Auch das Musikjahr 2021 war aus bekannten Gründen nicht vom Live-Geschehen bestimmt. Eine persönliche Rückschau des "music"-Teams der "Wiener Zeitung", das heuer wieder die Pop-/Rock-Alben des Jahres gekürt hat. Die Gesamtwertung setzt sich aus den Einzellisten aller Mitarbeiter zusammen. Für ausgewählte Jazz-Tipps sorgt Christoph Irrgeher.

Gesamtwertung Pop & Rock 2021

Alben international
1. Low: Hey What (US)
2. International Music: Ententraum (D)
3. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (US)
4. The Weather Station: Ignorance (CAN)
5. Courtney Barnett: Things Take Time, Take Time (AUS)
6. Elbow: Flying Dream 1 (GB)
7. Martina Topley-Bird: Forever I Wait (GB)
8. James Blake: Friends That Break Your Heart (GB)
9. Katy Kirby: Cool Dry Place (US)
10. Abba: Voyage (SWE)
10. Isolation Berlin: Geheimnis (D)

Alben national
1. Attwenger: Drum
2. Zinn: Zinn
2. Ja, Panik: Die Gruppe
4. Fuzzman: Endlich Vernunft
5. Kreisky: Atlantis

Andreas Rauschal

Die Umstellung von Antigen- auf PCR-Tests ("Alles gurgelt!", praktischerweise von zu Hause aus) brachte es mit sich, dass ich heuer noch seltener in die Wiener Stadthalle kam als im Jahr 2020, in dem mich dort während des Nasenabstrichs zumindest die Zwangsbeschallung mit Radio Wien noch irgendwie an Prä-Corona-Zeiten erinnerte. Aber was soll man schon von einem Jahr halten, in dem der Babybauch von Helene Fischer und das Comeback von Abba als zentrale Ereignisse im Unterhaltungsbereich galten, wenn man von den Todesfällen (Phil Spector, Charlie Watts, Dusty Hill ...) einmal absieht?

Danke an dieser Stelle übrigens an die US-Band Low, die quer durch den bisher absolvierten Teil der Corona-Krise zahlreiche Lockdownkonzerte für Interessierte via Webstream gab und trotzdem noch Zeit fand, ein nächstes Album des Jahres einzuspielen. Interessant: Auf die Quantität der Erscheinungen scheint sich die Pandemie bisher nicht dramatisch ausgewirkt zu haben, auf die Qualität hingegen schon eher. Zumindest wird 2021 nicht als Jahrgang der zahllosen die Zeit überdauernden Meisterwerke in Erinnerung bleiben.

Die Wiener Band Zinn erfreute heuer mit ihrem Debütalbum. 
- © Numavi Records

Die Wiener Band Zinn erfreute heuer mit ihrem Debütalbum.

- © Numavi Records

Persönliche Highlights: Anna B Savage und ihr einnehmendes Debüt "A Common Turn", die pakistanischstämmige Musikerin Arooj Aftab und ihr an Sufi-Mystik geschulter Trauergesang des Albums "Vulture Prince" sowie die wunderbare Wiener Band Zinn. Auch gut: ein Wiederhören mit Martina Topley-Bird. Begrüßenswert: Dagobert ("Nie wieder arbeiten"). Enttäuschend: Billie Eilish ("Happier Than Ever"). Bitte nie wieder Musik aufnehmen: Coldplay, Kanye West.

International
1. Low: Hey What (US)
2. Anna B Savage: A Common Turn (GB)
3. Arooj Aftab: Vulture Prince (PAK/US)
4. Zinn: Zinn (A)
5. Martina Topley-Bird: Forever I Wait (GB)
6. John Grant: Boy From Michigan (US)
7. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (US)
8. International Music: Ententraum (D)
9. Robert Plant & Alison Krauss: Raise The Roof (GB/US)
10. Tindersticks: Distractions (GB)
10. James Blake: Friends That Break Your Heart (GB)

National
1. Zinn: Zinn
2. Attwenger: Drum
3. Kreisky: Atlantis
3. Paul Plut: Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse

Gerald Schmickl

Das Jahr begann verheißungsvoll: Gleich am 1. Jänner gab es mit "The New" der österreichischen Musikerin und Sängerin Anna Attar aka Monsterheart die erste Veröffentlichung. Und das Neue sollte ein positives Signal für Nach-vorne-Schauen und Sich-weiter-Entwickeln sein. Gekommen ist es kollektiv und grosso modo - wir wollen niemandem seine individuellen Fortschritte absprechen - 2021 freilich anders. Und der allgemeinen Stimmung hat ein Titel des Monsterheart-Albums vorweg eher Rechnung getragen: "End Of The World" (obwohl auch dieser Song, über das Kennenlernen von Annas Mann, eine zuversichtliche Botschaft beinhaltet - über das gemeinsame Gehen bis ans Ende der Welt).

