Es gibt nur wenige Bands, die es schaffen, die beiden Präfixe "Proto" und "Post" gleichzeitig zu bedienen. Die Swell Maps gehören dazu: als gelebter Widerspruch aus Proto- und Post-Punk, mit einem ordentlichen Anstrich von Avantgarde, Maschinenlärm, Glam und Krautrock. Was mit Worten beschrieben nach Kraut und Rüben klingen mag, war eine Gruppe neugieriger, englischer Bengel, die sich als tickende Zeitbomben zusammenrauften. Dieses Bandgefüge konnte nicht für immer halten, aber die Freundschaften gingen über die Trennung hinaus und bestehen teils bis heute. Doch zwei der Anfang der 1970er gegründeten Swell Maps - die Godfrey-Brüder, besser bekannt als Nikki Sudden und Epic Soundtracks - verstarben jung. "Wirklich tragisch", so der hagere Jowe Head, Gründungsmitglied und nunmehr Hauptposten der Band: "Sie sind beide vor ihren Eltern gestorben."

Es ist nun Jowe Heads Engagement geschuldet, dass Ende 2021 im Experimental-Tempel Café Oto in East London zwei Konzertabende stattfanden, die die Swell Maps wiederbelebten - mit alten Weggefährten und frischem Blut. In verschiedenen Konstellationen spielten sie sich unter Heads Leitung durch den Bandkatalog und bestanden den Test der Zeit knappe 50 Jahre später. Der Weg war ein langer.

Selbstbestimmt im Schlafzimmer

Eigentlich kamen die Swell Maps nicht aus London, auch nicht aus Birmingham, sondern aus dessen langweiligem Vorort Solihull. "Nachdem dort nichts los war, mussten wir uns selber unterhalten", meint der 1956er-Jahrgang Head und fügt eine kleine historische Fußnote über den Ausnahmekünstler Genesis P-Orridge der Industrial-Begründer Throbbing Gristle hinzu: "Der ging damals zur selben Schule wie Nikki und ich und machte schon Performances auf der Straße. Um die Leute zu erschrecken." Man darf sich eine Kreuzung aus Wiener Aktionismus, dröhnendem Okkultismus und englischer Provinz vorstellen. Angst.

Die Swell Maps lernten einander in der Schule kennen und trafen sich ab Anfang der 70er regelmäßig, um experimentell herumzufaxen und mit Kassettenrekordern mitzuschneiden. Mitspielte, wer Zeit hatte, es gab einen Pool mit knapp zehn Leuten: neben den bereits genannten vor allem Biggles Books, Phones Sportsman und Golden Cockrill; sie kollaborierten in verschiedenen Konstellationen. Die Swell Maps waren jene Ausgeburt dieser Teenage-Scharmützchen, die es zur größten Berühmtheit brachte. "Aber es war bei weitem nicht die einzige", sagt Head im Café Oto und sticht die Kuchengabel in seine Topfentorte. Zu ihren Instrumenten zählten Wasserleitungen und Staubsauger, die Percussion bestand anfangs aus Gerümpel und Töpfen. Nur langsam näherte man sich dem Equipment einer richtigen Band an und oszillierte im Bermudavieleck zwischen Glamrock, Buzzcocks, Can, Karlheinz Stockhausen und nicht verifizierbaren Kräften. Packende Hits mit Punk-Spirit wechselten mit Fabriklärm und wurden von Klavierminiaturen ummantelt. Nikki Suddens Stimme war nie auf Härte, eher auf surrealistisch verschrobenen Panikschritt getrimmt. Die Experimente entstanden im Schlafzimmer, in der Garage - später dann im Studio. Unabhängigkeit und der Do-it-yourself-Gedanke waren von Anfang an prägend für die Swell Maps: Schon ihre erste Single "Read About Seymour" gaben sie 1978 auf ihrem eigenen Label Rather Records heraus.

