So undankbar ist der wählerische Pop-Konsument: Anfang der Nullerjahre durfte er über Elbow für ihre Kunstfertigkeit und Hymnen wie "Grace Under Pressure" sehr glücklich sein. Irgendwann - seit "Leaders Of The Free World" (2005) und dem eigentlich besseren "The Seldom Seen Kid" (2008) - wollte ihn dünken, dass die Band mit ihrem zum Platzen verdichteten Bombast, ihrer unangreifbaren universellen Kompetenz und diesem schwelgerischen Driften zwischen Stadionrock-Pathos und differenzierten Strukturen weltumarmend und anstrengend zugleich - und manchmal gepflegt langweilig - sein konnte.

Zurückgenommen

Jetzt aber: Auf ihrem neuen Album "Flying Dream 1" sind Elbow ziemlich sicher anstrengender und vertrackter denn je, aber wegen der unerwartet luftigen Anlage der Musik trotzdem verträglicher. Das Weltumarmende kommt anders als gewohnt: Nicht als Gestus in Form von Gassenhauern zum Mitgrölen, sondern als vielseitig formulierter Anstoß, Empathie und gegenseitiges Engagement in Beziehungen (nicht notwendigerweise nur Liebesbeziehungen) zu leben, in schwierigen Zeiten Schönheit und Freude zu sehen und gerne einmal - höret nur, Poet! - die Phantasie zu bemühen.

Langweilig ist das keine Sekunde der knappen dreiviertel Stunde Spielzeit, obwohl sich das Tempo, das allerdings bei Elbow sowieso nie rasend hoch war, hier durchwegs im niederen Bereich bewegt und exaltierte Momente mit der bedingten Ausnahme der inbrünstig gecroonten White-Soul-Ballade "Red Sky Radio (Baby Baby Baby)" nicht oder kaum stattfinden.

Die Zurückgenommenheit des Albums ist insofern bemerkenswert, als sein Vorgänger "Giants of All Sizes" (2019) das vergleichsweise offensivste Werk im Elbow-Katalog gewesen war. Sänger und Texter Guy Garvey verarbeitete hier den Tod seines Vaters und den Brexit, während seine Begleiter Akzente in ruppigen Gitarren und grobkantigen Texturen suchten, was formal ein maximal halb-stimmiges (Klang-)Bild abgab.

"Flying Dream 1" wiederum ist, wie so ziemlich alle Veröffentlichungen im letzten Halbjahr, wenigstens produktionstechnisch von Corona beeinflusst. Die Musik wurde von den einzelnen Mitgliedern individuell in ihren Behausungen in Manchester und London geschrieben; online tauschte man sich aus und nahm schließlich im damals pandemisch verwaisten Theatre Royal in Brighton auf.

Der Einstieg mit dem melodisch wunderschönen Titelsong mutet an wie der Auftakt zu einer Reise. Das lockere Pianospiel Craig Potters, der wie gehabt das Album auch produziert hat, indiziert mehr als nur einen Hauch von Jazz, der sich, von dezenten Gitarren und Drums aufgegriffen, hin und wieder durch schöne Einlagen auf Holzblasinstrumenten fundiert, latent durch die LP zieht. Auch die klassizistischen Einflüsse, die Elbows Musik seit jeher infiltriert und gerne einmal die eingangs beschriebene Übervölle forciert haben, sind hier diszipliniert und gefühlvoll im Zaum gehalten.

Fein abgestimmt

Das verleiht der Platte in Summe eine stark kammermusikalische Ausstrahlung und rechtfertigt solchermaßen vollmundige Vergleiche mit einschlägigen Werken von Größen wie Van Morrison oder Talk Talk. Es ist aber auch gewiss nicht ehrenrührig, sich dabei an den schönen Lambchop-Longplayer "Damaged" von 2006 zu erinnern. Jedenfalls kommt in diesem fein abgestimmten Setting Garvey mit seiner dunklen, leicht raunzigen Stimme beseelter denn je zur Geltung. Seine Meisterschaft als Texter manifestiert sich in verbalen Bravourakten. "Six Words" etwa fängt mit den Worten "I’m falling in love with you" vermeintlich denkbar dämlich an, leitet aber eine lyrische Großtat über erwiderte Liebe ein, wie sie so wohl nicht formuliert worden ist: "Six words released like birds / Into the brightening ether / And, oh, to read those words returned / I’m fuzzy, I’ve stumbled onto / Some heavenly escalator."

"The Seldom Seen Kid", gewissermaßen der nachgereichte Titelsong von Elbows Durchbruchsalbum von 2008, imaginiert eine Begegnung eines verstorbenen Freundes mit Garveys Frau. Und nicht ohne Witz räsoniert der Sänger, was da oben herumfliegt: "Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Oder ist es die Seele eines über Bord geworfenen schönen Kriegers, die über den Himmel nach Hause glüht?"