Musik zum Klimawandel: Tamara Lindeman von The Weather Station. 
- © Daniel Dorsa

Musik zum Klimawandel: Tamara Lindeman von The Weather Station.

- © Daniel Dorsa

Immerhin war mit dieser Neujahrsveröffentlichung noch ein anderer Ton angeschlagen, der in diesem Jahr viel Echo fand: nämlich jener österreichischer Musikerinnen, die nachhal(l)tig in Erscheinung traten, sei’s mit Alben und EPs, wie Mira Lu Kovacs, OSKA, die Bands Friedberg (zwar in London beheimatet, aber von der Österreicherin Anna F. als Frontfrau betrieben) und Zinn, bis zum Südtiroler Stimmwunder helianth (die wir hier kurzerhand eingemeinden, sie lebt und veröffentlicht immerhin in Österreich). Auch live habe ich - in dem kurzen Zeitfenster, als Konzerte wieder möglich waren - mit My Ugly Clementine, der wunderbaren Violetta Parisini und der wackeren Birgit Denk ausschließlich heimische Musikerinnen gesehen und gehört. Und die schönen und gehaltvollen Alben von Sophia Kennedy, Arlo Parks, Lana Del Rey, Katy Kirby, Anna B Savage, Lorde und besonders Low (mit der Engelsstimme von Mimi Parker) und The Weather Station (angesungen von Tamara Lindeman) haben auch international (m)einen femininen Jahrestrend be- und verstärkt. 2022 sind wieder die Männer dran.

International
1. The Weather Station: Ignorance (CAN)
2. International Music: Ententraum (D)
3. Low: Hey What (US)
4. Sophia Kennedy: Monsters (US/D)
5. Villagers: Fever Dreams (IRE)
6. James Blake: Friends That Break Your Heart (GB)
7. Arlo Parks: Collapsed In Sunbeams (GB)
8. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (US)
9. Lorde: Solar Power (NZ)
10. The War on Drugs: I Don’t Live Here Anymore (US)

National
1. Hearts Hearts: Love Club Members
2. Ja, Panik: Die Gruppe
3. Monsterheart: The New
3. Helianth: Midtide

Bruno Jaschke

Wenn heuer etwas bemerkenswert war, war es die Dichte deutscher (Welt-)Klasse-Produktionen. Insbesondere zwei Bands repräsentieren auf höchster Stufe, wie intelligent, vielseitig und, ja, weltgewandt deutsche Rockmusik heute mit minimalen Mitteln klingen kann: International Music tun dies auf einer mehr philosophischen, Isolation Berlin auf einer mehr misanthropischen Ebene. Eher dem Chanson verpflichtet, führt auch das wunderbare Klavier-Soloalbum des Antilopen-Gang-Rappers Danger Dan ein einzigartiges Zusammenspiel von sprachlicher Virtuosität und musikalischer Wendigkeit vor.

Weltgewandt mit minimalen Mitteln: International Music aus Essen. 
- © Harriet Meyer

Weltgewandt mit minimalen Mitteln: International Music aus Essen.

- © Harriet Meyer

So wie dieses halsstarrige Verdikt von Deutsch als unsingbarer Sprache irgendwann einmal unauffällig den Weg des Abwassers gehen sollte, so müsste die Phrase von Pop als Männerdomäne mit sozialer Ächtung geahndet werden. Mehr denn je war 2021 Frauen-Power angesagt. Im Fach der Singer-Songwriterinnen, das schon seit Jahren stark besetzt ist, brillierten insbesondere Ada Lea, die gleichermaßen fragile wie exaltierte Anna B Savage und die individualistische Wahl-Hamburgerin Sophia Kennedy, die nebenbei einen tollen Auftritt im Volkstheater hinlegte. Die All-Girl-Group Goat Girl überzeugte mit eklektischem Pop; Torres laut und selbstbewusst als Rockstar in spe. Ebenfalls selbstbewusst - und sexuell herausfordernd - präsentierte sich die New Yorker Rapperin Junglepussy.

