"Dieses Haus ist alt und hässlich / Dieses Haus ist kahl und leer / Denn seit mehr als fünfzig Jahren / Da bewohnt es keiner mehr." Neil Young dürfte wissen, was mit diesen Zeilen gemeint ist. Immerhin hat sich der frisch gebackene 76-Jährige im vergangenen Jahr mit den treuen Weggefährten seiner langgedienten Begleitband Crazy Horse in einer alten Scheune getroffen, um darin, wie es heißt, "bei Vollmond" das nach eben dieser Scheune benannte neue Album "Barn" einzuspielen.

"Das alte Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt / Kein Wunder, dass es zittert / Kein Wunder, dass es bebt." Gut, natürlich ist Neil Young auch nicht ganz blöd und hat sich dann eh für eine generalsanierte Hütte in den Rocky Mountains entschieden, unter deren Balustraden man zumindest nicht fürchten muss, jeden Moment vom Herrgott verlassen und von einem Holzpflock erschlagen zu werden.

Friede den Hütten

In mindestens einer Hinsicht erweist sich der auf Deutsch in einer ersten Version von (ausgerechnet!) dem Niederländer Bruce Low bekannt gewordene Schlager "Das alte Haus von Rocky Docky" aus dem Jahr 1955 dann aber in jedem Fall auch für "Barn" als gültig: "Dieses Haus will ich bewohnen / Komm vom Wandern ich zurück / Denn das Haus ist voller Wunder und voll heimlicher Musik / Alle Sterne hör ich singen und die Schatten am Kamin / Leiten zu den Träumen meiner Jugend hin." Am Ende hat Neil Young den Holzbau mit zehn eigenen neuen Hüttenliedern verlassen, die teils auch autobiografisch zurück in seine Kindheit und Jugend führen.

Nachdem der Songwriter gleich eingangs selbst wie ein altes Haus geklungen hat, das bald in sich zusammenkracht - bei "Song Of The Seasons", einem altersmilde gestimmten und bereits von der Corona-Pandemie beeinflussten Blick auf Land und Leute und die Natur, bei dem auch die Queen und ihr verstorbener Ehemann Philip, der Duke of Edinburgh, auftauchen, hört sich die Stimme des Meisters zu Mundharmonika, Akkordeon und akustischer Gitarre entschieden renovierungsbedürftiger an als behördlich erlaubt -, entführt etwa gleich "Heading West" im Anschluss zurück in die 1950er Jahre. Neil Young erinnert sich zu jetzt wieder schnörkellos-geschrammeltem und schön schludrigem Stromrock der Hausmarke Crazy Horse an die Zeit nach der Scheidung der Eltern und den Umzug mit seiner Mutter von Ontario nach Winnipeg weiter im Westen des Landes.

Rückschau halten ist erlaubt. Schließlich handelt es sich bei "Barn" um das mittlerweile 41. Studioalbum von Neil Young und das 14. Album des Musikers gemeinsam mit Crazy Horse. Selbst an Gitarre, Klavier und Mundharmonika aktiv und abermals mit dem auch als Mitglied von Bruce Springsteens E Street Band bekannten Nils Lofgren (Gitarre, Klavier, Akkordeon) und der Rhythmusgruppe aus Schlagzeuger Ralph Molina und Billy Talbot am Bass eingespielt, bezeichnet Neil Young "Barn" als "Geschenk" und konstatiert: "There’s a lot of love in it."

Letzteres manifestiert sich im als Countryschunkler angerichteten "Tumblin’ Thru The Years", einem Liebesbekenntnis für seine dritte Ehefrau Daryl Hannah, oder dem zum Abschluss im Falsett zärtelnden "Don’t Forget Love", das die Türen und Fenster der Scheune weit öffnet und Licht reinlässt. Im Falle des semiakustischen Bluesramblers und Honky-Tonk-Boogies "Shape Of You" scheint Neil Young als Opfer des guten alten Johannistriebs sogar den Ed Sheeran geben zu wollen. Bei dem klingt das im Radio zumindest vom Text her immer ganz ähnlich: "I’m in love with the shape of you / I’m in love with your body ..."

"Barn" wäre aber kein Album von Neil Young, käme nicht irgendwann auch der Grant noch ins Spiel. Zwischen der Standortbestimmung "Canerican" als US-kanadischer Doppelstaatsbürger mit - noch! - menschenfreundlicher Note (Alle Menschen sind wir Brüder ...) und der verschleppten achtminütigen Bluesrockmeditation "Welcome Back" über das Vergehen der Zeit werden bei "Change Ain’t Never Gonna" nicht nur die sogenannten Verhältnisse beklagt. Friede den Hütten, Krieg den Palästen!

Mit "Human Race" rockt Neil Young dann auch noch im Geiste seines klimaaktivistischen Albums "Earth" von 2016 explizit für die Generation Greta Thunberg ("The children of the fires and floods") - und gegen die Generation Verbrennungsmotor, die in ebenjenen Palästen an den Schalthebeln sitzt.