Dass der Albumtitel glücklich gewählt ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Immerhin bedeutet "Imposter" Blender, Hochstapler und Betrüger, während das gleichnamige Machwerk laut Plattenfirma auf der Lebensgeschichte Dave Gahans beruht, die in diesem Fall nur von anderen erzählt wird.

Mit diesem Umstand kennt sich der demnächst 60-Jährige aus. Ein knappes Vierteljahrhundert lang hat der Mann gut davon gelebt, als Sänger und charismatischer Frontmann der britischen Band Depeche Mode ausschließlich die von Mastermind Martin Gore geschriebenen Songs vorzutragen. Über die Ursachen der im Vorfeld des Albums "Playing The Angel" von 2005 ausgesprochenen Drohung, die Band zu verlassen, wenn er für diese nicht als später Neo-Songwriter aktiv werden dürfe, konnte man schon damals nur rätseln. Mögliche Autoren-Tantiemen als Vorsorge für die neuen Realitäten einer im Umbruch befindlichen Musikindustrie konnten neben einem bekanntlich großen Ego als Argument aber zumindest nicht ganz ausgeschlossen werden.

Jam-Sessions am Meer

Nach dem auch als Druckmittel instrumentalisierten Solodebüt "Paper Monsters" aus dem Jahr 2003 und der danach also erfolgten Wandlung zum Depeche-Mode-Songwriter für je drei Songs pro Album allerdings ist von Dave Gahan nur mehr eine weitere dezidierte Soloarbeit erschienen. Nach "Hourglass" von 2007 und der darauf bereits nach oben zeigenden Formkurve ist der Wahl-New-Yorker und Multimillionär mit Wurzeln in der westenglischen Working Class neben seinem - bisher - strikt nach Businessplan alle vier Jahre im Studio und in den Fußballstadien dieser Welt ausgeübten "Day Job" bei seiner Stammband noch eine zweite Arbeitsbeziehung eingegangen.

Im Jahr 2012 hat sich der Sänger mit Rich Machin und dessen Produktionsprojekt Soulsavers zusammengetan und dort Mark Lanegan als Zentrum der bis dahin von diversen Gaststimmen getragenen Unternehmung abgelöst, die ursprünglich verschlurfte Downtempobeats mit Blues, Gospel und Soul vereinte. Parallel dazu gelangen auch für Depeche Mode nicht nur zunehmend hübsche, sondern auch zwingendere Songs wie "Should Be Higher" (2013) und "Cover Me" (2017).

Nach den im Joint Venture bereits etwas klassischer gedeuteten Soulsavers-Alben "The Light The Dead See" (2012) sowie "Angels & Ghosts" (2015) geht es mit den zwölf Coverversionen von "Imposter" nun noch etwas klassischer zu. Während sich Kollege Martin Gore zuletzt wieder dem gänzlich anderen Ende der musikalischen Fahnenstange widmete, nämlich der als Ich-Maschine aus alten Stecksynthesizern geschöpften Instrumentalelektronik seiner "The Third Chimpanzee"-EP, checkte Gahan mit zehn Musikern und noch mehr Gitarren in Rick Rubins Shangri-La-Studios in Malibu ein, um in gemeinsamen Jam-Sessions mit herrlichem Blick auf den Pazifik etwa altem Kuchlradiosoul neues Leben einzuhauchen.

Gemeinsam bewegt man sich, wie etwa gleich zum Auftakt mit James Carrs Deep-Soul-Manifest "The Dark End Of The Street" von 1967 oder zum Abschluss mit dem vor allem in der Version von Elvis, dem King höchstpersönlich bekannten "Always On My Mind" zwar auch aufgrund des hörbaren Respekts und der nötigen Ehrerbietung recht bis sehr nahe am Original - wobei bereits Gahans charakteristisches Timbre ausreicht, um den Ergebnissen einen eigenen Stempel aufzudrücken. Anderswo, wie vor allem in den um eine schmirgelnde Hammond-Orgel, innigen Background-Gospel und kunsthandwerklich angelegte Gitarrenarbeit erweiterten Versionen von "Metal Heart" (Cat Power) oder "The Desperate Kingdom Of Love" (PJ Harvey) fällt die Interpretation deutlich freier aus.

Delta, die Blues-Spielart

Zwischen Standards wie Charlie Chaplins "Smile" und Klassikern wie Neil Youngs aus naheliegenden Gründen bereits im Jahr 1972 umstrittenen "A Man Needs A Maid" ("Just someone to keep my house clean / Fix my meals and go away ...") als Geisterbeschwörung hört man aber auch das eine oder andere Dankeschön an kommerziell Unbedankte. Mark Lanegans "Strange Religion" biegt als Nachtfahrt mit Steelgitarren um die Ecke, "Shut Me Down" aus der Feder des 2009 verstorbenen ehemaligen Birthday-Party-Gitarristen Rowland S. Howard wiederum empfiehlt sowohl das Cover als rückwirkend auch das Original als Soundtrackangebot für David Lynch. Dazwischen erinnert "I Held My Baby Last Night" von Elmore James an selige Zeiten, als Delta noch keine Corona-Mutation, sondern eine urige Spielart des Blues aus dem US-Süden war.

Oft geht bei diesen in dunklen Nächten angesiedelten Songs das Licht aus, manchmal rettet fahler Laternenschein vor ewigem Dunkel. Mit Bob Dylans spätem Jahrhundertsong "Not Dark Yet" aus 1997 kündet nicht von ungefähr auch eines der stärksten Stücke auf "Imposter" von diesem ewigen Zwiespalt, der Dave Gahans Biografie und Arbeit seit jeher prägt: "Feel like my soul has turned into steel / I’ve still got the scars that the sun didn’t heal."