"Ich will eine heile Welt, die eine Weile hält", deklamiert eine Stimme - sie gehört Günther Paal - am Anfang. Und "Eine heile Welt!", Rufzeichen, verheißt die Familie Lässig denn auch programmatisch im Titel ihrer zweiten LP. Ganz so wirklich spielt’s das nicht, denn wir begegnen im Folgenden Schwurblern, korrupten Herzen und dem letztendlich ja zerstörerischen Wirken der Zeit. Aber es ist jedenfalls bezaubernd. Wie es schon das Debüt- Album "Im Herzen des Kommerz" war.

Per definitionem ist die Familie Lässig eine österreichische Supergroup. Jede/r der Akteure hat bereits eine ansehnliche Karriere hinter sich: Sänger/Gitarrist Manuel Rubey war Frontmann der Band Mondscheiner und ist als Film- und Bühnen-Darsteller bekannt. Multiinstrumentalist und Sänger Boris Fiala spielte mit ihm bei Mondscheiner und ist ein gefragter Auftragskomponist für Film, Fernsehen und Theater. Sängerin/Gitarristin Clara Priemer-Humpel ist als Singer/Songwriterin Clara Luzia Amadeus-preisgekrönt. Ihre Ehefrau Catharina Priemer-Humpel spielt bei Clara Luzia Schlagzeug. Günther "Gunkl" Paal kennt man als Kabarettisten; er ist aber auch ein fähiger Bassist mit imposant tiefer Sanges-Stimme. Sänger/Gitarrist Gerald Votava schließlich ist ein Mann der tausend Eigenschaften und Fähigkeiten: Radio-Moderator, Kabarettist, Schauspieler, Pop-Entertainer, Rock-Rampensau, Singer/Songwriter.

Veritabler Kult-Status

Diese Konstellation war ursprünglich - damals noch ohne Clara Luzia - für einen einzigen Benefiz-Auftritt am 1. Jänner 2014 zugunsten des Asylwerber unterstützenden Vereins Purple Sheep im Wiener Stadtsaal zusammengetrommelt worden. Dass sie jetzt schon satte acht Jahre hält und sich, wie es allenthalben heißt, eines veritablen Kult-Status erfreut, sei, so erzählt Gerald Votava im "Wiener Zeitung"-Interview, nie und nimmer geplant gewesen: "Wir hatten nie überlegt, wie lang das geht und was das können muss. Dass wir jetzt durch Österreich fahren und schöne Konzerte haben, ist einfach nur ... erfreulich."

Ursprünglich bestand das Repertoire des Ensembles ausschließlich aus (meist deutschsprachigen) Coverversionen, u.a. von Georg Danzer, Element of Crime, Funny von Dannen, Udo Jürgens, Stefanie Werger oder Herbert Grönemeyer. Wie jedoch der Einstieg Clara Luzias einen gewissen Schub an Ambition auslöste, mischten sich eigene Songs ins Programm. Bereits das Debütalbum besteht großteils aus Originalen, schmückt sich allerdings noch ziemlich üppig mit Querverweisen und Zitaten (Stones, Pixies u.a.).

Auf "Eine heile Welt!" finden sich nur mehr zwei Covers: Eine kompetente Deutung des alten Sterne-Songs "Risikobiographie" und Brittas "Büro Büro", das in Humpels Intonation jenen klassischen Pop-Belcanto-Schmelz annimmt, der uns die 50er Jahre und ganz frühen 60er Jahre so anheimelnd als Zeitalter der Unschuld - heile Welt eben! - erscheinen lässt. "Auf der Platte sind ein paar Lieder, die wir schon live gespielt haben", erklärt Votava, "der größere Teil ist aber neu."

"Eine heile Welt!" ist ein ziemlich typisches Zweitlingswerk: Das im Erstling noch fallweise grassierende Ungestüm ist zurückgefahren, die Arrangements sind runder, etwas vielseitiger und poppiger. An den stilistischen Determinanten hat sich nicht dramatisch viel geändert: "Sommer" ist Powerpop, wie er schon in "Die Erinnerung" gut funktioniert hat. "Wichtig" ist, wenn auch nicht ganz so umwerfend absurd-witzig wie "Melancholie", die philosophische Gunkl-Ballade; "Mein Herz ist korrupt", eines jener leicht abgründigen Stücke, für die Votava ein Faible zu haben scheint. Neu ist eine gewisse Affinität zum Schlager. Anders als bei Fuzzman wird dieser von der Familie allerdings nicht geradewegs anvisiert - eher ist es ein Abdriften, und hinter dem furchtlosen Gewährenlassen der unheimlichen Begegnung lässt sich ein vergnügtes Kichern ahnen.

"Ca- Ca- Ca- Catharina, du bist wie grüner Veltliner", sagt der Refrain von "Catharina", der melodisch übrigens haarklein dem von Johnny Cashs "Ring of Fire" gleicht. Indessen beherbergt das vermeintliche Stück Trash eine tiefe Liebeserklärung Humpels an Priemer und ein glühendes Ringen um Intensität: "Wenn der Mond aufgeht / und die halbe Welt stillsteht / sinke ich in deine Arme / Wir haben so lange nicht / gefeiert bis der Tag anbricht / lass uns singen, tanzen, trinken".

Selbst die Sache mit dem Grünen Veltliner hat ihre emotionale Richtigkeit, denn Humpels Familie betreibt in Niederösterreich ein Weingut und ihre Lebenspartnerin dürstet es dem Vernehmen nach gerne nach jenem beliebten Weißwein. Priemer wiederum zeigt im ebenfalls entzückenden "Besserwisser" Verschwörungsphantasten und solchen, die es werden wollen, den Mittelfinger. Sehr schön auch, zum Abschluss, das existenzialistische "Es kommt der Tag", ein altes Stück, das Votava aus seinen Archiven geholt und etwas abgeschliffen hat.

