Jetzt ist also auch dieser Band die Zeit in den diversen Lockdowns etwas zu viel geworden. Nach den jüngsten gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft eingetroffenen üppigen Machwerken von Alicia Keys (das Doppelalbum "Keys" mit der Dauer eines Fußballmatches samt Nachspielzeit) und der venezolanischen Produzentin Arca (der Vierfachschlag "Kick II" bis "Kick IIIII" mit ausufernden 150 Spielminuten und aufwendig produziertem Bewegtbild) hat sich das US-Duo Beach House allerdings eine andere Strategie für seinen nächsten Streich zurechtgelegt.

Zwar wird das neue Doppelalbum mit dem Titel "Once Twice Melody" erst im Februar 2022 auf dem in Seattle beheimateten Label Sub Pop erscheinen. Vielleicht auch, um das gerade noch aktuelle Steuerjahr nicht ganz in den Sand zu setzen, wurde der erste Teil davon aber bereits vorab im Internet veröffentlicht. Mit einer Spielzeit von 41 Minuten im einstigen Normbereich eines Longplayers angesiedelt, bietet das hörerseitig den Vorteil, dass man vom erhöhten künstlerischen Schaffensdrang nicht auf einmal erschlagen wird. Erschlagen, zum Beispiel vom Festtagsessen, hängt man derzeit ohnehin noch auf der Couch herum, um dort nicht nur das zu Ende gehende Jahr zu verdauen.

Unermüdlicher Dreampop

Apropos Couch: Die Musik von Beach House lässt sich traditionell ganz hervorragend im Liegen hören. Schließlich ist das Doppel im Dreampop-Genre aktiv, das die Ruhe und den Schlummer bereits im Namen trägt. Die Band selbst ist dabei aber relativ unermüdlich am Werk und dürfte nicht allzu viel Zeit auf das Träumen verwenden. Seit ihrem Auftauchen im Geschäft vor mittlerweile 15 Jahren und nach ihrem Durchbruch mit "Teen Dream" von 2010 und dessen Hits um etwa die hübsch eiernde und nach einem defekten Abspielgerät klingende Single "Norway" handelt es sich bei "Once Twice Melody" bereits um ihr achtes Album. Trotz diverser kleinerer Parameterverschiebungen (die Hinzugabe echter Drums zu den ursprünglichen Begleitpluckerbeats aus alten Drumcomputern, die Erinnerung an Shoegazing-Zeiten mit in Hall getunkten Gitarren ...) ist sich die Band dabei stets treu geblieben.

Wo stehen Beach House aktuell? Vielleicht etwas stärker als zuvor macht sich heute bemerkbar, dass Sängerin und Keyboarderin Victoria Legrand bis zu ihrem siebenten Lebensjahr in Paris aufwuchs. Die unverkennbar frankophilen Harmonien des Albums könnten so oder so ähnlich auch in diversen Chansons auftauchen, werden mit den atmosphärischen Twang-Akkorden von Alex Scally an der Gitarre aber um ein Gefühl der weiten amerikanischen Weite ergänzt. Dort rollt immer auch ein wenig Tumbleweed durch die Gegend.

Sonne, Mond und Sterne

Das Ganze überwindet mitunter aber auch überirdische Grenzen. Nicht von ungefähr tauchen in den Texten die Sonne, der Mond und die Sterne auf und verleihen der unterschwelligen Anmutung eines Ausfluges in den Orbit ein paar Indizien - auch wenn gut bekannte Metaphern von verglühenden Sternen recht eindeutig der sehnsüchtigen Erinnerung an ehemalige Lieben und Liebschaften geschuldet sind und nicht fernen astronomischen Phänomenen. "There’s a light going out tonight / Driving fast / Flashing lines / It’s too late now to say goodbye / The stars were there / In our eyes ..."

Nicht nur diesbezüglich erweist sich etwa der Song "Superstar" als ein in seiner scheinbaren Einfachheit und bei allem gegebenen Oberflächenglanz leicht unterschätzbares Albumhighlight. Beach House dürften mit diesem bittersüßen Stück Edelpop endgültig die Nachfolge ihrer heuer aufgelösten und ungleich gehypteren Kollegen Chromatics antreten. Und sie erinnern damit außerdem an den gleichfalls hübsch mit Puderzucker bestreuten Soundtrack zu Nicolas Winding Refns Film "Drive" mit Ryan Gosling aus dem Jahr 2011.

Cineastisch geht es dann auch noch beim etwas dramatischer gestimmten Song "Pink Funeral" zu, bevor Beach House mit "Over And Over" einen dramaturgisch geschickten Cliffhanger setzen. Uns Couchpotatoes im Patschenkino bleibt somit die Vorfreude auf das Sequel. Der Februar kommt bestimmt.