiniert in einer Art Verjüngungskur die Hits "Sacrifice" und "Rocket Man" und ist im Ranking der unnötigen Coverversionen gerade noch so nach Stevie Winwoods "Higher Love" in der Variante von Whitney Houston zu reihen.

Es ist nicht das einzige Cover auf diesem Album, in rarer Zurückhaltung begleitet John etwa auch Miley Cyrus und Cellist Yo-Yo Ma nur am Piano bei einem druckvollen "Nothing else matters" von Metallica. Am gelungensten in der Kategorie ist die vom Pet-Shop-Boy-Bombast befreite Version von "It’s a sin", die durch die fragile Stimme von Olly Alexander von Years & Years gleichzeitig schwerelos und anrührend wirkt.

Was optische Exzentrik angeht, haben Elton John und die britisch-japanische Singer/Songwriterin Rina Samayama eine gewisse Gesprächsbasis. Aber sie zeigt auch, dass John mit seiner Auswahl an jungen Künstlern - er präsentiert solche in seiner Radiosendung für Apple Music - einen guten Riecher hat. Samayama wurde kürzlich vom "Time"-Magazin zu den "Future Leaders" gezählt.

Dass sie auf dem "Lockdown Sessions"-Album statt ihren sonst eher kantigen Tracks mit einer eingängigen, aber auch recht wurschten Duettballade namens "Chosen family" vertreten ist, ist freilich schade. Und widerspricht ihrem Credo, das sie in "Time" offenbart: "Ich habe so ein Glück, dass ich es als meinen Beruf bezeichnen kann, Lieder zu schreiben. Das werde ich nicht dafür verschwenden, etwas zu machen, das es schon da draußen gibt."

Weitere Teilnehmer bei Elton Johns "Lockdown Sessions" (Universal) sind der Rapper Lil Nas X (mit der schrubbeligen Ballade "One of me"), schmusiger ist der Beitrag von Fast-Falsett-Sänger Charlie Puth ("After All"). Retrosound inspiriert von den 60ern gibt es von der Band Surfaces ("Learn to fly"), Countryklänge von Brandi Carlile ("Simple Things").

Aber auch aus Elton Johns Altersgruppe hat er sich Gäste geladen: Stevie Wonder packt die Mundharmonika wieder mal aus für "Finish Line", der Song mit Stevie Nicks ("Stolen Car") klingt am elton-johnigsten. Aber das Beste kommt zum Schluss, es ist das Duett mit einem Toten: Glen Campbell.

Er war einer der größten Sänger der USA, und das Lied "I‘m not gonna miss you" schrieb er, als er bereits Alzheimer hatte. Es ist ein bewegendes Zeugnis davon, wie Schönheit aus einer Krankheit entstehen kann. Und das passt ja dann auch wieder gut zu den Lockdown Sessions.