Unter vielen erstklassigen Produktionen made in A glänzten (wieder) Fuzzman und Kahlenberg; als Bank bestätigten sich Kreisky und natürlich Mira Lu Kovacs mit ihrem Soloalbum "What Else Can Break".

International
1. International Music: Ententraum (D)
1. Isolation Berlin: Geheimnis (D)
3. Darkside: Spiral (US)
4. Django Django: Glowing In The Dark (GB)
5. Danger Dan: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt (D)
6. Elbow: Flying Dream 1 (GB)
7. Low: Hey What (US)
8. Ada Lea: one hand on the steering wheel the other sewing a garden (CAN)
9. Matthew E. White: K Bay (US)
10. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (US)

National
1. Fuzzman: Endlich Vernunft
2. Kahlenberg: Wiener Zucker
3. Kreisky: Atlantis

Heimo Mürzl

Aus dem voreilig und gedankenlos verkündeten Ende der Pandemie wurde nichts - Corona, Lockdowns, Klimakrise, Message Control und sinnbefreit-radikalisierte Querdenker blieben auch 2021 präsente und prägende Alltagsbegleiter. Für Trost, Rat und gar nicht so wenige Glücksmomente sorgte aber auch in diesem Jahr die Musik. Explizite musikalische Statements zur Pandemie blieben erfreulicherweise auch 2021 fast zur Gänze aus. Musik überzeugte und erfreute vielmehr als Klangerlebnis, als Quelle der Inspiration und emotional-bewusstseinserweiternde Kunstform.

Qualitätsgaranten aus Duluth, Minnesota: Alan Sparhawk und Mimi Parker von Low. 
- © Nathan Keay

Qualitätsgaranten aus Duluth, Minnesota: Alan Sparhawk und Mimi Parker von Low.

- © Nathan Keay

Wer Schönheit und Wahrhaftigkeit suchte, fand sie musikalisch bei Low, The Weather Station, Elbow, Villagers, den Chills, Steve Gunn oder Emma Ruth Rundle. Wem der Sinn nach Witz, Esprit und nicht alltäglichen Popmomenten stand, der wurde von International Music, Black Midi, Sault, Black Country, New Road oder St. Vincent gut bedient. Und wer genau hinhörte, entdeckte hinter den beschwingt-eingängigen Klängen von Katy Kirby bissige und widerborstige Texte. Ihr Album "Cool Dry Place" war für mich die Veröffentlichung des Jahres, die Bestand haben wird.

Was auch 2021 selten und eine Ausnahme mit diversen Einschränkungen blieb, war Musik als Live-Erlebnis. Dahingehend lebt die Hoffnung auf das kommende Jahr. Nicht nur, weil man bei Konzerten die Musik anders hört, erlebt und spürt, sondern weil man das zusammen mit Freunden und Bekannten tut - was mindestens ebenso wichtig ist.

International
1. Katy Kirby: Cool Dry Place (US)
2. Low: Hey What (US)
3. International Music: Ententraum (D)
4. The Weather Station: Ignorance (CAN)
5. Black Midi: Cavalcade (GB)
6. St. Vincent: Daddy’s Home (US)
7. Elbow: Flying Dream 1 (GB)
8. Courtney Barnett: Things Take Time, Take Time (AUS)
9. Steve Gunn: Other You (US)
10. Emma Ruth Rundle: Engine Of Hell (US)
10. The Chills: Scatterbrain (NZ)

National
1. Downers & Milk: Songs Of Fear And Flight
2. Zinn: Zinn
3. Attwenger: Drum
3. Fuzzman: Endlich Vernunft

Uwe Schütte

Wie kaum anders zu erwarten im zweiten Jahr der andauernden Pandemie, war 2021 kein sonderlich bemerkenswertes Popmusikjahr. Eher das genaue Gegenteil. Wirklich erfreulich an diesen annus horriblis war freilich, dass gleich meine beiden österreichischen Lieblingsbands ein neues Album veröffentlicht haben, zumal uns Ja, Panik ja sieben Jahre im Ungewissen ließen, ob es überhaupt weitergeht. (Attwenger ist übrigens die zweite Band.)

Meine Altherrenpräferenz für zumeist rührselige weibliche Sängerrinnen verfestigte sich weiter; mehr noch, erstmals vermochte mich selbst ein Mainstream-Act wie Lana Del Rey zu Tränen zu rühren. Ansonsten ließ das pene-trante Ausbleiben "frischer" Musik, die man zumal live entdeckt, auf ewiggleich Altbewährtes zurückgreifen, egal ob in Richtung Schnulzenpop oder Experiment.

