Die besten Gedanken kommen einem bekanntlich nicht im Büro. Sie stellen sich mitunter ganz beiläufig ein, wenn man gerade den Keller entrümpelt, die Fliesen im Bad neu verfugt oder bei einem ausgedehnten Spaziergang draußen im Wald eigentlich nur den Plan hat, endlich einmal nichts zu tun.

Auch den Workaholic Damon Albarn hat es zuletzt verstärkt in die Natur gezogen. Einerseits besitzt der britische Tausendsassa das Popstarprivileg, an Zweitwohnsitzen auf Island oder im südwestenglischen Devon verlassene Strände entlang lustwandeln zu können, ohne auch nur auf eine Menschenseele zu treffen. Dafür lassen sich dort putzige Vögel in ihrem natürlichen Habitat inspizieren, sofern man diese oder ihre aus dem Meer angeschwemmte Ernährungsgrundlage nicht aus dem zerfetzten Müll retten muss. Dunkel erinnert man sich in diesem Zusammenhang noch an das 2010 veröffentlichte Album "Plastic Beach" von Damon Albarns Gorillaz, das bereits auf einem ähnlichen Umstand basierte.

Innere Einkehr

Andererseits war aber auch die rein gedankliche und literarische Beschäftigung mit Flora und Fauna eine Inspirationsgrundlage für das nun vorliegende zweite Soloalbum des heute 53-jährigen Musikers mit dem ebenso naturalistischen wie sperrigen Titel "The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows" (Transgressive). Konkret nennt Albarn die Lektüre des über lange Zeit vergessenen Autors John Clare (1793-1864) im Allgemeinen und dessen Gedicht "Love And Memory" im Speziellen als Einfluss. Der britische Naturdichter gilt auch als proletarischer Poet des Lebens auf dem Lande. Seine letzten drei Jahrzehnte musste der gebeutelte Sohn eines Tagelöhners allerdings in einer Irrenanstalt verbringen, da er sich abwechselnd entweder für Shakespeare oder Lord Byron hielt.

Für ein Mission Statement zum Album wird Damon Albarn, der hoffentlich nicht glaubt, John Clare zu sein, übrigens so zitiert: "I have been on my own dark journey while making this record and it led me to believe that a pure source might still exist." Eine persönliche Phase der Krise und inneren Einkehr trifft also auch in den elf neuen Stücken vor dem übergeordneten Ganzen des Klimawandels auf Motive des heute auch in der Autorenszene wieder voll im Trend liegenden Nature Writing.

Kormorane und Schreitvögel fliegen herbei. Wellen schwappen bedrohlich ans Ufer. Dazu zieht sich der aus diversen Quellen auch im Klang evozierte (Bewusstseins-)Strom teils erheblich. Immer wieder schälen sich die Stücke aus der akustischen Ursuppe, verharren darin - oder sie tauchen in einer Art Klangnebel wieder ab. Mit den Textzeilen "The current is too strong / I now drift day dreamin‘" beschreibt Damon Albarn das Album unbeabsichtigterweise also recht treffend. Immerhin aber sorgt zumindest bei "Daft Wader" nach durchwegs verhaltenen Pianoklängen gegen Ende ein zur Jagd blasendes Horn dafür, dass man den wohligen Dämmerzustand doch noch einmal verlässt.

Gediegene Langeweile

Nach seinem bereits nach Erschöpfungsdepression klingenden offiziellen Solodebüt "Everyday Robots" von 2014 ist Damon Albarn künstlerisch noch einen Schritt weiter gegangen. Außer dem Driften und Gleiten ist auch ein gewisser Hang zur Disruption festzustellen. Nachdem aus dem eigentlichen Plan, ein episches Orchesterstück aufzunehmen, aus Gründen der Corona-Lockdowns nichts wurde, stellen Streicher und Bläser auf dem tatsächlichen Endergebnis aber nicht nur den aus Überresten hervorgegangenen Zierrat. Mitunter spielen sie auch die erste Geige und sorgen mit teils ätherisch, teils esoterisch gefärbten Interludes für gediegene Langeweile auf hohem Niveau.

Dazwischen garantieren sanft tuckernde Beats aus historischen Drumcomputern etwas mehr Halt und Struktur. Auch einfallende Free- oder Hotelbar-Jazz-Intermezzi sind möglich. Explizit und zum melancholischen Tänzeln geeignet wie in "Royal Morning Blue", dem einnehmenden "Hit" des Albums, wird es aber nur selten. Der knappe Dreiminüter kombiniert einen Beat der Marke Gorillaz mit dem Sound des späten David Bowie. Zu dünnen Keyboards und dunklen Bläserspitzen grüßt der "Blackstar" hier als schwarzer Vogel noch einmal vom Himmel.