Der Anfang sperrt sich auf seine Weise gegen den im Showgeschäft im Falle einer Ansage oder Machtdemonstration benötigten Tusch. Die bereits zur Ankündigung ihrer Rückkehr ins Geschäft Anfang September vorab ausgekoppelte Single "I Still Have Faith In You" eröffnet das neue Abba-Album "Voyage" als Klavierlied mit der hörbar reifer, dunkler und nachdenklicher gewordenen Stimme von Sängerin Anni-Frid Lyngstad zurückhaltend und getragen.

Bevor der mit seinen rund fünf Minuten längste der zehn neuen Songs mit etwas größerer Geste noch zu einer dieser vor allem aus dem Songcontest-Milieu bekannten selbstreferenziellen Durchhalte- und Bestärkungsballaden wird ("We do have it in us / New spirit has arrived / The joy and the sorrow / We have a story / And it survived"), muss für den Paukenschlag also zunächst der Umstand genügen, dass das Comeback des berühmtesten Akronyms der Popgeschichte nach sage und schreibe vierzig Jahren im Vorruhestand nun also tatsächlich noch über die Bühne geht. Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid sind wieder da. Und das allein ist zugegeben nicht weniger als sensationell.

Powerrentner mit KI

"Dancing Queen", "Take A Chance On Me", "Money, Money, Money", "Fernando", "Waterloo", "SOS" - das kleine musikalische Einmaleins aller TV-Nostalgieshows mit X-, Y- und Z-Promis als schnatternden Talking Heads, das ABC des später nicht nur für seine Jumpsuits und Bullerbü-Bärte belächelten Schwedenpop, der Erfolgsgarant dafür, dass auf Firmenfeiern gegen Mitternacht verlässlich nicht nur der Bär, sondern sogar die Geschäftsführung steppt: Endlich kann man das Original aus Zeiten des zu Ende gehenden Vietnamkrieges, der Watergate-Affäre und der Anti-Atomkraft-Demonstrationen in Zwentendorf in Echtzeit dabei erleben, wie es mit neuen Songs noch ein allerletztes Mal in den Ring steigt.

Abgesehen von der Tatsache, dass die neuen Lieder insofern nicht ganz neu sind, als sie, angepasst noch am ehesten an den Status quo der Bandmitglieder als späte Best Ager und Powerrentner, weitgehend wie die alten klingen - Nesthäkchen Agnetha Fältskog ist mittlerweile 71, Senior-Chef Björn Ulvaeus bereits 76 Jahre alt -, wird dabei aber auch gar nicht so richtig in den Ring gestiegen. Im Rahmen ihrer zunächst für den Zeitraum Mai bis Dezember 2022 in einer eigens dafür gebauten (!) Konzerthalle im Queen Elizabeth Olympic Park in London anberaumten Konzertreihe werden die Bandmitglieder bekanntlich als für immer junge "Abbatare" ihrer selbst umgehen. KI-basiert auf den neuesten Stand der Technik gebracht, handelt es sich also um die ersten Hologrammshows der Popgeschichte, deren menschliche Vorbilder noch am Leben sind und nur keine Lust mehr haben, wieder auf die Bühne zu gehen.

Abba auf dem Weg zum Hologramm. 
- © Baillie Walsh

Abba auf dem Weg zum Hologramm.

- © Baillie Walsh

Als Äquivalent der zumindest von einer Live-Band dann doch noch vom reinen Transhumanismusgedanken abgebrachten Events hat sich mit "Just A Notion" zumindest ein Song auf das Album geschlichen, bei dem es mit der Zeitmaschine ganz real ins Jahr 1978 zurückgeht. Die Originalstimmen des damals zwar eingespielten, dann aber doch nicht für das sechste Album "Voulez-Vous" von 1979 herangezogenen Stücks wurden dafür aus dem Archiv geholt und musikalisch auf eine Art neu umrahmt, die das Jahr 2021 am Ende trotzdem sehr konsequent ignoriert.

Feuchte-Augen-Ballade

Der zart in Richtung Boogie-Woogie gedeutete Song rockt und rollt wie das später noch nachgeschobene "No Doubt About It" als etwas flotterer Ausreißer der knapp 37 Spielminuten mit dem Saxofon um die Ecke und erinnert dabei an selige Zeiten, in denen die Bandmitglieder ihre Abende in der Rollschuhdisco verbrachten. Sie waren doch noch Kinder!

Als Anti-These ist mit "Bumble Bee" aber auch die Tante-Emma-Version eines Songs mit dabei, die es sich als vertontes Gartenidyll und entomologisches Liebeslied erlaubt, bei einer schönen Tasse Tee eher aus der expliziten Omaperspektive zu erzählen. Bevor man diese doch recht betuliche Stelle des Albums mitsamt seiner Überdosis Kitsch in Form eines Flötenarrangements überstanden hat, war man aber auch bereits mit einer auf dem "Little Drummer Boy" basierenden Weihnachtsmatinee (das mit Kinderchor gegebene "Little Things") sowie mit der als Pseudo-Volksweise angerichteten Keyboard-Folklore von "When You Danced With Me" konfrontiert. Dieser Nachbau aus vergangenen Wikinger-Tagen könnte so oder so ähnlich allerdings auch in einem irischen Hafenpub spielen, in dem sich stark betrunkene Leichtmatrosen gerade an bessere Zeiten erinnern.

"You say you’ve had it / And you say ,screw you!‘ / I say I love you / And I know it’s true": Ob sich die bandinternen Scheidungen, die ab Ende der 1970er Jahre das Ihre zur jetzt also temporär beendeten Veröffentlichungspause beigetragen haben, wiederum im Song "I Can Be That Woman" spiegeln, ist nicht bekannt. Einiges an dieser hübschen wie hübsch ehrlichen und dabei ganz schön sentimentalen Feuchte-Augen-Ballade über verschwendete Jahre und begangene Fehler spricht aber dafür.

Man ist gemeinsam durch dick und dünn gegangen, man hat gelacht und geweint, sich getrennt und wieder zusammengerauft. Jetzt sind Abba wieder da - und wir weinen mit.