Ich weiß ganz genau, dass meine Oma und meine Mutter wieder einschalten werden", sagt Hashiyasume Atsuko. "Aber diesmal kann ich leider nicht mitmachen, ich steh dann ja selbst auf der Bühne!" Und ihre Bandkollegin Momoko Gumi Company gesteht: "Seit Jahren wollten wir immer dabei sein!" Als Mitglieder der Punkband BiSH geben sich die jungen Frauen eigentlich aufmüpfig und unbeeindruckt. Aber was ihnen nun bevorsteht, bringt doch noch Lampenfieber: "Es wird unser erstes Mal sein. Natürlich sind wir aufgeregt!"

Für die sechs Sängerinnen von BiSH und 37 weitere Stars aus dem japanischen Showgeschäft steht am Silvesterabend der Ritterschlag bevor. Dann treten sie bei "Kouhaku uta gassen" auf, was sich mit dem eher unspektakulären Titel übersetzen lässt: "Singwettbewerb zwischen Rot und Weiß". Aber wenn so eine Einladung kommt, übertrumpft für alle Kunstschaffenden im Land - ob Rapper, Punkmusiker oder klassische Interpreten - Tradition die Coolness. Das Dabeisein bei diesem Event bedeutet denn auch, dass das zurückliegende Jahr geschäftlich gut gelaufen ist.

Beim Jahresendevent wird fast ganz Japan zusehen. Wohl keine TV-Show blickt auf eine längere ungebrochene Geschichte zurück als "Kouhaku uta gassen", das seit den 1950er Jahren jährlich ausgestrahlt wird und alle Generationen zum gemeinsamen Hören und Summen in diversen Genres einlädt. In Popularität und Funktion ähnelt es jener der Sendung "Dinner for One" im deutschsprachigen Raum: Man schlägt Zeit tot, bis das Jahr endlich rum ist.

Kaum wilde Partys

Dabei spielt sich der Jahreswechsel im ostasiatischen Land anders ab als im Westen. Hier gibt es kaum wilde Silvesterpartys mit viel Drogenkonsum. Die Norm ist ein ruhiges Beisammensein mit der Familie in der Heimat. Man geht zu einem Schrein der Urreligion Shinto, um die Götter mit einem Ritual von Münzgabe bis Verbeugung um ein erfolgreiches nächstes Jahr zu bitten. Am Abend aber befinden sich die meisten Familien vorm Fernseher: Von 19.15 Uhr bis kurz vor Mitternacht läuft viereinhalb Stunden lang "Kouhaku".

Dabei ist die Pandemie nun eine große Chance für das Programm. Wie in allen Ländern, wo sich das Internet verbreitet und der Medienkonsum diversifiziert hat, müssen TV-Sender um Einschaltquoten kämpfen. Gerade öffentliche Rundfunksender stehen unter Rechtfertigungsdruck, auf welche Weise sie dies mit ihrem gebührenfinanzierten Programm tun. NHK, der japanische Kanal in öffentlicher Hand, strahlte im Sommer die höchst kontroversen Olympischen Spiele von Tokio aus, hatte dafür reichlich Sendezeit freigeschaufelt.

Zudem nahm die Popularität von einstigen Dauerbrennern wie "Kouhaku" zuletzt ab. Im ersten Pandemiejahr 2020 aber zwang der Quasi-Lockdown, der auch Japan ergriffen hatte, selbst die Jugend wieder vor die Fernseher. So besteht nun die Hoffnung, diese verlorengeglaubte Zuschauergruppe wiederzugewinnen. Auch deshalb sind bei jungen Menschen beliebte Gruppen wie BiSH zur diesjährigen Show eingeladen, die sich wiederum auf das ältere Publikum freuen - um auch dort neue Hörer zu gewinnen.

Männer oder Frauen?

Jedenfalls scheint man seit der Pandemie wieder mehr über das Programm zu sprechen. Man zerreißt sich die Mäuler über die Liste teilnehmender Berühmtheiten, welche Dauergäste nicht mehr eingeladen wurden und nun offenbar out sind, welche Lieder wohl gesungen werden und wer am Ende gewinnen wird. Die Männer oder die Frauen? Denn die Sendung, die in der Nachkriegszeit zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, ist immer auch Geschlechterkampf.

Eingeteilt in eine rote und eine weiße Truppe, tragen je eine Gruppe aus Frauen und Männern aus der Musikbranche vorab ausgewählte Hits vor, deren Performance dann von einer Jury und dem Publikum bewertet wird. Auf eine Weise hat das ganze Event Ähnlichkeit mit dem ebenso japanischen Entertainmenthit Karaoke, wo sich Leute privat zum Singen mit Mikrofonen treffen - und wo direkt danach entschieden wird, wie gut man war.

Positive Nebeneffekte

Das Showgeschäft drumherum beschränkt sich wiederum nicht auf den TV-Sender NHK. Sobald das Teilnehmerfeld erklärt ist, diskutieren selbst ernannte Experten und Fans in Zeitungen und Radio, wer der Favorit ist. In diesem Jahr rechnet man wohl überwiegend der roten Gruppe mehr Chancen zu, also den Frauen. Die bestehen neben BiSH nämlich aus der höchst beliebten Girlgroup Sakurazaka46 sowie Sayuri Ishikawa, eine Ikone des traditionellen Enka, eine Art japanischer Schlager.

Die wahre Siegerin könnte aber die japanische Bevölkerung sein. Denn auch wenn viele Musikliebhaber im Land die Sendung eigentlich kaum ausstehen können, weil alle möglichen Genres wie ein Medley vorgetragen werden, könnte das pandemiebedingt indirekt erzwungene Hinsehen dazu beitragen, eine nächste, von Omikron angetriebenen Infektionswelle vorzubeugen. Das wiederum könnte zu einer baldigen Öffnung der Landesgrenzen führen, wodurch irgendwann wieder der Tourismus florieren würde. Und bei niedrigen Infektionszahlen kann sich auch die kämpfende Konzertbranche wieder auf volle Arenen freuen.