Schlager und Textzeilen wie "Das Leben ist ein Heimatfilm / ein Landschaftsbild auf Heroin" - geht das zusammen? Eben. Der Twist ist offensichtlich, vielleicht nicht einmal übermäßig raffiniert, und ähnelt ein bisschen der Art, wie Hank Williams und Johnny Cash Country revolutioniert haben, indem sie eine grundkonservative, ja reaktionäre Musik mit Subversion infiltriert haben. Aber er funktioniert kaum wo so schön wie bei Fuzzman. Zumal sich im deutschen Sprachraum aus nicht ganz unbegreiflichen Gründen sowieso kaum ein Musiker, der auf sich hält, in die Nähe solcher Musik traut, und die paar Male, wo es vorher versucht wurde - etwa von Blumfeld -, auch ziemlich daneben gegangen sind.

Radikaler Stilwechsel

Obendrein muss bei Fuzzman eingerechnet werden, welchen langen Weg sein Impersonator Herwig Zamernik als Bassist der Kärntner Band Naked Lunch gegangen ist. Chronologisch hat es damit angefangen, dass Zamernik ein Studio aufmachte, das er Fuzzroom nennt und in dem er neben seinen eigenen Projekten und denen seiner Band inzwischen schon Prominenz wie Kreisky, Pauls Jets oder Pippa Galli zu Gast gehabt hat.

Weil ein Fuzzroom einen dazugehörigen -man braucht, startete er 2005 sein musikalisches Soloprojekt. Dieses fuhr zunächst, etwas poppiger hier und da, noch ziemlich in den Fahrwassern seiner Band, doch 2012 vollzog es, erstmals halb auf Deutsch, einen ziemlich radikalen Stilwechsel Richtung, eben, Schlager. Die Alben "Fuzzman feat. The Singin’ Rebels" und "Hände weg von allem" unterstrichen nachdrücklich, dass Zamernik es damit ernst meint: Schlager passiert Fuzzman nicht - er ist ein unabdingbarer Bestandteil seiner Kunst.

Zugleich auch recht erfolgreich, ermöglichten diese Alben die sukzessive Erweiterung des Fuzz-Imperiums: Heute betreibt Zamernik gemeinsam mit Wanda-Entdecker Stefan Redelsteiner das Lotterlabel, das etwa Voodoo Jürgens, Ansa Sauermann, Pauls Jets oder das wunderbare Rap-Duo Klitclique beherbergt. Etlichen Lotter-Acts hat der Fuzzman so wie seinen Band-Kollegen von Naked Lunch obendrein als Produzent unter die Arme gegriffen. Am Klippitztörl bei Wolfsberg veranstaltet er, so es die Pandemie zulässt, jährlich das Fuzzstock-Festival. Ob der Fuzzman noch seinen repräsentativen Verpflichtungen für seine Gemeinde Fuzzhausen nachkommt, kann allerdings derzeit nicht verbindlich geklärt werden.

Sicher ist, dass nun der sechste Fuzzman-Longplayer "Endlich Vernunft" vorliegt und ziemlich weltmeisterlich ausgefallen ist. Zu bemängeln ist allenfalls die mit 27 Minuten etwas gar knausrig bemessene Spielzeit. Alle weitere Kritik ist Makulatur oder bestenfalls subjektive Haarspalterei.

Prominente Trompete

Man mag Slogansongs wie "Haltet Abstand" (lange vor der Pandemie veröffentlicht) oder "Ich tachinier" vermissen, die Fuzzman dazumal dem neoliberalen Zeitgeist entgegenbrüllte. Aber immer Agitation spielt es auch nicht; in "Endlich Vernunft" arbeitet sich Zamernik mit seiner begnadet-sonoren Stimme primär an existenzialistischen Fragen ab: "Wieder fehlt es mir an Glauben an den Glauben / ja Gründe für den Zweifel gibt’s genug", heißt es da, oder: "Jeder Schluck ein kleiner Urlaub von uns selbst". Regelrecht neckisch kommt so was im - besonders schlagerhaft gestalteten - "Weil ein Schlager vergeht": "Und weil ein Schlager vergeht / werden auch wir nicht ewig sein" ("wir" sind demzufolge ein Schlager!).

Ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des Fuzzman ist, dass er Stile aufgreift, die auf Deutsch eigentlich nicht gehen. Er hat (speziell 2016), recht geschickt Disco adaptiert und seit jeher eine Affinität zu Soul spüren lassen. "Endlich Vernunft" vertieft diese gemeinsam mit seinen Singin’ Rebels nicht nur, weil die prominente Trompete bei "Und ich träume vom Meer" und "Ein Heimatfilm" formal einen Konnex herstellt.

Es sind insbesondere die zwei gefühligen Dialektsongs, die an neuralgischer Stelle (nämlich am Anfang und am Ende) platziert sind: Wenn Zamernik in seinem clever-geschliffenen Hochdeutsch bisweilen eine ironische Distanz zur eigenen Aussage erkennen lässt, so will er hier glasklar und unmissverständlich Tiefe vermitteln. Beistand, Trost. Zuversicht.