Praktisch alle Schritte in David Bowies Karriere als Star waren durchgetaktet und inszeniert. Und mehr als irgendetwas sonst waren seine Präsentationen auf der Bühne und in der Öffentlichkeit Statement und Geste - und Voraussetzung, dass der 1947 in London geborene Künstler großartige Musik machen konnte. Denn ohne die riesige Publizität durch seine aufsehenerregenden Rollenspiele wäre Bowie, rockgeschichtlich der erste spektakuläre Gegenentwurf zum "authentischen" Künstler, untergegangen.

Bis in die 1980er Jahre entsprachen seine Plattenverkäufe nicht annähernd seiner Öffentlichkeitswirksamkeit. Und sein Verhältnis zu Plattenfirmen war schon belastet, als er 1967 bei der Decca-Tochter Deram Records seine unbetitelte, im Stil irgendwo zwischen Vaudeville und Syd Barrett irrlichternde Debüt-LP herausbrachte: Weil Deram seine Marketing-Aktivitäten auf einen jungen Sänger namens Cat Stevens konzentrierte, versandete Bowies Erstling samt der hübschen Single "Love You Till Tuesday" ungehört.

Ein "Werkstattprotokoll"

Der frühen Verstörung folgten mehrere Label-Wechsel, deren letzter knapp nach der Millenniumswende stattfand. Bowies damalige Plattenfirma EMI weigerte sich, sein Album "Toy" mit Neuinterpretationen sehr alter Stücke herauszubringen. Bowie liebte solche "Werkstattprotokolle", die vorführten, wie Songs in unterschiedlichen Interpretationen über Jahre hinweg ihre Anmutung änderten. Dass EMI "Toy" auf Eis legte, bewog ihn, für den Rest seines bis Jänner 2016 dauernden Lebens auf dem eigenen Label ISO in Zusammenarbeit mit Columbia Records zu publizieren.

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Nun hat Warner, das die Rechte an fast dem gesamten Back-Katalog Bowies hält, "Toy" veröffentlicht, nachdem das Album längst über das Internet gesickert ist. Diese geleakte Version, deren Trackliste nicht ganz mit der von Bowie intendierten übereinstimmt, liegt zusammen mit einer CD mit schönen halbakustischen Versionen der Songs einem 3-CD-Deluxe-Set bei. Parallel dazu ist das 11 CDs bzw. 18 LPs enthaltende Monster "Brilliant Adventure" erschienen, das Arbeiten von 1992 bis 2001 enthält und eine Reihe von umfangreichen Warner-Kompilationen aus Bowies Werk fortsetzt. Auch die Stücke von "Toy" sind darauf enthalten.

Erstaunlich stimmig

"Toy" ist insofern besonders bemerkenswert, als es einen großen Teil seines Repertoires aus Bowies ganz früher Phase noch vor seinem ersten Hit "Space Oddity" bezieht und damit einen Abschnitt hervorholt, den Bowie bis dahin - ähnlich wie Elton John sein Debütalbum "Empty Sky" - weder für Live-Konzerte noch Kompilationen angetastet hatte. Zwei Tracks, "Baby Loves That Way" und "You’ve Got A Habit Of Leaving", hatte Bowie auf einer Single sogar noch als Davie Jones veröffentlicht. Obwohl also aus vielen Ecken zusammengekratzt, vermittelt das Album erstaunliche Stimmigkeit. Heraus ragen "The London Boys", eine resignative Ballade über sozialen Druck in einem hip sein wollenden Milieu, das melodisch schöne "Karma Man" und das aufgewühlte "Can’t Help Thinking About Me".

Aber auch einem guten Bekannten von etwas später begegnet man hier überraschend wieder: "Conversation Piece", ein Outtake des gemeinhin als "Space Oddity" bekannten, aber ursprünglich so wie sein Vorgänger auch unbetitelten zweiten Bowie-Albums von 1969. Der Freundschaftsgeschichte eines einsamen Schriftstellers mit einem österreichischen Ladenbesitzer, der sich über sein lausiges Englisch lustig macht, die mit den Worten "I can’t see the rain for the tears in my eyes" traurig endet, steht Bowies lebenserfahrene Neudeutung noch besser an als die originale Interpretation des 22-jährigen Himmelstürmers von damals.

Aber auch "Brillant Adventure" ist - seinem furchterregenden Umfang zum Trotz - zwei offene Ohren wert. Zum einen erinnert die Musik, obwohl in den 90ern entstanden, an Bowies legendäre Berlin-Trilogie aus den späten 70ern. Das hat auch insofern seine Richtigkeit, als die damals entstandenen Alben "Outside" und "Earthing" bewusst an diese Phase anknüpften. Zum anderen enthält es erstaunlich viele interessante, improvisiert anmutende Instrumentalflächen. Zur Erholung gibt es dann Live-Versionen großer Hits wie "Starman" oder "Let’s Dance".