2021 war auch das Comebackjahr von Abba, die 2022 in London als "Abbatare" zu bestaunen sein werden. 
- © Baillie Walsh

2021 war auch das Comebackjahr von Abba, die 2022 in London als "Abbatare" zu bestaunen sein werden.

- © Baillie Walsh

Überhaupt war ja das Popereignis des Jahres ohne Zweifel das sensationelle Comeback von Abba. Allenfalls eine Reunion der Beatles oder die Wiederauferstehung von Elvis wären mir noch marginal weniger wahrscheinlich erschienen. Es waren just diese drei Acts, die mich als Kind in die Popmusik einführten, und rund 50 Jahre Musikhören später haben deren Songs nichts an Magie verloren. Dass Abba nun aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht sind, ist wundersam genug; elektrisiert bin ich, dass man die vier in absehbarer Zeit als ewigjunge Avatare auch live in concert erleben kann. Ein (Kindheits-)Traum wird wahr! Und dafür bin ich gern bereit, den Preis des höchstwahrscheinlich beschämend unzulänglichen "Voyage" zu zahlen, kann mich doch niemand zwingen, das Album anzuhören.

International
1. Abba: Voyage (SWE)
2. Ja, Panik: Die Gruppe (A)
3. Attwenger: Drum (A)
4. Courtney Barnett: Things Take Time, Take Time (AUS)
5. Lana Del Rey: Chemtrails Over The Country Club (US)
6. Dean Blunt: Black Metal 2 (US)
7. Low: Hey What (US)
8. Xiu Xiu: Oh No (US)
9. Teenage Fanclub: Endless Arcade (GB)
10. Martina Topley-Bird: Forever I Wait (GB)

National
1. Ja, Panik: Die Gruppe
2. Attwenger: Drum
3. Disquiet: Disquiet

Christoph Irrgeher

Das Jazz-Jahr 2021 beginnt mit einem Schlag in die Magengrube: Am 11. Februar wird der Krebstod von Chick Corea, 79, bekannt. Der US-Pianist, in den 70er Jahren zur stilprägenden Ikone avanciert, war von einer Lebensenergie beseelt, die ihn bis zuletzt auch regelmäßig auf Wiens Bühnen trieb. Entsprechend schwer ist er von da wegzudenken. Eine weitere Hiobsbotschaft im November: Mit dem Gitarristen Pat Martino, 77, verliert der Jazz einen seiner unverkennbaren Saiten-Stilisten.

Im zweiten Corona-Jahr muss natürlich auch der Kulturkalender so manche Einbuße und Streichung hinnehmen. Ein Kuriosum dabei: die erneute Total-Absage des Jazz Fest Wien. An sich glücksbegünstigt durch einen Austragungszeitraum im (virusarmen) Sommer, scheint die Crux hier vielmehr in den Prinzipien der Programmpolitik zu liegen: Die setzt in erster Linie auf Jazz-ferne Zugpferde, deren Welttourneen derzeit auf Eis liegen. Vielleicht ja ein Anstoß zum Nachdenken?

Saalfelden beweist dagegen die Machbarkeit eines opulenten Festivals, das sich aus experimentierfreudigem Jazz des In- und Auslands speist. Und was für Alben bescherte der aktuelle Jahrgang? Trotz der Lockdowns eine qualitätvolle Flut, wobei die Auszeiten im Eigenheim die schreiberischen Energien (wie etwa im Fall von Gina Schwarz) sogar beförderten.

Jazz/International
1. Francesca Gaza: Kugelförmigkeit (IT)
2. Charles Lloyd & The Marvels: Tone Poem (US)
3. Matthew Halpin: Agreements (IRE)
4. Vijay Iyer, Linda Oh, Tyshawn Sorey: Uneasy (US)
5. Archie Shepp & Jason Moran: Let My People Go (US)
6. Gina Schwarz Pannonica: All alone 2020 (A)
7. Michael Mantler: Coda – Orchestra Suites (A)
8. Esperanza Spalding: Songwrights Apothecary Lab (US)
9. Mario Rom’s Interzone: Eternal Fiction (A)
10. Till Brönner: Till Christmas (D)

Jazz/National
1. Gina Schwarz Pannonica: All alone 2020
2. Michael Mantler: Coda – Orchestra Suites
3. Mario Rom’s Interzone: Eternal Fiction