Horst Chmela ist am Montag im Alter von 82 Jahren gestorben. Berühmt geworden ist der Sänger, der vom Rock zum Wienerlied gefunden hatte, mit seinem 1971 komponierten Lied "Ana hat immer das Bummerl".

Horst Chmela, geboren am 29. Oktober 1939 in Wien-Ottakring, war das sechste Kind der Familie und wuchs in den höchst beengten Verhältnissen einer 24-Quadratmeter-Wohnung auf. Er selbst bezeichnete sich als einen "echten Wiener Gassenbuben", der in den Nachkriegsjahren in den Trümmern nach verwertbaren Metallteilen suchte, um das Einkommen der Familie aufzubessern.

In der Schule fiel er im Chor mit seinen Gesangskünsten auf, aber vorerst war von künstlerischer Karriere keine Rede: Chmela erlernte das Handwerk seines Vaters, eines Schusters. Nach der Meisterprüfung 1962 war er einer der jüngsten Schuhmacher in Wien.

1957 hatte ihm sein Bruder eine Gitarre geschenkt. Das war gleichsam die musikalische Initialzündung: Chmela spielte Lieder von Fats Domino und Elvis Presley nach. Mehrere Band-Gründungen folgten, und 1962 bekommt "The Sunset Four", bestehend aus einem Schuster, einem Lehrling, einem Studenten und einem Bankkaufmann, das Angebot für einen Profi-Auftritt. Alle vier Mitglieder entscheiden sich für die Musikkarriere. Chmela textete und komponierte für "The Sunset Four".

1966 landete die Gruppe mit "Symphony d’amore" auf dem dritten Platz der österreichischen Hitparade (hinter den Beatles und Pierre Brice). 1965 landete "Mädchen, die weinen" hinter den Beatles auf dem zweiten Platz der Hitparade. Im gleichen Jahr heiratete Chmela.

1969 sprengte der Wehrdienst die Gruppe: Chmela hatte ihn schon absolviert, aber die anderen Gruppenmitglieder nicht; sie wurden eingezogen, und "The Sunset Four" löste sich auf.

Der Erfolg mit dem "Bummerl"

Seinen ersten großen und bleibenden Erfolg hatte Chmela 1971 mit "Ana hot imma des Bummerl". Genau genommen wollte sich der Rocker nur seinen Frust von der Seele singen und goss seine Gefühle in die Form eines Wienerlieds. Doch genau damit schuf er einen der wenigen modernen Wienerlied-Klassiker: Es existieren 240 Coverversionen der Nummer, 2,4 Millionen Verkaufseinheiten gingen über den Ladentisch.

Wie viele große Künstler des Genres, so hat auch Chmela wenige ganz große Lieder, aber die werden zu echten Klassikern: "Der depperte Bua" von 1980 bringt es auf 120 Coverversionen. In "Her mit meinen Hennen der Gockola ist da" verlässt Chmela den Wiener Dialekt zugunsten eines bizarr künstlichen ländlichen Idioms.

Chmelas Auftritte reichten von der Wernesgrüner Musikantenschenke bis zum Donauinselfest und schlossen Schlager und Volksmusik-Sendungen des deutschsprachigen Fernsehens mit ein. Zudem spielte er in Ernst Hinterbergers Serie "Kaisermühlen-Blues" den Möbelwagenlenker.

1983 verleiht der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk Chmela das Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien.

Zuletzt trat Chmela gemeinsam mit seinem Sohn auf. Erst im September heurigen Jahres kündigte er dann auf seiner Facebook-Seite an, sich nach mehr als 60 Jahren von der Bühne zurückzuziehen.

Die Stimme aus Ottakring

Ist es relevant, Horst Chmelas Geburtsort genau zu nennen? – Dass nicht Wien allein genügt, sondern dass es Wien-Ottakring heißen muss?

Immerhin: Josef Weinheber, der Autor von "Wien wörtlich" war Ottakringer, H. C. Artmanns "med ana schwoazze dintn" sind nach Definition des Autores Gedichte aus Breitensee, zwar einem Bezirksteil Penzings, aber der südliche Nachbar von Ottakring, Karl Hodina, ein Freund und Weggefährte Chmelas, war gebürtiger Ottakringer, und ein solcher war auch Arik Brauer. An der Peripherie: Ernst Kein fand auf dem Ottakringer Friedhof seine letzte Ruhestätte, und Ernst Hinterberger besuchte die Volkshochschule in Ottakring.

Sieht man vom traditionelleren Weinheber ab, der freilich den Wiener Dialekt literaturfähig machte, sind damit die Autoren eines neuen Umgangs mit dem Wiener Dialekt genannt. Der Ottakringer Tonfall, breit, herb, ein älteres, bodenständigeres Wienerisch als die Spielarten in anderen Bezirken, durchzieht Chmelas Lieder nicht nur in der Sprachgestaltung, sondern auch in der Haltung: Weniger wird geraunzt als gehadert, weniger Sentimentalität als Bitterkeit durchzieht seine Lieder.

"Ana hot imma des Bummerl" ist ein Meisterwerk des neuen Wienerlieds, aber vielleicht ist "I derf an Wien ned denken" mit seinem wunderbar zwischen Nostalgie und Herbheit schwankenden Refrain seine größte Nummer. Chmelas Lieder funktionieren in schlagerhaften Arrangements, in rockigeren mit E-Gitarren und prominentem Schlagzeug – und zur akustischen Gitarre, vielleicht noch ergänzt mit Harmonika und Klarinette. Das macht den Wert dieser Nummern aus: Chmela war einer der Großen Meister des Wiener Lieds. Wie sehr wird er fehlen.