Vielleicht hätte man Diana Ross ein bisschen besser beraten können beim Timing für die Veröffentlichung ihres neuen Albums. Denn ein Comeback-Album ausgerechnet einen Tag nach dem Comeback-Album von Abba herauszubringen, birgt schon ein bisschen die Gefahr des Ignoriert-Werdens. Zumal 40 Jahre Warten (Abba) 14 Jahre Warten (Diana Ross) im Spektakularitätsranking schon auch ziemlich schlägt.

Dabei ist Soulgigantin Diana Ross auch so ein Superstar wie die Schweden mit den (früher) lustigen Anzügen, mit dem Unterschied, dass sie sogar schon zwei Karrieren gemacht hat. Einmal lang vor Abba - als Aushängeschild der Motown-Ära in der Girlgroup The Supremes, die der Popgeschichte Songs eingesäuselt hat, die man schon mitsingen kann, wenn man nur den Titel liest: "This old heart of mine", "Can‘t hurry love" und "Stop! In the name of love". Im Falle von Letzterem kann man sogar die Gesten-Choreografie mit der ausgestreckten Hand ohne groß nachzudenken mitliefern.

Disco-Ikone

In den 70er und 80er Jahren wurde Diana Ross dann als Solokünstlerin zur Disco-Ikone - ihre Mischung aus Singen und Raunen in "Love Hangover" ist Legende. Nicht zu unterschätzen ist auch die zweieinhalbte Karriere, die Ross damals als Idol der Gay Community gemacht hat.

Vor allem die Zusammenarbeit mit Nile Rodgers und Bernard Edwards von Chic bleibt den Tanzflächen dieser Welt noch heute erhalten - "Upside Down" oder "My old piano" (aus dem Album "Diana" 1980) holen noch die müdeste Hochzeitsgesellschaft und die drögeste Betriebsweihnachtsfeiertruppe auf die wippenden Beine. Gut, natürlich sollte sie schon ein entsprechendes Alter haben, diese Gesellschaft. Und genau deshalb hätte das neue Album von Diana Ross so spannend sein können. Es hätte nämlich eine dritte Karriere einläuten können. Wie hätte die 77-jährige Diva - unterstützt von angesagten jungen Produzenten - im Jahr 2021 für ein junges Publikum klingen können? Die Frage wird auf "Thank you" (Universal) eher halbherzig beantwortet.

Am ehestens lässt sich bei den flotten Nummern erahnen, was möglich gewesen wäre. Vor allem deswegen, weil sie nicht alle so wenig unterscheidbar klingen wie die Midtempo-Sauce, die rundherum alles eingatscht. Das ist insofern leidig, weil Ross ihre prägnante Stimme auf dieser Sammlung an neuem Material zu einem großen Teil für Balladen mit Motivationsspruchlyrik einsetzt (sei dankbar für den Zauber der Gräser im Wind, weil alles ist gut, "All is Well").

Hüftenwiegen und Autotune

Weil die Platte von Jack Antonoff, einem der umtriebigsten (Hit-)
Produzenten dieser unserer Pop-Ära (er drückt die Knopferl für Taylor Swift, Lorde und Lana del Rey) mitgestaltet wurde, fehlt ihr eine gewisse Unberechenbarkeit, die ihr gutgetan hätte. So ist ihr zumindest anzurechnen, dass sie als Fanservice taugt. Denn mancher Song beginnt schon anheimelnd an frühere Zeiten gemahnend: Die Titelnummer "Thank you" zum Beispiel lädt zum Mitklatschen und Motownigen Hüftenwiegen. Andere Einstiege gleiten haarscharf am Plagiat vorbei: "Count on me" bringt dann doch nicht den erwarteten "Conga" à la Gloria Estefan und der federleichte Dancetitel "If the world just danced" nimmt doch beachtliche Anleihen an "Gerusalemme", dem Lied, das jede Feuerwehrstation von Scheibbs bis Nebraska als Choreografie heuer vertanzt hat.

Etwas unverschämt ist freilich, wenn man der Meinung ist, dass man eine Stimme wie die von Diana Ross mit Autotune verfremden muss - eine übliche Strategie, um dünne Stimmchen interessanter wirken zu lassen. Sie rächt sich in den Momenten, in denen es in schrille Höhen geht, mit denen das Computerprogramm nicht umgehen kann.

Ohne die Supremes und ohne Diana Ross wäre ein Superstar wie Beyoncé, die ja bekanntlich auch aus einer Girlgroup kommt, wohl niemals möglich gewesen. Vielleicht kann sie ja nächstes Mal ihre Dankbarkeit dafür damit ausdrücken, dass sie Ross eine angemessene Sound-Aktualisierung verpasst. Das Album kann ja dann "Thank you again" heißen.