Ein Auftritt von Arooj Aftab war dem österreichischen Publikum heuer dann doch nicht vergönnt. Allerdings nicht aus den naheliegenden Gründen. Das bereits fix geplante Konzert im Rahmen des Kremser Donaufestivals scheiterte im Oktober schlicht an einem nicht vorhandenen Visum. Das war sehr schade. Immerhin hat die 36-jährige Musikerin mit pakistanischem Migrationshintergrund mit "Vulture Prince" heuer ein Album des Jahres veröffentlicht, das nun nicht nur dank diverser internationaler Bestenlisten späte Gerechtigkeit erfährt.

Auch zwei Nominierungen in den Kategorien "Best New Artist" und "Best Global Music Performance" für die 64. Ausgabe der Grammy Awards am 31. Jänner 2022 in Los Angeles und somit die ersten beiden Grammy-Nominierungen eines pakistanischstämmigen Acts überhaupt sorgen derzeit für erhöhte Aufmerksamkeit. Ach ja, nach einer Veröffentlichung im Eigenverlag und zwei Aufnahmen für das in New York ansässige Label New Amsterdam Records hat die Sängerin und Songwriterin soeben außerdem einen Vertrag mit der renommierten Universal-Tochter Verve unterschrieben, was den internationalen Durchbruch endgültig garantieren sollte.

Game-Score und Folklore

Nach ersten, bereits in den frühen Nullerjahren von Arooj Aftab als diesbezüglichem Early Bird ihres Heimatlandes im Internet veröffentlichten Coverversionen (etwa von Leonard Cohens "Hallelujah") hat sich der Erfolg also nicht über Nacht eingestellt. Es folgte ein Studium der Musikproduktion und Tontechnik am Berklee College of Music in Boston und ein Umzug nach Brooklyn, wo die Musikerin zunächst in der lokalen Jazz-Szene Fuß fassen konnte. Die seither erschienenen Arbeiten allerdings zeichnen ein alles andere als homogenes Bild. Immerhin fiel Arooj Aftab nach dem Folklore aus ihrer alten Heimat und westlichen Jazz kurzschließenden, unter Vorzeichen der sogenannten "Weltmusik" stehenden Debüt "Bird Under Water" (2014) und dem im Anschluss überraschenderweise schwer im Hall versunkenen Lo-Fi- und Bedroom-Ambient von "Siren Islands" (2018) heuer auch mit ihrem ersten Game-Soundtrack auf. Der dreißig Stücke umfassende, rund 110-minütige Score zum Spiel "Backbone" des Herstellers EggNut oszilliert atmosphärisch zwischen Spoken Word, experimenteller Elektronik und Jazz Noir im Stile der deutschen Zeitlupenmusiker Bohren & der Club Of Gore.

Künstlerisch zu Hause und ganz bei sich angekommen zu sein scheint die Musikerin aber auch auf ihrem Meisterwerk "Vulture Prince" im Bereich des stilistischen wie kulturellen Brückenschlages. Schließlich hört man darauf, ökonomisch mit Gitarren, Harfe, (Kontra-)Bass und Streichern arrangiert und in Stücken wie "Saans Lo" als Ambient-Überrest mit unterschwelligem Hintergrundrauschen unterlegt, überwiegend in der reichen Kulturtradition ihrer Heimat nistende Folklore im Zeichen von Sufi-Mystik und Ghaseldichtung aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Wobei wie im ausnahmsweise zumindest teils auf Englisch eingesungenen "Last Night" etwa auch ein Ausflug in Richtung (Dub-)Reggae erlaubt ist.

Trauergesang

Zu Texten aus der Feder Rumis (Liebe ist die größte Kraft ...) oder des 1869 verstorbenen indischen Urdu-Dichters Mirza Ghalib geht es in ebenso ökonomischen Versen und bei großem Understatement im Gesang aber nicht nur um Herzeleid und den Verlust der Liebe aus trivialen irdischen Gründen. Nach dem Tod ihres in Pakistan verbliebenen Bruders während der Arbeit an den sieben Songs des Albums sind die alten Wehklagen über Abschied und Verlust auch zu bewegenden Trauergesängen mutiert. Trotz atmosphärischer Dichte von Reduktion und Zurückhaltung bestimmt, gehen weite Teile von "Vulture Prince" also ziemlich unter die Haut.

Dass sich der auf dem Papier poetische Albumtitel auf die parsische Praxis bezieht, die Körper der Verstorbenen den Geiern zu überlassen, mag für europäische Verhältnisse verstörend sein. Dazu passend jedenfalls kommen Albumhighlights wie "Mohabbat" selbst als musikalische Gleitflüge daher, die den hörbaren Schmerz am Ende in spürbaren Trost verwandeln. Ein stilles Album nicht nur für die stille Zeit. Ein stilles Album für alle Zeiten.