Dass der Albumtitel tatsächlich auf eine skurrile Anekdote um den US-Popstar Beyoncé zurückgeht, kann nicht mit Sicherheit behauptet werden. Allerdings ist die Geschichte zu gut, um sie nicht trotzdem zu erzählen. Schließlich wurde die Sängerin vor dreieinhalb Jahren von ihrer ehemaligen Schlagzeugerin verklagt. Beyoncé hätte mittels "extremer Zauberei" nicht nur die Kontrolle über deren Finanzen erlangt, sondern auch ihre Katze getötet. Das Gericht zeigte sich unbeeindruckt. Für Fans hingegen sorgte später zumindest das visuelle Album "Black Is King" für eine Form von schwarzer Magie, die wiederum mit Schadenzauber und Verwünschungen exakt gar nichts zu tun hat.

Lust auf Gitarren

Das nun vorliegende neue und mittlerweile 14. Album von Mark Oliver Everett alias E und seiner im Wesentlichen aus ihm selbst bestehenden Band Eels jedenfalls trägt den Titel "Extreme Witchcraft". Gehext wird darauf zwar nicht, dafür darf man bei einer kurzen Neusichtung des Eel’schen Gesamtkatalogs anlässlich eines Songs aus dem Jahr 2014 über die prophetischen Fähigkeiten Everetts spekulieren. Immerhin erinnert das damals recht dystopisch angelegte gute Stück namens "Lockdown Hurricane" latent an unsere gegenwärtige Lage. "Don’t you see it? / We’re goddamn fools / We always had to break the rules ... / Honey, we’re in a Lockdown Hurricane!" Leider entzieht sich aber auch hier ein direkter Zusammenhang jeder Beweisbarkeit.

Gesichert ist hingegen, dass die Eels mit den zwölf neuen Songs endlich wieder Lust auf laute Gitarren haben, Stichwort munterer, mitunter auch ironisch gebrochener Schweinerock. Darauf ließen bereits die Produktionsbedingungen schließen. "Extreme Witchcraft" ist die erste Zusammenarbeit Everetts mit dem britischen Musiker, Songwriter, Produzenten und PJ-Harvey-Vertrauten John Parish seit dem Jahr 2001. Damals wurden die Eels nach frühen Großtaten wie dem als Debüt gereichten Selbstporträt "Beautiful Freak" (1996), der von Schicksalsschlägen geprägten Trauerarbeit "Electro-Shock Blues" (1998) sowie dem rekonvaleszent-melancholischen "Daisies Of The Galaxy" (2000) unter Starkstrom gesetzt.

Anders als auf "Souljacker" wurde diesmal aber nicht zuletzt pandemiebedingt via Dateiaustausch operiert. Wobei Everetts Nachtschichten in der von Bristol aus betrachtet fernen Zeitzone von Los Angeles einen entscheidenden Vorteil hatten. Nach getaner Arbeit war für den 58-jährigen Jungvater noch immer genug Zeit, das Frühstück für den Nachwuchs zuzubereiten. Auch wenn der Song "Strawberries And Popcorn" nicht über den morgendlichen Speiseplan, sondern das Abendessen im Hause Everett informiert, bleibt doch die Erkenntnis, dass nicht nur die Wege des Herrn, sondern vor allem auch die Ernährungsgewohnheiten junger Heranwachsender unergründlich sind.

Patscherte Leben

Das große inhaltliche Narrativ sucht man auf "Extreme Witchcraft" übrigens vergeblich. Dafür wird das Album weitgehend von Figuren bevölkert, die in ihrer Mischung aus manifester Hilflosigkeit und vorsichtigem Veränderungswillen auf Anhieb sympathisch sind. Fast überall zwischen dem garagistisch geschrammelten "Amateur Hour", dem mit einer Led-Zeppelin-Referenz auffahrenden "Good Night On Earth", dem hübsch patinierten Bluesrock von "Steam Engine" oder angefunkten Hybriden im Stile Becks ("Grandfather Clock Strikes Twelve") wird ordentlich gescheitert, verloren, sich blamiert - und trotzdem wieder aufgestanden. Wir bekommen also immer auch Einblicke in patscherte Leben, deren Protagonisten sich dabei eine gewisse Würde bewahren. Auch wenn dem Oberaal als "Stumbling Bee" im gleichlautenden Song vor allem Mitleid gewiss sein dürfte und eine üble Abfuhr in "The Magic" auf eine slapstickhafte Art und Weise schon beim Zuhören wehtut: "I saw you, you saw me / I saw you look away" - die Grenze zwischen Tragik und Lächerlichkeit ist fließend.

Gegen Ende des keinesfalls großen, aber soliden Albums mit eher nicht überambitioniert entlang der Dreiminutenmarke gebauten Songs treten anders als in der Lebensrealität des Jahres 2022 dann auch noch Menschen auf, die sich irren - und es sich eingestehen. Die Schwierigkeit wiederum, mit Aktivmaßnahmen gegen ein resignatives "Es ist, was es ist" vorzugehen, wird bei "What It Isn’t" schließlich auch mit musikalischen Extrempolen übersetzt. "I’m a fighter and survivor" - wobei wir wieder bei Beyoncé wären. Zauberei!