Gerade noch saß Chan Marshall alias Cat Power mit Steve Shelley von Sonic Youth in New York in einem Kellerstudio, um ihr Debütalbum "Dear Sir" und gleich auch dessen Nachfolger "Myra Lee" einzuspielen, schon sind 27 Jahre ins Land gezogen und die US-Musikerin veröffentlicht wenige Tage vor ihrem 50. Geburtstag ihr elftes Studiowerk. Oder wie es darauf mit einer Coverversion von Bob Segers zart sentimentalem bis ziemlich nostalgischem Song "Against The Wind" von 1980 heißt: "It seemed like yesterday / But it was so long ago ..."

Zwar hat man die am 21. Jänner 1972 in Atlanta, Georgia, geborene Sängerin spätestens seit ihrem Durchbruchsalbum "Moon Pix" von 1998 sowie auf Meisterwerken wie "You Are Free" (inklusive der Jahrhundertnummer "Good Woman") von 2003 oder dem in Richtung Memphis Soul gebrachten "The Greatest" von 2006 als konzise Songwriterin kennengelernt. Seit den reduzierten Neudeutungen mit Gesang und Klavier oder zu sanfter Gitarrenbegleitung von "The Covers Record" aus dem Jahr der Jahrtausendwende hat sie sich aber auch einen Ruf als hervorragende Interpretin von Fremdmaterial erarbeitet. Nach dem 2008 erschienenen "Jukebox" ist das soeben bei Domino Records veröffentlichte "Covers" gewissermaßen der vorläufige Endpunkt einer rückwirkend ausgerufenen Trilogie.

Programmatischer Auftakt

Anders als beim ersten Teil der Serie ist Chan Marshall diesmal wieder mit einer Band ins Studio gegangen, um den Großteil der Songs voll auszuinstrumentieren. Selbst produziert und an nur vier Tagen eingespielt, wurde dabei einmal mehr viel Wert auf den eigentlichen Wortsinn des Interpretierens und (Neu-)Deutens gelegt: Wie man gleich eingangs mit einer Version von Frank Oceans "Bad Religion" aus seinem vor zehn Jahren vorgelegten Album "Channel Orange" überprüfen kann, hat die Frau nach wie vor große Lust, sich möglichst weit vom Original zu entfernen. Inhaltlich erweist sich der Song ohnehin als programmatisch für die folgenden 43 Spielminuten: "Taxi driver / Be my shrink for the hour / Keep the meter running / Take every street if you wanna / Just outrun these demons, could you?"

Schließlich hat sich Cat Power oft auch als Zerrissene präsentiert, deren mitunter abgebrochene Konzerte zu öffentlichen Therapiesitzungen wurden. Eine der Ursachen dafür war, dass der in den diversen Originalvorlagen des Albums thematisierte Zug der Protagonisten zur Bar und dessen Ursachen und Folgen zwischen Betäubung und Selbstzerstörung auch Chan Marshall alles andere als fremd sind.

Innere Dämonen

Sagen wir so: Ein klassischer Feelgood-Song ist auf "Covers", auf dem man die längst selbst zur Wegbegleiterin für ihre Fans gewordene Musikerin dabei hört, wie sie sich ihren eigenen musikalischen Wegbegleitern zuwendet, definitiv nicht zu finden.

Eher geht es im hübsch abgedunkelten "Unhate" (Cat Power covert Cat Power!) ebenso um innere Dämonen wie in "A Pair Of Brown Eyes", einem im Hochpromillebereich angesiedelten alten Song von Shane MacGowan und seinen diesbezüglich bestens geeichten Pogues. Aber auch das verträumt allein an der clean gespielten E-Gitarre gegebene "These Days", geschrieben vom US-Songwriter Jackson Browne und bekannt geworden durch die deutsche Trauerfürstin Nico, steht anderen Songs über, nun ja, etwas patscherte Leben wie etwa "Here Comes A Regular" von den Replacements um nichts nach.

Die stilistische Bandbreite der Originale führt uns zwischen einem alten Fiebertraum von Nick Cave ("I Had A Dream Joe"), dem kämpferisch gestimmten "Pa Pa Power" von den Dead Man’s Bones, der Band des US-Schauspielers Ryan Gosling, oder dem bettschweren "White Mustang" von Kollegin Lana Del Rey aber auch noch hin ins wilde Countrystan: Bei "It Wasn’t God Who Made Honky Tonk Angels" überzeugt Cat Power zu Kontrabass und Fingerschnippern im "Fever"-Stil sowie zu einer tief im Hinterland geerdeten Pedal-Steel-Gitarre mit einem Song, der es in sich hat: Die historisch erste je von einer Frau gesungene Nummereins in den US-Country-Charts war gleich auch ein offenkundiges feministisches Manifest, das im fernen Jahr 1952 Pionierarbeit leistete und den Weg für bald nachfolgende Interpretinnen wie Loretta Lynn und Dolly Parton ebnete.

Am Schluss des rundum gelungenen Albums steht dann ein Trauergesang: Der nicht zuletzt in der Version von Billie Holiday bekannte Standard "I’ll Be Seeing You" ist dem französischen Produzenten Philippe Zdar gewidmet, der 2019 bei einem tragischen Unfall ums Leben kam.