Er spielt unzählige Instrumente, ist mit der Kultband Biermösl Blosn zu einer Legende der neuen Volksmusik geworden und begeistert sich für alle Arten der Musik - nur gut muss sie sein: Christoph "Stofferl" Well. Jetzt hat der ehemalige Solotrompeter der Münchner Philharmonikern unter dem Dirigenten und Konzertharfenisten Sergiu Celibidache mit seiner neuen CD ein Bluesprojekt gestartet. Mit von der Partie: Barbara Dennerlein, Herbert Pixner, Konstantin Wecker, Stefan Dettl von La Brass Banda, Helge Schneider, Campino mit den Toten Hosen, die Wellküren, Conny Kreitmeier, Christiane Öttl, Georg Ringsgwandl, Andreas Rebers, Alan Bern, Willy Michl, der Nick Woodland Band, dem Zither Manä und Gerhard Polt. Das Ganze ist ein Benefiz-Album für das OpenHeartProjekt im Sudan, bei dem Kinder aus Afrika unentgeltlich am Herzen operiert werden. Denn ein Herzfehler hätte dem 61-Jährigen fast das Leben gekostet.

"Wiener Zeitung": Herr Well, Harfe, Blues und Benefiz sind auf Ihrer neuen CD vereint. Welche Idee steckt dahinter?

Christoph "Stofferl" Well: Nach einem Neujahrskonzert mit den Gießener Symphonie-Orchester hab ich einmal zur Entspannung auf meiner Harfe einen Blues so vor mich hingezupft und aufgenommen. Nach dieser Improvisation dachte ich mir, dass es schade ist, wenn der schon nach vier oder fünf Minuten aufhört. Gleichzeitig wollte ich das Benefiz-Projekt, mit dem ich von meinem Wohlstand etwas zurückgeben kann, nicht allein stemmen, sondern mit Musikern, die ich schätze und mit denen ich gerne zusammen spiele.

Sie legen bei Ihrem Album viel Wert auf Dramaturgie und klangliche Zusammenhänge.

Ich dachte mir, ein zwölftaktiger Blues ähnelt einem Landler, eine feste Form, die ich durch alle Tonarten mäandern lassen kann. Ich hab dann eine Partitur angelegt. Der nächste Schritt war den einzelnen Musikern eine Tonart zuzuordnen. Die Vorstellung dahinter war, die einzelnen Stücke wie Perlen an einer Schnur aufzufädeln und durch meine durchgehende Harfenstimme zu verbinden.

Für Ihr Album haben Sie, unter anderem, erneut mit den Toten Hosen zusammengearbeitet. Wie kam es zu dieser spektakulären Wahlverwandtschaft zwischen Punkrock und Volksmusik?

Das ist der der erste Blues, den die Toten Hosen machen. Und Campino hat sich wirklich als großartiger Bluessänger entpuppt. Er singt auch in seiner Muttersprache, also Englisch. Kennengelernt haben wir uns beim Anti-WAAhnsinns-Festival im Juli 1986 in der Oberpfalz. Die Toten Hosen hatten ihren Auftritt vor uns. Wir haben hinter der Bühne zusammen Fußball gespielt. So haben wir uns angenähert und dabei festgestellt, dass wir eigentlich vom Herzen, aus tiefster Seele 1860-München- und Fortuna Düsseldorf-Symphatisanten sind. Ich habe damals das erste Mal in meinem Leben Punk gehört und mir gedacht, das sind fünf Burschen, die sind Brüder im Geiste.

Mit 18 Jahren avancierten Sie zum Solotrompeter der Münchner Philharmoniker unter dem legendärem Chefdirigent Sergiu Celibidache. Sie mussten diesen Traumjob wegen Ihrer Herzkrankheit aufgeben.

Bei meiner Geschichte ist jeder Tag quasi wie eine Zugabe. Ich lebe praktisch jetzt mit 45 Jahren Zugabe. Normalerweise wäre ich mit meinem Herz keine 15 Jahre alt geworden. Ich war damals einer von den Ersten, der eine künstliche Herzklappe bekam im Münchner Herzzentrum. Das war 1973, als es gerade gegründet war. Ich hatte ein Loch in der Herzscheidewand, deswegen ist meine Herzklappe kaputt gegangen.

Und Sie haben trotzdem weitergespielt?

Das Trompetenspielen war praktisch damals mein Überlebensmittel, da es durch den Überdruck in der Lunge das Blut, das sich in der Lunge staute, wieder ins Herz zurückpresste. Celibidache hat dann gemeint, ich soll ein Instrument lernen, das weniger anstrengend ist. Denn er hatte Angst, wenn ich etwa ein Fortissimo raushau’, dass ich das nicht überlebe. Er bezahlte ein Stipendium zum Harfestudium, jeden Monat 1.000 Mark. Zu der Zeit sind wir als Biermösl Blasn aber bereits erfolgreich mit Gerhard Polt in den Münchner Kammerspielen mit "München leuchtet" aufgetreten. Das war unser erstes festes Theaterengagement. Und wir konnten davon leben. Und mit 21 Jahren habe ich bei den Münchner Philharmonikern gekündigt.

Begleitet von vier Solisten der Staatsoper und der Münchner Philharmoniker treten Sie immer wieder mit Mozarts Bäsle-Briefen auf.

