Das Barbican Centre ist ein brutalistischer Ikonenbau in der City of London, der dort in den Himmel ragt, wo die deutsche Luftwaffe und ihr "Blitz" nicht viel mehr als Krater und Trümmer hinterließen. Der Plan zur Errichtung begann bereits in den 1950ern, fertiggestellt wurde das monströse Schmuckstück 1982: als Londons größtes Wohnprojekt und Kulturzentrum. Von außen fühlt man sich an J. G. Ballards paranoiden Klassiker "High-Rise" erinnert, im Inneren flirrt die retrofuturistische Ästhetik eines Stanley Kubrick.

Tangerine Dream mit ihrem vielleicht berühmtesten Fan, Salvador Dalí. - © Barbican Centre London
Tangerine Dream mit ihrem vielleicht berühmtesten Fan, Salvador Dalí. - © Barbican Centre London

Die gigantische Anlage beherbergt neben 2.000 Wohneinheiten verschiedene Kinosäle sowie Konzert-, Konferenz- und Ausstellungsräumlichkeiten - und eine mehrstöckige Bibliothek: Dort ist derzeit die Ausstellung "Zeitraffer" zu sehen, die den deutschen Elektronikpionieren Tangerine Dream gewidmet ist. Chefkuratorin ist die bildende Künstlerin Bianca Froese-Acquaye, Ehefrau von Edgar Froese, dem Gründer und Mastermind von Tangerine Dream, der 2015 in seiner Wahlheimat Wien gestorben ist. "Dass die Ausstellung im Barbican gelandet ist, ergab sich über ein Tangerine Dream-Konzert hier 2019", erklärt sie: "Wir sind damals durch diesen Komplex gelaufen, haben die Bibliothek mit der Vinyl Listening Station entdeckt und festgestellt, dass hier ein paar Tangerine Dream-Platten fehlen." Bianca Froese-Acquaye korrigierte diesen Umstand mit einigen Schenkungen, und so führte eins zum anderen. Die Schallplatten waren also schon vor der Ausstellung im Barbican.

Salvador Dalí tanzte begeistert

"Zeitraffer" blickt zurück auf musikalisches und künstlerisches Schaffen, das sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckt. Zu sehen sind rare Fotos, Videos, Artikel und Instrumente der 1967 von Froese zwischen Studentenunruhen und psychedelischen Experimenten in West-Berlin gegründeten Band: Space Age, erste Mondlandung, technische Innovationen. Abgerundet wird die Schau von besagter Vinyl Listening Station, bei der man sich eigenständig durch eine Plattensammlung quer durch das 20. Jahrhundert hören kann. Bianca Froese-Acquayes Mann war es, der sie damit betraut hatte, sich um das Bandmanagement von Tangerine Dream zu kümmern. Zudem hat sie die von ihm begonnene Autobiografie "Force Majeure" fertiggestellt und posthum veröffentlicht. Heute verwaltet sie zusätzlich das Vermächtnis von Froese, und die Gruppe besteht nach wie vor: aus alten Weggefährten ihres Begründers.

Edgar Froese, 1944 in Tilsit, Ostpreußen geboren, wurde als junger Experimenteur bereits 1967 mit seiner Tangerine Dream-Vorgängerband von Salvador Dalí persönlich in dessen Villa ins spanische Port Lligat eingeladen, wo es zu abenteuerlichen, interdisziplinären Spektakeln kam. Dokumentiert sind diese nicht, doch Dalí bezeichnete Froeses damaliges Klangschaffen als "rotten religious music" - durchaus als Kompliment zu verstehen, tanzte er doch begeistert zu den Performances.

Froese, von diesem Trip angestachelt und inspiriert, gründete nach seiner Rückkehr in Berlin Tangerine Dream. Die Sterne standen gut.

Bald ging Froese mit seiner Band von Deutschland ins damals exotisch-utopische London, wo der einflussreiche Radio-DJ John Peel sie bereits früh auf einen unumstößlichen Sockel hob. Sie waren also gut im Underground geerdet, und doch gelang es ihnen, in den 1970ern auf den damals frischen Virgin Records Alben wie "Phaedra" und "Rubycon" zu veröffentlichten, die in den Kanon der Musikgeschichte eingingen und Grundsteine für das legten, was später zu Ambient, Trance und Elektronik in sämtlichen Spielweisen werden sollte. Überraschenderweise verkauften sich die trippigen bis sakralen Klangexpeditionen schon seinerzeit in Millionenhöhe.

Von bequemen Laptops keine Rede, leisteten Tangerine Dream die hemdsärmelige Vorarbeit für harmloses elektronisches Vergnügen und hatten analoge Synthesizer und richtige Soundmaschinen zu bändigen - die als damalige Prototypen teilweise schwer zu beherrschen waren, wodurch die Maschinen wohl manchmal eher mit den Musikern spielten als umgekehrt. Froese hing dieser Zeit auch in späten Jahren nicht nostalgisch nach, viel eher machte er sich über die Jahrzehnte jeweils neue Technologien zunutze, anstatt sich über das Verschwinden deren Vorgänger zu beschweren. Sein Sternzeichen war die Zukunft mit Aszendent Kosmos.

