Ein Baustein für die Erfolgsformel des Mannes ist auch der folgende: Ed Sheeran gibt dem Publikum das Gefühl, mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Das zeigt sich nicht nur bei Konzerten vor 80.000 Menschen, für die der heute 30-Jährige um nichts ambitionierter angezogen oder frisiert ist als wir an einem durchschnittlichen Homeofficetag ohne Teammeeting und Kamera. Es zeigt sich gerade auch mit einem neuen Song namens "First Times", in dem uns der Hitlieferant aus dem britischen Halifax, eingebettet in ein Liebesbekenntnis an seine Frau, ein wenig an seinem Alltag teilhaben lässt.

Wir lernen, dass Ed Sheeran - für uns einfach "der Ed" - nach der Arbeit im Wesentlichen auch nichts anderes macht als wir selbst, nur dass er mit ein paar frisch verdienten Millionen mehr auf dem Konto aus dem Wembley-Stadion ins Wirtshaus kommt und nicht wie wir geschlaucht aus dem Büro oder dem Arbeitszimmer.

Das gewisse Nichts

Das neue, soeben erschienene und mittlerweile vierte Soloalbum des Sängers, Songwriters und Produzenten trägt den schlichten Titel "=". Damit ist fürs Erste die Gefahr gebannt, die das im Showgeschäft tödliche "-" in Tradition der nach den Grundrechnungsarten benannten Vorgänger "+", "x" und "÷" bedeuten würde. Stichwort Erfolgsformel: "=" deutet nicht nur darauf hin, dass am Ende ein Ergebnis zu erwarten ist. Selbst wenn die Nachrichten nicht die besten sein sollten, herrscht dann wenigstens Klarheit. "=" bringt uns in Zeiten der bewussten Gleichstellung bei zunehmender Spaltung vor allem auch zur erwähnten Augenhöhe zurück. Ed Sheeran, der Mann mit dem gewissen Nichts, der draußen vor dem Wirtshaus der Typ sein könnte, der uns sehr höflich und jedenfalls ungefragt Feuer gibt, ist einer von uns. Zumindest gibt uns der Ed immer dieses Gefühl.

Nachwuchs bekommen hat der Songwriter seit seinem letzten Album übrigens auch. Das Jungvaterglück müssen jetzt allerdings wir ausbaden. Ed Sheeran steht noch immer draußen vor dem Wirtshaus und erzählt dort von seiner Tochter. Immerhin trägt Lyra Antarctica Seaborn Sheeran im Alter von nur einem Jahr bereits zum Haushaltseinkommen der Familie bei, indem sie sicherstellt, dass ihrem Dad, dem Ed, die Rührstücke und das Stadionpathos nicht ausgehen. Schon demnächst, also sehr bald im vielleicht nächsten Jahr, könnten bereits gebuchte Stadionkonzerte ja wieder möglich sein (1. und 2. September 2022, Ernst-Happel-Stadion, Wien!).

Im Hier und Heute

Entsprechend klingt dann auch gleich der Anfang: "I have grown up, I am a father now / Everything has changed, but I am still the same somehow." Nach "Tides", dem dazugehörigen und zumindest im Verhältnis relativ erträglichen Start in das Album, einem dieser voller Freude und Zuversicht aufmarschierenden Stücke im Zeichen der großen Gesten und des vielen Gefühls, wird irgendwann ja auch noch ein Song namens "Sandman" folgen, mit dem Ed Sheeran die Augenhöhe zum Nachwuchs in Form eines Wiegenliedes sucht.

Hallo, aufwachen, so geht das nicht! Nicht um diese Uhrzeit, die Arbeit ruft! Richtig munter will man im Rahmen der 14 mit neun Co-Produzenten und bis zu sechs Co-Autoren pro Song abgefertigten, aber jedenfalls sehr persönlichen Lieder diesmal aber auch dann nicht werden, wenn sich Ed Sheeran wie Brandon Flowers und seine Killers anhört, die gerade dabei sind, den Bruce Springsteen für sehr Arme zu geben ("Collide").

Aber auch mit dem sexuell aufgeladenen "Shivers" (Justin Timberlake in noch uninteressanter), der bereits bekannten Auftaktsingle "Bad Habits" mit dem Ed als Zombie im Fasching oder angefunkten Durchhaltesongs wie "Stop The Rain" kommt die Sache nicht so recht in die Gänge. Danach regieren sowieso wieder diese bei den Leuten da draußen anscheinend so beliebten "Ich werde dich immer lieben"-, "Ich werde dich niemals verlassen"- und "Ja, selbstverständlich putze ich morgen die Wohnung"-Botschaften, bevor sich Ed Sheeran mit "Visiting Hours" auch noch als Trauersänger nach dem Vorbild seines alten Mentors Elton John verdingt.

Am Ende gibt uns der Ed mit "Be Right Now" übrigens den Tipp mit auf den Weg, nur und ausschließlich im Hier und Heute zu leben (vgl. DJ Ötzi, "Der Moment"). Manchmal liegen Glück und Zufriedenheit aber auch darin, dem Hier und Heute ganz schnell zu entkommen.