Mozart ist mein lieber Gott der Musik. Da stimmt alles. Du kannst nicht einmal einen Akkord umdrehen. Jeder Ton ist an der richtigen Stelle, und die berüchtigten Bäsle-Briefe sind voller Humor und Gaudi. Ich lese die Briefe, und das Bäsle-Quartett spielt seine Flötenquartette, die ungefähr in der gleichen Zeit wie die Briefe entstanden.

Bei Ihren Auftritten tragen Sie fast immer Lederhosen. Wie ist Ihr Verhältnis zur Tracht?

Ich überlasse meine Lederhosen oder meine Trachtenjoppen nicht Leuten, die sie politisch instrumentalisieren und missbrauchen. Wenn Hitler damals in Lederhosen auf dem Obersalzberg stand, wollte er damit sicher Volkstümlichkeit suggerieren. Und eine Partei wie die CSU hat unsere kulturelle Identität nicht für sich gepachtet. Und es gibt ja noch die witzige Geschichte von Oskar Maria Graf. Als der Antifaschist und Pazifist 1958 aus dem New Yorker Exil nach München kam und bei seiner Lesung zur 800-Jahr-Feier von München im wiederaufgebauten Cuvilliés-Theater in der Lederhose auftrat, kam es zum Eklat. Sogar sein alter Freund Erich Kästner weigerte sich, die Laudatio zu halten. Die ehrwürdige und prunkvolle Atmosphäre passe mit einer Krachledernen einfach nicht zusammen, hieß es. Graf meinte darauf, ob sie etwa einem Inder, wenn er dort spräche, die landesübliche Kleidung verbieten würden und ob sie etwa wünschten, dass ein Anzug droben säße oder ein Autor. Graf war mir schon immer ein Vorbild. Er und Feuchtwanger haben das Bairische wirklich erfasst.

Die Familie hat Ihre musikalische Laufbahn geprägt. Mit drei Jahren sind Sie zum ersten Mal mit Eltern und Geschwistern aufgetreten.

Wir haben bei Vereinsfesten, Weihnachtsfeiern vom Obst- und Gartenbauverein sowie Feuerwehrjubiläen solchen Sachen gespielt. Wir waren im VW-Käfer unterwegs oft zu siebt, acht, samt Harfe. Ich bin wie ein Dackel unten, neben der Schaltung, bei den Füßen meiner Mutter gesessen.

Gerhart Polt hat vor kurzem von Ministerpräsident Markus Söder den Bayerischen Verdienstorden bekommen. Wie stehen Sie dazu?

Ja, endlich. Der Sozialdemokrat Wilhem Högner, der "Vater der Bayerischen Verfassung" und ein glühender Nazi-Gegner, hat die Auszeichnung ins Leben gerufen. Warum sollte man den ablehnen? Schließlich verleiht ihn nicht die CSU, sondern der Freistaat Bayern, und überhaupt: Der Orden sucht unerbittlich seine Träger.

Aber Sie haben noch keinen?

Ich habe letztes Jahr von der Bayerischen Akademie der schönen Künste den Wilhelm Hausensteinpreis bekommen, was mich sehr gefreut hat. Als Biermösl Blosn hätten wir den bayerischen Kulturpreis bekommen. Aber den haben uns in den 1990ern die CSU und die Republikaner verweigert. Die 10.000 Mark Preisgeld hätten wir den Gegnern der Isentalautobahn spendiert. Den Widerstand hat’s genau so lang gegeben wie unsere Gruppe, seit 1976. Wir haben die Initiative über 40 Jahre lang begleitet. Jetzt ist die Autobahn trotzdem gebaut worden.

Konflikte gab es damals auch mit dem Bayerischen Rundfunk, sogar einen Sendeboykott, nachdem Sie die bayerische Hymne zu "Gott mit dir, du Land der Baywa" umdichteten. Heute haben Sie eine Sendung. Wie beurteilen Sie diese Wandlung?

Das Klima ändert sich und der BR ist Gott sei Dank nimmer das, was er einmal war. Ich strawanz’ für ihn in Bayern umher, und jeden ersten Sonntag im Monat mach ich eine Radiosendung in BR-Heimat, was mir wirklich großen Spaß macht. Gewisse Feindbilder muss man manchmal auch überdenken. Selbst die CSU ist nicht mehr die von Franz Josef Strauß, unter dem wäre der Maskendeal nicht aufgeflogen.

Also eine Versöhnung mit der CSU?

Nein nein, eher ein wachsames Beobachten. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mehr über ihre Politik und Arroganz an der Macht aufrege, aber mit der Zeit wird man gelassener. Wenn du 60 Jahre spielst, dann siehst du schon Veränderungen, und für das, was man nicht ändern kann, gibt’s den Humor. Der ist Notwehr gegen die Unabänderlichkeiten des Lebens wie den Tod, AfD, FCB, CSU und Corona. Der Gerhard Polt sagt immer: Wir resignieren nicht, und wenn doch, dann vital.

Lassen Sie uns noch kurz über das Ende der Biermösl Blasn reden.

Naja, aufgelöst haben wir uns ja nicht. Wir haben uns mit dem Karli um ein Drittel erneuert. Ehrlich gesagt, bin ich ganz froh, weil ich als Mitglied der Wellbrüder aus’m Biermoos mehr Zeit für so schöne Projekte wie die neue CD "Open Harp Blues" habe.