Manche Künstler sorgen allein mit ihrer Arbeit für Katharsis. Andere wiederum nutzen zusätzlich jede Interviewmöglichkeit für eine öffentliche Therapiesitzung aus. Sie leiden an der Welt, den Umständen und sich selbst - und wir leiden mit: In welche Kategorie sich Adele, die britische Fachkraft für pathosgetränkte Balladen mit der vor Gefühl bebenden Stimme einreiht, sollte spätestens jetzt klar sein.

Nach Coverstorys in diversen Magazinen zwischen "Vogue" und "Rolling Stone" sowie einem Beichtgang vor Publikum bei Oprah Winfrey leiden wir definitiv nicht nur, wenn uns die aus Schmerz geborenen Lieder der 33-jährigen Sängerin ohne Vorwarnung im Autoradio überfallen. Ich bin ein Zustand, ich reiße mich zusammen, ich bin mein eigener größter Feind, ich hasse es, ich zu sein. Ich! Hasse! Es! So liest sich ein aktueller Songtext unserer (Anti-)Heldin. Nein, wir leiden derzeit auch, wenn Adele aus einem Magazin oder dem Fernseher herausschaut oder im Autoradio statt eines Songs gerade ein O-Ton läuft.

Akutversorgung

Mein Gott, was hat diese Frau gelitten! Der Mann, die Trennung, das Kind! Bereits im Vorfeld ihres ersten Studiowerks nach sechs Jahren Pause hat Adele das nun also vorliegende "30" als ihr Scheidungsalbum bezeichnet. Definitiv ist die Frau vor, während und nach dem Ehe-Aus einmal durch die Hölle und retour gegangen. Wir finden das gut. Immerhin hat man als Hörer im einschlägigen Fach der Reinigungsballade nicht immer Lust auf das ewige Secondhand- und Recycling-Leid. Mit so einem ans Eingemachte gehenden, also auf dem Bezirksgericht durchgeführten und amtlich bescheinigten Breakup kennen sich laut Scheidungsstatistik knapp 40 Prozent aller Herren und Ex-Frauen Österreicher aus, die sich mit Adele jetzt quasi auf Augenhöhe befinden.

Nicht von ungefähr lautet die erste Zeile des Albums "I’ll be taking flowers to the cemetery of my heart". Dort drinnen im Herzen ist nur nichts mehr - außer Leere, emotionale Vergletscherung und ein Stent aus der Zeit der Akutversorgung. Ein anderer neuer Song, der sich wie bereits die hübsche, rein von Klavier, Stimme und Bass getragene Vorabsingle "Easy On Me" ungefähr im Bereich einer traurigen Elton-John-Ballade herumtummelt, trägt den Titel "I Drink Wine". Auch darüber hat die Statistik in Bezug auf Herren und Ex-Frau Österreicher so einiges zu sagen. Bevor man sich auf die Couch legt, also nicht zu Hause im Wohnzimmer, sondern auf Rechnung in einer psychotherapeutischen Praxis, kann man es in unserem herrlichen Weinland immer noch mit dem Schmerzmittel Nummer eins probieren. Das ist fürs Erste wesentlich günstiger und macht nach dem heillos überteuerten Scheidungsanwalt auch den einen oder anderen Winzer zum persönlichen Krisengewinner. Nur Autofahren sollte man danach nicht.

Krisenbewältigung

Ach ja, Adele. Ein Höhepunkt der Schmerzen ist auf dem Album bereits bei Song Nummer drei erreicht. Für "My Little Love" hat die Musikerin sich selbst und ihren Sohn nicht nur bei der gemeinsamen Krisenbewältigung aufgenommen. Bevor sich der Nachwuchs deshalb sehr wahrscheinlich irgendwann selbst öffentlich auf die Couch legen muss, darf man der kommerziell erfolgreichsten Musikerin ihres Jahrgangs und Schöpferin von Welthits wie "Rolling In The Deep", "Hello", "Someone Like You" oder dem James-Bond-Titelsong "Skyfall" hier auch dabei zuhören, wie sie nach einem Sprechteil mit zunehmend zittriger Stimme schließlich ins Mikrofon schnieft. Wie gesagt, es ist die Hölle.

"30"-Albumcover 
- © Sony Music

"30"-Albumcover

- © Sony Music

Wie Scheidungserprobte und anderweitig Leidende auf der Suche nach musikalischem Trost hierzulande aber bereits seit dem Jahr 1967 wissen, als ein gewisser Dr. Jürgens die Nerven mit der Erkenntnis "Immer, immer wieder geht die Sonne auf / Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht" kalmierte, stirbt aber auch bei Adele die Hoffnung zuletzt. Sollte es einen Song geben, der die Bezeichnung Durchhalteballade tatsächlich verdient, handelt es sich um "Hold On". Gegen Ende des auch mit Judy-Garland-Reminiszenzen und Streichern aus Good Old Hollywood ("Strangers By Nature") sowie einem Reggae-infizierten Amy-Winehouse-Wiedergang namens "Cry You Heart Out" recht abwechslungsreichen Albums hört man die Sängerin hier mit einem Erbauungschor, der aus ihren engsten Freunden besteht.

Operationserfolg

"I know that it’s wrong / But I want to have fun": Nach der trennungsbedingten Schockstarre besteht außerdem immer noch die Möglichkeit, sich mit schnellem, absolut bedeutungslosem, aber schon auch ziemlich geilem Verdrängungssex abzulenken. Adele setzt diesbezüglich mit dem auf einem alten Ballroom-Sample und einem Trap-Beat gebauten "All Night Parking" auf eine bemühte Metapher, pfeift sich durch das von der schwedischen Hitbombe Max Martin flach produzierte "Can I Get It" und lockt bei "Oh My God" mit einem äußerst wirkungsmächtigen Soulpoprefrain auf den Dancefloor. Von dort weg geht es nach einem letzten Gin Tonic schließlich mit Hauptsache nicht allein als Begleiter ins Taxi.

Quer durch das Album ist Adele vor allem mit sich selbst hart ins Gericht gegangen, mit "Woman Like Me" ist dann aber doch noch eine Art Diss- oder Revengesong für den Ex-Mann dabei, bei dem man allerdings sehr genau hinhören muss. Eher als zarter Schlafzimmersoul angerichtet, stellt sich im Ton so gar kein Gefühl von Rosenkrieg ein, bevor Adele zum Grande Finale ansetzt und spätestens mit dem letztlich zersungenen "To Be Loved" und "Love Is A Game" und seiner Wall-of-Sound-Patina das zuvor zeitweilig gepflegte Understatement wieder gegen das ganz große Pathos austauscht.

Geht doch! Operation gelungen, Taschentuchvorrat leer.