Illusionslose Bilder

"Es kommt der Tag" würde, abgesehen vom hochdeutschen Idiom, inhaltlich und ideell gar nicht schlecht in den finalen Teil einer weiteren sehr bemerkenswerten Platte passen, die Gerald Votava in diesem Winter veröffentlicht hat: Unter dem Titel "A schenes Lem!" (wieder Rufzeichen) interpretiert er 22 späte Dialektgedichte der großen, 2018 verstorbenen Autorin Christine Nöstlinger.

Texte, die sich nicht wie ihre erfolgreichsten Arbeiten primär an Kinder und Jugendliche richten, sondern ein nüchtern-illusionsloses Bild eines für touristische Schönbilder ganz und gar untauglichen Wien zeichnen und von Menschen erzählen, denen das Schicksal lausige Karten zugespielt hat. "Anfangs geht man durch die Stadt, mit dem Fokus auf den Gemeindebau. Dann lernt man einige Menschen kennen, und am Schluss kommen die persönlichen Texte, die sich mit Abschiednehmen und Sterben auseinandersetzen", erläutert Votava die Dramaturgie der Platte, die er, lediglich von einem Metronom und der Harmonika Walter Soykas begleitet, an Mikro und Akustikgitarre realisiert hat.

Die Genese des Projekts reicht bis 2011 zurück, als Nöstlinger von der damaligen Unterrichtsministerin Claudia Schmied mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet wurde: Bei der Feier im Unterrichtsministerium sang Votava einen Text der Dichterin. So kam man ins Gespräch und blieb fortan in Kontakt. 2012 wirkte Votava an einer Dramatisierung von Nöstlinger-Lyrik mit, die unter dem Titel "Iba de gaunz oamen Leit" über die Bühne des Rabenhof ging. 2016 spielte er in "Maikäfer, flieg!", der Verfilmung von Nöstlingers Kriegserinnerungen, ihren Vater. 2018 schließlich überreichte ihm Nöstlinger einen Packen mit eben jenen 22 Gedichten (die posthum unter dem Titel "Ned, dasi ned gean do warat" auch als Buch im Verlag Residenz erschienen sind). Bei der Festwocheneröffnung im selben Jahr performten Votava und Ursula Strauss eine Auswahl daraus in musikalisch arrangierten Rezitationen.

Nach dem Tod der Autorin im Sommer 2018 ließ Votava erst einmal drei Jahre verstreichen, ehe er an die Vertonung der Texte ging: "Drei Trauerjahre nach dem Tod eines Menschen machen für mich irgendwie Sinn. Überhaupt wenn gravierende Lebensänderungen passiert sind - wenn man drei Mal den Jahreskreis durchgegangen ist, hat man was verarbeitet."

Nun war 2021 nicht unbedingt das allergünstigste Jahr, um eine solche Arbeit in Angriff zu nehmen. Diverse Lockdowns und pandemische Einschränkungen machten etwaige Gedanken an eine etwas aufwendigere Produktion rasch zu Makulatur. Im Endeffekt aber erweist sich just die spartanische Vertonung, die bei den für Ende Jänner geplanten Live-Auftritten im Rabenhof durch das Schlagzeug Maria Petrovas verstärkt werden wird, als der beste Botschafter der Gedichte.

Klar und puristisch

Votavas lakonische, im wahrsten Wortsinn lässige, hin und wieder ("I schea mi ned") entfernt an Georg Danzer erinnernde Interpretation lässt auch kleinsten und feinsten sprachlichen Nuancen, inhaltlichen Verschiebungen und Stimmungen Luft zum Atmen. "Die Lieder folgen strikt den Texten", sagt Votava. "Ich habe versucht, dem Klaren und Puristischen der Sprache zu entsprechen. Und so fand ich diese reduzierte Form die richtige. Es war mir wichtig, nicht von mir aus zu viel Emotion dazuzugeben und niemanden anzuschreien (lacht). Ich habe auch nicht in die Texte eingegriffen. Bei einem einzigen Lied, ,Bei uns im Bau‘, habe ich vier Zeilen wiederholt, um eine Art Refrain anzudeuten."

Resümierend - um auf die zeitliche Distanz zurückzukommen - lässt sich konstatieren, dass Christine Nöstlingers Beobachtungen der Stadt und der darin lebenden Menschen nichts an Gültigkeit verloren haben. So gravierend ändert sich in drei Jahren die gesellschaftliche Großwetterlage nicht. Natürlich konnte Nöstlinger noch nichts von der Pandemie wissen. Dass und warum Männer ihre Frauen umbringen, warum Frauen sich von ihren Männern schlagen und demütigen lassen, die Ressentiments gegen Ausländer wegen ihrer "Fremdartigkeit", die Zerstörung von Menschenleben durch desolate Familienverhältnisse - diese Themen aber haben an Dringlichkeit nicht verloren, eher noch zugenommen.

Humor, wie er sich in der hintergründigen Betrachtung eines Frauenhelden, der auf seine Weise bei jedem seiner Schäferstündchen Russisches Roulette spielt, oder in einem sarkastischen Wortspiel mit dem Adjektiv "herzlos" manifestiert, funktioniert unter solchen tristen Szenarien als milder Stimmungsaufheller. Das alles klar vermitteln zu können, spüren und verstehen zu lassen - das ist die große Leistung des Interpreten Gerald Votava.