Das Debütalbum "A Trip to Marineville" (1979) erschien in Zusammenarbeit von Rather Records und Rough Trade und ist eine Verzahnung all dieser Zugänge: eine gelungene Quadratur des Kreises mit unbefleckter Chuzpe. Trotz der Lärmkaskaden wirkt das Album wegen seiner brillant hingerotzten Nummern zugänglich - und: Als hätte es damals im Studio ordentlich geschneit. Kein sauberes Kokain, sondern verklebtes Speed. "Das hab ich schon öfter gehört", sagt Jowe Head und schüttelt den Kopf, "aber wir waren nüchtern. Keine Drogen, kein Alkohol, höchstens Kaffee." Er nippt an seiner eigenen Tasse und fügt hinzu: "Das ist das, was ich immer sage. Aber nicht immer wird mir geglaubt." Tja. "Unsere Ideen purzelten heraus, wir waren jung, voller Adrenalin. Jeder Tag war zu kurz, die Aufnahmetapes waren nie lang genug." Auch der bis heute mythisch verehrte Radio-DJ John Peel war von Beginn an begeistert von dieser Mischkulanz, und es sollte für die Swell Maps zu drei Aufnahmesitzungen im Rahmen der Peel-Sessions kommen.

Nachdem sie Solihull entkommen waren, zerstreuten sich die Bandmitglieder über die Insel, erinnert sich Head: "Ich ging in Manchester auf die Kunsthochschule, die anderen machten dasselbe in Portsmouth und in Bath - nur Nikki nicht. Der arbeitete in einem Souvenirladen in London, das passte gut: null Engagement und viel Zeit, Songs zu schreiben." Einer davon behandelt das Kunststreben seiner Bandkollegen, das Nikki Sudden eher belächelte. Für den Eröffnungssong des Debütalbums komponierte er einen räudigen Ohrwurm namens "H.S. Art." "Ich hab ihn einmal gefragt: ‚Findest du den Titel nicht ein bisschen komisch?‘", sagt Jowe Head und fährt lachend fort: "Nikki sagte: ‚Lies mal verkehrt: Trash! Und das ist genau das, was ich von Kunst halte."

Leben in besetzten Häusern

Die Swell Maps waren viel eher an Soundexperimenten interessiert als am klassischen Rockkonzert. Aber wirklich alle Swell Maps? Nein! Wieder Sänger Nikki Sudden, der viel eher T-Rex und die Rolling Stones anbetete und andere Pläne für die Swell Maps hatte: Amerikatour, Showbiz, Erfolg statt spielerischer Selbst-Sabotage. Die Band wurde immer unrunder, einlullende Routinen ersetzten künstlerische Freiheiten, und die Swell Maps trennten sich 1980. Danach nahmen sie noch ihr zweites Album "Jane from Occupied Europe" auf. Head erinnert sich an Tonnen aufgenommenen Materials, doch die Auswahl wurde zu einem Kompromiss verschiedener Interessen. "Aber einiges habe ich im Lockdown ausgegraben und auf die Compilation ‚Mayday Signals‘ gegeben", spricht er die Zusammenstellung an, die 2021 erschienen ist.

Head lebte ab 1980 in besetzten Häusern im Londoner Stadtteil Hackney und war zeitweise obdachlos. Die anderen Swell Maps waren nicht viel sesshafter, Nikki Sudden landete in Berlin, verstorben ist er in New York. Viel Material wurde irgendwo bei Freunden oder Eltern zwischengelagert, und dass nicht alles verloren gegangen ist, grenzt an ein Wunder.

Heads Schaffen blieb vielseitig, er hatte auch nach den Swell Maps Projekte mit Sudden und Epic Soundtracks, die jedoch anders gewichtet waren. Vorerst gilt es zu warten auf sein Buch über die Swell-Maps-Jahre 1972 bis 1980. Eigentlich hätte es bereits an besagtem Konzertwochenende im Dezember präsentiert werden sollen, doch wie üblich kam’s anders. "Die Konzerte wollte ich trotzdem spielen, und mir war wichtig, auch die experimentelle Seite der Swell Maps zu präsentieren." Das Buch soll im Februar erscheinen und enthält neben Heads Geschichten und Gschichtln zahlreiche Fotos und Flyer aus seiner Privatsammlung - und als Bonus eine spezielle 7‘-Vinylsingle.

Neben seiner Archivarbeit ist Head nach wie vor in verschiedenen Bands aktiv, darunter Infernal Contraption, Rude Mechanicals und solo: "Gerade habe ich meinen ersten Soundtrack für einen Film des schottischen Regisseurs Grant McPhee fertiggemacht, der schon viel über die dortige Post-Punk-Szene gedreht hat. Außerdem arbeite ich an einem Buch über meine Zeit nach den Swell Maps."

Oh ja, da war noch was: Head spielte bei den psychedelisch-poppig angehauchten Post-Punks Television Personalities. "Über die haben wir noch gar nicht geredet, soll ich?"

Das wird wohl ein eigenes Interview werden.