Eigentlich kennengelernt hat man Robert Plant als flamboyante Bluesrockdiva aus den goldenen Zeiten des britischen Ausschweifungsrock und Frontmann des Heavy-Mutterschiffes Led Zeppelin, für das der heute 73-Jährige bevorzugt barbrüstig, in zu engen Hosen und mit wallender Mähne in die Arbeit ging, um sexuelle Urschreie auf ganze Fußballstadien loszulassen: "I’m gonna give you my love. Aaah! Oooh! Uuuh-yeeaaah!!"

Die US-Sängerin und Geigerin Alison Krauss wiederum mag in unseren Breitengraden nicht nur vergleichsweise unbekannt sein. Daheim auf der anderen Seite des großen Teichs ist die 50-Jährige allerdings auch über ihr Kerngebiet des Bluegrass-Genres hinaus ein klingender Name. Immerhin kann die Spezialistin für gediegen-rurale Klänge mit erhöhtem Traditionsbewusstsein auf sage und schreibe 27 eingeheimste Grammy-Awards verweisen und liegt damit nur knapp nicht in den Top 3 der diesbezüglich verbrieften Rekordhalterinnen.

Neues Leben

Gleich fünf Grammys gehen übrigens auf eine einzige Arbeit zurück. Gemeinsam mit Robert Plant nahm Alison Krauss im Jahr 2007 das Album "Raising Sand" auf. Die in Nashville mit dem verdienten Produzenten T Bone Burnett und einer Handvoll Vollblutmusikern eingespielte Arbeit erweckte alte Geister zu neuem Leben.

Die atmosphärischen Neuinterpretationen meist eher wenig bekannter Songs aus den Bereichen Blues, Soul, Country und Folk waren dabei nicht nur künstlerisch ein voller Erfolg. Gerade auch kommerziell bedeutete das Album für das Alterswerk Robert Plants einen - natürlich nicht mehr benötigten - Ausreißer nach oben. Im Jahr der sehr zum Ärger seines Kollegen Jimmy Page bisher letzten Led-Zeppelin-Reunion mit einem Konzert in der O2-Arena in London sowie nach dem entschiedenen Nein des Sängers zu einem 200-Millionen-Dollar-Angebot für eine ganze Tournee der alten Dinosaurier veröffentlicht, behauptet Alison Krauss rückwirkend über den ersten Teil ihres Joint Ventures: "Gegensätze ziehen sich an. Mit viel Glück kann daraus Magie entstehen."

Glück hatte man Aussagen Plants zufolge bald im Anschluss aber schon nicht mehr. Neben seiner vor allem der Spielfreude geschuldeten Arbeit mit wechselnden Begleitern (Strange Sensation, Band Of Joy, Sensational Space Shifters ...) sah sich der Mann im bereits fortgeschrittenen Rockstaralter noch einmal mit dem Phänomen des schwierigen zweiten Albums konfrontiert. Aufnahmen für einen möglichen Nachfolger scheiterten im Jahr 2009 vermutlich an mangelnder Magie und überzeugten das Duo jedenfalls von der Notwendigkeit, doch noch etwas Wasser den Mississippi hinunterfließen zu lassen. Erst jetzt, 14 Jahre nach dem Erstling, liegt mit "Raise The Roof" das Folgewerk vor. Wie bereits der am Debüt orientierte Titel nahelegt, wurde auch an der künstlerischen Grundausrichtung wenig geändert.

Hörbare Neugierde

Abermals im Sound Emporium Studio in Nashville mit T Bone Burnett und der ursprünglichen Rhythmusgruppe aus Jay Bellerose am Schlagzeug und Dennis Crouch am (Kontra-)Bass sowie dem damaligen Gitarristen Marc Ribot und Neuzugängen wie Bill Frisell, David Hidalgo (Los Lobos), Buddy Miller von der Band Of Joy und dem wunderbaren Russ Pahl an der Pedal-Steel aufgenommen, hört man einmal mehr edel-atmosphärische Neuinterpretationen aus dem gut abgehangenen Reich der Roots-Musik.

Nach "Quattro (World Drifts In)" von Calexico als jüngerem Ausreißer geht es mit dem als Folk-Litanei und Mörderballade angelegten Traditional "You Led Me To The Wrong" und einer schnörkellosen Interpretation von "Last Kind Words" aus der Feder der umrätselten Südstaaten-Bluesmusikerin Geeshie Wiley aus dem Jahr 1930 historisch weit zurück. Bevorzugtes Interesse dürfte mit einem abgebremsten Cover der Everly Brothers ("The Price Of Love"), einer hübsch mäandernden Version des Jukebox-Klassikers "Searchin’ For My Love" von Bobby Moore & The Rhythm Aces oder Material von Anne Briggs ("Go Your Way") und Bert Jansch ("It Don’t Bother Me") als Vertreter des britischen Folk-Revivals diesmal vor allem aber an den 1960er Jahren bestanden haben. Mit wechselnden Lead-Vocals und abfederndem Backgroundgesang setzen Plant und Krauss zu glühenden Vibrato-, sanften Zupf-, aufheulenden Steel- und geerdeten Twang-Gitarren, Beserlschlagzeug und teils auch den Nachwehen von Plants Ausflügen in Richtung der sogenannten "Weltmusik" zu alledem auf eindringliches Understatement.

Nichts muss, alles kann: Bevor mit Merle Haggards zum Heulen schönem L’amour-Hatscher "Going Where The Lonely Go" und einer zum Kopfnicken ladenden Version von Pops Staples’ "Somebody Was Watching Over Me" die Sperrstunde naht, rechtfertigt allein schon der einzige Originalsong des Albums dessen Kauf: Das fiebrige "High And Lonesome" fügt der Spielfreude noch die hörbare Neugierde hinzu, bewährten Bluesmustern frische Texturen abzuringen: "I shall not rest upon the highway / I will not tire nor despair."