Die Ausstellung "Zeitraffer" blickt auch auf geschichtsträchtige Ereignisse zurück: etwa den von der dunklen Tragödin Nico eröffneten Konzertabend in der Kathedrale von Reims 1974. In diesem Gotteshaus mit einer Kapazität von 3.000 Gläubigen fanden sich 6.000 subkulturell gespeiste Suchende ein, die sich nicht direkt katholisch benahmen und - Skandal! - sogar Haschischzigaretten rauchten. Es segelte einen Bann vom Vatikan direkt, und Tangerine Dream erhielten auf Lebenszeit Spielverbot in katholischen Bauten. Doch bei der anglikanischen Kirche schien diese Verbannung ein neues Lodern alter Kirchenfehden im Kontext der Weltraummusik zu beflügeln, und Tangerine Dream wurden zu weiteren Auftritten in Kathedralen auf der Insel geladen.

Auch Hollywood wurde auf Tangerine Dream aufmerksam und Froese lieferte, teils mit Band, teils solo, zahlreiche Soundtracks ab. Tangerine Dream hatten seit Beginn an instrumentale Musik gemacht, die sehr viel Spielraum für ein eigenes Kopfkino ausrollt. Durch seine sphärischen Klangkonstruktionen wollte Froese den Zuhörern Anstöße geben, nach innen zu horchen und zu erkennen, was sich dort abspielen würde. Er selbst kam eigentlich aus der bildenden Kunst und für ihn gehörten sämtliche kreative Ausdrucksweisen zusammen. Zum spartenübergreifenden Barbican Centre spannt sich also ein ästhetischer Bogen.

Das unpassende
Label "Krautrock"

Doch um Tangerine Dream gab es immer wieder Missverständnisse: Charakteristischerweise mussten sie erst in England und in den USA reüssieren, um auch zu Hause anerkannt zu werden. Als das mit etwas Verspätung geschah, drückte man ihnen oft das für sie unpassende Label "Krautrock" auf. Die Überschneidungen mit dieser Szene müsste man unter der Lupe suchen, sowohl musikwissenschaftlich wie biografisch, waren doch Froese & Co schon früh nach England, später nach Amerika gezogen.

Auch als "Techno-Godfather" wollte er sich nicht bezeichnet wissen: Das erinnerte ihn eher an trashige Spaßgeschichten wie die Hamburger Eurodance-Unterhaltungskanone Blümchen; und 1993 - vier Jahre nach der ersten Love Parade in Berlin - erhielten Tangerine Dream für ihr Album "220 Volt Live" in der ebenso inakkuraten Sparte "New Age" gar eine Grammy-Nominierung. Froese konnte mit Schubladendenken generell nichts anfangen. "Das war auch ein Weg für ihn, das zu machen, was er wollte", so Bianca Froese-Acquaye: "Das klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber er hat in seinem Leben ein großes Stück Weisheit erlangt und sich selbst immer mehr zurückgenommen. Er sagte, die Musik ist der Star, nicht die Musiker." Froese - ein Universalgelehrter zwischen Buddhismus, Dalí und Forschungsdrang.

Warnung durch ein Lichtsignal

Die Ausstellung "Zeitraffer" geht kommendes Jahr auf Wanderschaft, geplant sind Stopps in Berlin, Paris, Warschau, New York und Los Angeles. Und im März 2022 steht eine Tour durch Großbritannien mit neuem Album auf dem Programm - danach folgt wahrscheinlich ein Konzert in Wien, wo Tangerine Dream zuletzt 2014 gespielt haben, so Bianca Froese-Acquaye, die noch ein anderes Projekt vor sich hat: ein großes Soundmuseum.

Die Bewegung nach vorne hielt bei Froese bis zum Schluss an, und so komponierte er etwa 2013 für die bis heute bestehende Videospielserie "Grand Theft Auto" Teile des Soundtracks. "Kosmische Musik" ist wandelbar, aber nicht beliebig: Froese nahm seine Kunst so ernst, dass er - nach diversen Experimenten in seiner Sturm-und-Drang-Zeit - sein Leben jahrzehntelang abstinent führte. Ansonsten hätte er seinen Stundenplan, mehr als die Hälfte des Tages seiner Arbeit zu widmen, nicht einhalten können. Psychedelische Reisen hatte er zwar unternommen, aber schon früh damit wieder aufgehört: Als er festgestellt hatte, dass man damit zwar an absonderliche Orte kommt - aber doch immer wieder zurück. Nur in seinem Wiener Studio gab er sich regelmäßig alleine voluminöse Musiksessions und beamte sich dadurch gewissermaßen weg. Bianca Froese-Acquaye baute ein Lichtsignal ein, das sie von außen betätigen konnte, bevor sie in seine Soundwerkstatt ging und ihn wieder abholte: Sie wollte den Forschenden nicht erschrecken.