Bei Song Nummer eins liegt Sting gerade beim Analytiker auf der Couch, bei Song Nummer zwei telefoniert er mit seinem Hausarzt. Dass es sich dabei um rezente autobiografische Notizen von Gordon Matthew Thomas Sumner handeln könnte oder man sich gar Sorgen um den Mann machen muss, ist allerdings zu bezweifeln.

Einerseits ist der frisch gebackene 70-jährige Songwriter, Bassist und Sänger dank eifriger morgendlicher Schwimm- und Yoga-Einheiten nach wie vor fit wie ein Turnschuh. "Mens sana in corpore sano", wie der alte Lateiner in Sting als Nebenerwerbswinzer mit eigenem Weingut in der Toskana zu sagen pflegt, "ein gesunder Geist in einem gesunden Körper".

Andererseits besingt der ehemalige Vorstand der New-Wave-Klassiker The Police im Eröffnungsstück seines neuen und mittlerweile 15. Studioalbums als Solist recht eindeutig kollektive Ängste und Unsicherheiten und wendet sich im beschwingt-heiteren "If It’s Love" im Anschluss aus erfreulichen Gründen an den Herrn Doktor. Zumindest das lyrische Ich - Sting selbst ist seit 1992 mit seiner Ehefrau und Winzerkollegin Trudie verheiratet - erlebt hier einen weiteren Frühling und entdeckt den Johannistrieb. Süßer Vogel der späten Jahre!

Brücke in die Vergangenheit

Warum sein neues Album den Titel "The Bridge" trägt, erklärt der Musiker übrigens so: "Diese Songs bewegen sich zwischen Orten und Gefühlszuständen, zwischen Leben und Tod, Beziehungen, Pandemien und Epochen - politisch, sozial und psychologisch stecken wir in der Mitte von etwas fest. Wir brauchen eine Brücke."

Als karitativ bereits bewährter Pontifex unter den Rock-Altspatzen tritt Sting mit den zehn neuen Songs aber zunächst einmal an, eine Verbindung zu seiner eigenen musikalischen Vergangenheit herzustellen. Nicht nur klingt gleich der Song "Rushing Water" inklusive des unter besonderer Betonung der Becken gespielten Schlagzeugs im Stile seines ehemaligen Kollegen Stewart Copeland explizit wie lange nicht nach seiner alten Band, die sich zuletzt 2007 für eine lukrative Nostalgietour zusammenschloss. Auch kehrt Sting in Manier seines zumindest teils überraschenden Albums "57th & 9th" von 2016 zu den Vorgaben des Rocksongs zurück, von denen er sich spätestens nach dem Album "Sacred Love" von 2003 eigentlich verabschiedet hatte.

Nach der Interpretation elisabethanischer Lautenfolklore aus der Feder John Dowlands ("Songs From The Labyrinth", 2006) und antiker Weihnachts- und Winterlieder ("If On A Winter’s Night ...", 2009), der orchestralen Neusichtung seines Gesamtwerkes ("Symphonicities", 2010) sowie dem Seebären-Album "The Last Ship" (2013) über den Niedergang der Schiffbauindustrie in seiner alten Heimat im Nordosten Englands, das mit einem gleichnamigen Musical auch am Broadway floppte, schien dieser Geisteswandel zunächst temporär. Immerhin folgte auch auf gemeinsam bestrittenen Tourneen mit Paul Simon oder Peter Gabriel im Jahr 2018 zunächst die Shaggy-Kollaboration "44/876" mit verhaltensauffälligem Reggae-Pop. Seit 1992 entstandene "Duets" wiederum versammelte erst heuer im Frühling eine gleichnamige Werkschau. Unter Pop-Arrivierten reicht mitunter auch Archivmaterial aus, um den einen oder anderen für die Traubenlese benötigten Erntetraktor zu finanzieren.

Eine Fingerübung

"The Bridge" hält die Rückkehr zum Song in eher nicht überambitionierter Weise nun zwar über die volle Distanz der insgesamt 36 Spielminuten durch. Nach dem recht flotten Einstieg wird es im weiteren Verlauf dieser Fingerübung in alten Tugenden aber bald nachdenklicher, ruhiger und getragener zugehen.

Elektronisch grundierte Meditationen wie "Loving You" stehen neben rural gefärbter Folklore ("The Hills On The Border"), zarten Zupfgitarren und in Richtung Sperrstunde gewischtem Beserlschlagzeug, zu dem bereits etwas Katerstimmung aufzieht ("The Bells Of St. Thomas"). Bei "Harmony Road", das inhaltlich - und nur inhaltlich - die von Bruce Springsteen bekannte Flucht aus der sozialen Realität mit dem alten Benziner antritt, darf schließlich auch ein Bläsersolo die von Sting so geschätzte Atmosphäre von gediegenem Rotweinjazz verbreiten.

Dieser Steg wird kein leichter sein: Nach diversen aus der Bibel geschöpften Bildern und dem womöglich aus seiner Arbeit an "The Last Ship" übrig gebliebenen "Captain Bateman" als eine Art Fluch des Meeres aus dem 18. Jahrhundert wird "The Bridge" schließlich mit dem Titelstück zu Ende konstruiert: Hier darf man zum Thema der bitter benötigten Lösungsorientiertheit in Krisenzeiten nicht zuletzt an jüngste gesellschaftliche Dynamiken denken, Stichwort Impfgegnerszene: "They say there’s a bridge up there / Up there in the mist / Some will deny it’s there / Others will tell you it don’t even exist."