Kate Bush. Peter Gabriel. Syd Barrett. Elton John. Cat Stevens. Nick Drake. PJ Harvey. Van Morrison. Donovan. Natürlich John Lennon, Paul McCartney und George Harrison mit ihren solistischen Leistungen: Das United Kingdom kann durchaus mit einem ansehnlichen Kanon namhafter Singer-Songwriter aufwarten. Aber als Kernkompetenz der britischen Popmusik wird die Kunst des mehr oder weniger klassischen Liedermachens im Allgemeinen eher nicht wahrgenommen. Britischer Pop scheint mehr mit seinen wegweisenden Bands und seinen Trendsettern konnotiert. Ein David Bowie etwa wird allgemein stärker als Wegbereiter und Impulsgeber für Entwicklungen identifiziert denn als der geniale Songschreiber, der er auch sein konnte.

Dieser Perzeption, die zu einer gewissen Unterbelichtung seines Genres neigt, verdankt Elvis Costello mittelbar ein Quasi-Monopol als der britische Singer-Songwriter schlechthin. Vor allem amerikanische Kritiker huldigen dem Musiker halb irischer Abstammung, der, dick bebrillt, mit zerknautschtem Gesicht und ziemlich linkisch im Auftreten, aus dem Schatten der Punk-Bewegung heraustrat, um smarte, sarkastische Popsongs über Leute, die es "geschafft haben", die Rituale der Schicksen, über persönliche Frustrationen und nicht zuletzt das Einsickern faschistoider Denk- und "Lösungs"-Ansätze in die Gesellschaft scheinbar wie am Fließband zu schreiben.

Viele Stilwechsel

Seit den späteren 70ern hat der heute 67-Jährige mit dem bürgerlichen Namen Declan Patrick McManus viele Stilwechsel vollzogen - von Country über Rhythm & Blues und Jazz bis zur Klassik. Etliche Platten Costellos lavieren auch zwischen diesen Bereichen, so auch sein bisher letztes, sehr ambitioniertes Album "Hey Clockface" von 2020, auf dem er der Vergänglichkeit des Lebens mit einer vielseitigen musikalischen Umsetzung zwischen bisweilen nur spärlich strukturiertem Pop, gelegentlich aufbrausendem Rock und bemerkenswert stimmig interpretiertem Oldtime-Jazz Rechnung trug.

Auf seiner neuen, regulär 32., per Telekommunikation mit seiner langjährigen Begleitband The Imposters eingespielten LP, "The Boy Named If", wendet sich Costello dagegen spezifisch dem rohen, energetischen Sound seiner frühen Werke, wie "My Aim Is True" (1977) und "This Year’s Model" (1978), zu. Nicht im Sinn von Nostalgie, wie der Sänger und Gitarrist betont, nur könne man ohne Rückgriffe auf die Vergangenheit halt keine Kreativität aufbauen. "The Boy Named If" - das "If" bezeichnet übrigens eine Art Zwitter aus Doppelgänger und intimem Mitwisser - zeigt eine Person an der Schwelle zum Erwachsenwerden in all den Nöten und Peinlichkeiten, die dieser Übergang verursacht.

In speziellen, allem Anschein nach in unseren Breiten aber nicht erhältlichen Editionen ist der Platte ein illustriertes Buch beigelegt, in dem Costello jeden der 13 Songs mit einer dazu passenden Kurzgeschichte ergänzt, die erzählt, was vor oder nach dem Songtext liegen mag. In einem Interview mit dem deutschen "Rolling Stone" beeilt sich der Musiker zu versichern, dass jene, die nur die Platte haben, keineswegs eine minderwertigere Version des (Gesamtkunst-)Werks besitzen.

Dylaneskes Szenario

Wie es dem Thema angemessen ist, dreht sich "The Boy Named If" um Beziehungen, Schule (die klassische attraktive Lehrerin), Allmachtsphantasien, sexuelles Erwachen, Trennungsschmerz. Dass auch eine außereheliche Affäre vorkommt, hat durchaus seine Richtigkeit, denn Costello war schon früh (mit 20) verheiratet und Vater. Musikalisch vermag Costello, der sogar das eine oder andere Gitarrensolo wagt, in Songs wie "The Difference", "Mistook Me For A Friend", aber auch mit langsameren, wenn auch nicht weniger dichten Stücken wie dem Titelsong tatsächlich die für sein Frühwerk charakteristische Kombination aus Dynamik und großzügiger melodischer Wendigkeit zu revitalisieren.

Aber nicht alles ist Referenz an die eigene Vergangenheit: In "Trick Out The Truth", das gemütlich in einer Art Swing-Groove auf niedriger Frequenz daherschaukelt, zeichnet Costello ein surreales Panoptikum mit historischen Figuren, in dem Karl Marx mit den Marx Brothers zusammenkommt, Mussolini, Gustav Mahler, Myrna Loy und Helena, deren Entführung den Trojanischen Krieg ausgelöst hat, erscheinen. Ein Szenario, das gemeinhin dylanesk genannt wird.