Jetzt hat es also auch Tocotronic erwischt. Die deutsche Band oder besser gesagt ihr im Wesentlichen allein für alles Gesagte oder zu Sagende verantwortlicher Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow zeigt sich nach zwei Jahren im pandemischen Ausnahmezustand angekränkelt und, wie auch ein neues Lied heißt: "Leicht lädiert".

Den alten Veteranen der sogenannten Hamburger Schule zufolge handelt es sich bei den zwölf Songs ihres mittlerweile 13. Albums um Stücke "über allgemeine Verwundbarkeit, seelische Zerrissenheit und existenzielles Ausgeliefertsein (...), über Einsamkeit und Angst, aber auch über Träume und Liebe".

Der Albumtitel "Nie wieder Krieg" als Zitat der 1945 verstorbenen deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz drückt also nicht die Angst vor einer bewaffneten Auseinandersetzung aus, die möglicherweise drohen könnte. Sie bezieht sich auf die inneren Abgründe und äußeren Gräben, die schon bestehen. "Nie wieder Krieg / Keine Verletzung mehr": Bereits die titelgebende Vorabsingle zum Auftakt ist die Tocotronic-Variante einer liturgischen Handreichung, die Versöhnung anstrebt, das zuletzt missbrauchte und insofern missverständliche Wort "Spaltung" aus naheliegenden Gründen aber erfolgreich vermeidet.

Die 1993 gegründete Band ("Wir kommen, um uns zu beschweren") hat sich in ihrer Laufbahn schon früh für ein klares Ja zum Nein entschieden. "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen", "Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen", "Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben", "Aber hier leben, nein danke", "Die Revolte ist in mir" ... Und sie steht auch heute noch für ihre Haltung ein, selbst wenn nach vergangenen Sturm-und-Drang-Zeiten mit aufgedrehten Schrammelgitarren und zerschlissenen Trainingsjacken aus dem Second-Hand-Shop längst auch in Sakkos und Hemden von feschen Designern altersgesetzte Balladen erlaubt sind oder mittlerweile ein mitunter zärtlicher Grundton die Lieder bestimmt. Jedenfalls ist mit dem widerborstig-quengelnden "Jugend ohne Gott gegen Faschismus" auf "Nie wieder Krieg" noch eine weitere explizite politische Standortbestimmung dabei, bei der es nicht von ungefähr in Anlehnung an Ödön von Horváth wieder ordentlich kracht und scheppert.

"Nie wieder Krieg"-Albumcover. 
- © Universal Music

"Nie wieder Krieg"-Albumcover.

- © Universal Music

Abgesehen von den Parolen, die immer schon das bisweilen beste an den Songs von Tocotronic waren - Stichwort: "Pure Vernunft darf niemals siegen!" -, durfte man sich Dirk von Lowtzow allerdings noch nie als Marktschreier vorstellen. Davon kündete im Jahr 2010 mit "Im Zweifel für den Zweifel" nicht zuletzt ein weiterer markanter Songslogan. Neue Zeilen wie "Ich gehe unter ferner liefen in die Geschichte ein" und vor allem auch "Das ist ein Hilfeschrei / Es gibt mich immer noch / Ich bin noch nicht vorbei" aus "Ich gehe unter", einem klassischen Tocotronic-Song, wie er bereits sehr oft, oft aber auch schon wesentlich besser geschrieben wurde, sollte man vor diesem Hintergrund nicht exklusiv als SOS aus der Quarantäne hören.

Immerhin befindet sich Dirk von Lowtzow als ex-adoleszenter Schrammelrocker und heutiger Rock-Silberrücken mit 50 Jahren in einer besonders für musikalische Identifikationsfiguren herausfordernden Lebensphase. Gerade noch 2015 hat der Mann im Song "Die Erwachsenen" die reichlich ungelenken Zeilen "Man kann den Erwachsenen nicht trauen / Ihr Haar ist schütter, ihre Hosen sind es auch" zu Papier gebracht, schon regieren auch realbiografisch althergebrachte Best-Ager-Sorgen. Leider ist gegen die der Berufsgruppe der alternden Dichterfürsten ("Mehr Licht!") bestens vertraute innere Unruhe noch immer kein Kraut gewachsen: "Da ist dieses Zucken / Das nachts in ein Beben übergeht / Panikattacken / Auch wenn kein konkreter Grund besteht / Als ob mir der Tod ins Herz geschrieben wird."

Gewöhnlicher Weltschmerz und etwas spezielleres Herzeleid auf Spuren des Melusinenmythos kommen auf dem Album aber auch vor. "Ich tauche auf", dramaturgisch durchdacht an "Ich gehe unter" gereiht, ist eine dieser erwähnten altersgesetzten Balladen, die bei Tocotronic sehr schnell ins Prätentiöse kippen, im Duett mit Anja Plaschg alias Soap&Skin ihren Reiz allerdings nicht verfehlen. Hübsch auch das semiakustische "Hoffnung" mit spätem Tand wie gut in Rotwein geschmurgelten Streichern, "Ein Monster kam am Morgen" mit an Ennio Morricone geschulten Twang-Gitarren und Glockengeläut sowie das sanft im Jangle-Sound schwingende "Crash" mit dramatischem Finale: "Aufprall! Koma! Das ist der Ernstfall!"

Wirklich dramatisch und in jedem Sinn schlimm wird es aber, wenn Dirk von Lowtzow sein "Aber hier leben, nein danke" in "Ich hasse es hier" auf die Banalitäten des Alltags herunterbricht. Das klingt dann so: "Wenn die Liebe endet / Ist es mitten in der Nacht / Ein Lichtschein, der mich blendet / Dringt aus meinem Tiefkühlfach / Dort liegt eine Pizza / Die ich aufzupeppen versuche / Mit Kräutern der Provence / Hab ich keine Chance."